Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 95

 
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Das Leben mit all seinen Schmerzen, Ängsten und Erschütterungen muß für den, der es in Begleitung durchlebt (und es wahrnehmen kann), so schön und fröhlich sein wie eine Reise in einer alten Postkutsche.

Ich kann mein Leiden nicht einmal als ein Zeichen von Größe empfinden. Ich bin mir unsicher. Ich leide an so Unerheblichem, mich verletzt so Belangloses, daß diese Hypothese, sofern ich mich zu ihr erkühne, jeder anderen Hypothese, nämlich der meiner Genialität, hohnspräche.

Die Pracht eines schönen Sonnenuntergangs macht mich traurig mit ihrer Schönheit. Bei ihrem Anblick sage ich mir immer: Welche Freude muß ein glücklicher Mensch bei diesem Schauspiel empfinden!

Dieses Buch ist eine einzige Wehklage. Wenn es denn geschrieben ist, wird Allein[63]   nicht mehr das traurigste Buch Portugals sein.

Neben meinem Schmerz erscheint mir aller andere Schmerz nichtig und fragwürdig. Es ist der Schmerz glücklicher Menschen oder der Schmerz von Menschen, die leben und sich beklagen. Mein Schmerz ist der eines Eingeschlossenen, abgeschnitten vom Leben …

Zwischen mir und dem Leben …

Und so sehe ich alles, was ängstigt, aber fühle nichts von all dem, was erfreut. Ich habe festgestellt, daß man den Schmerz mehr sieht als fühlt und die Freude mehr fühlt als sieht. Denn wer nicht denkt und nicht sieht, kann eine gewisse Zufriedenheit erlangen, wie die der Mystiker, der Bohemiens und der Gauner. Doch letztlich kommt der Schmerz durch das Fenster des Beobachtens und die Tür des Denkens in unser aller Haus.

413

Vom Traum und für den Traum leben, das Universum auseinandernehmen und wieder zusammensetzen – gedankenverloren wie in den Augenblicken, in denen wir träumen; und dies in dem bewußten Bewußtsein der Nutzlosigkeit und […] dieses Tuns. Das Leben mit ganzem Körper ignorieren, sich mit allen Sinnen aus der Wirklichkeit verlieren, der Liebe mit ganzer Seele entsagen. Die Krüge, die wir zum Brunnen tragen, mit nutzlosem Sand füllen und leeren, um sie wieder zu füllen und wieder zu leeren, umsonst, umsonster, am umsonstesten.

Girlanden binden und, sobald sie gebunden sind, lösen, gründlich, ganz und gar.

Farben nehmen und auf der Palette mischen, ohne eine Leinwand zum Bemalen vor uns. Stein bestellen und, ohne Bildhauer zu sein, mit dem Meißel ohne Meißel behauen. Aus allem eine Absurdität machen und unsere fruchtlosen Stunden zu nichtigen vervollkommnen. Versteck spielen mit unserem Bewußtsein zu leben.

Hören, wie die Stunden uns sagen, daß wir mit einem erfreuten, ungläubigen Lächeln existieren. Sehen, wie Zeit die Welt malt, und das Gemälde nicht nur für unwahr halten, sondern auch für hohl.

In widersprüchlichen Sätzen denken und dabei laut von Lauten sprechen, die keine Laute sind, und von Farben, die keine Farben sind. Sagen – und es verstehen, was ohnehin unmöglich ist –, daß wir das Bewußtsein haben, kein Bewußtsein zu haben, und daß wir nicht sind, was wir sind. Dies alles mit einem verborgenen, paradoxen Sinn erklären, der den Dingen, ihrer anderen, göttlichen Seite vielleicht innewohnt, und dieser Erklärung nicht allzuviel Glauben schenken, um nicht auf sie verzichten zu müssen …

All unsere Träume vom Sprechen in nichtiges Schweigen meißeln. All unsere Gedanken an ein Handeln in Reglosigkeit erstarren lassen.

Und über all dem hängt, fern wie ein ungetrübter, blauer Himmel, der Schrecken zu leben.

414

Geträumte Landschaften aber sind nur der Rauch bekannter Landschaften, und der Überdruß, sie zu träumen, ist fast so groß wie der Überdruß, die Welt zu betrachten.

415

Phantasiegestalten sind klarer und wahrer als wirkliche Gestalten.

Die Welt meiner Phantasie war immer die einzig wahre Welt für mich. Nie habe ich Liebe so wahr erlebt, so beschwingt, intensiv und lebendig, wie mit den Gestalten, die ich mir selbst erschuf. Ein Wahnsinn! Und ich denke sehnsüchtig an sie zurück, denn wie jede andere Liebe ist auch sie vergänglich …

416

Während meiner Zwiegespräche mit mir an jenen von der Phantasie beflügelten Nachmittagen träger Unterhaltungen im dämmrigen Licht erdachter Salons frage ich mich bisweilen während des kurzen Schweigens, in dem ich mich alleine mit meinem Gesprächspartner – mehr ich als die anderen – wiederfinde, aus welchem wahren Grund wohl unser wissenschaftliches Zeitalter seinen Willen zu verstehen nicht auf künstliche, anorganische Dinge ausgedehnt hat. Und eine jener Fragen, denen ich bis zur Ermattung nachhänge, ist die, warum man neben der üblichen Psychologie menschlicher und untermenschlicher Wesen nicht auch eine Psychologie (die es gewiß gibt) künstlicher Wesen betreibt und jener Geschöpfe, deren Dasein sich gänzlich auf Teppichen und Gemälden abspielt. Eine traurige Sicht der Wirklichkeit hat, wer sie auf das Organische beschränkt und Statuen und Nadelarbeiten eine Seele abspricht. Wo Form ist, ist auch Seele.

Diese Überlegungen, die ich hier mit mir anstelle, sind nicht etwa eine Folge müßiger Gedanken, sondern einer wissenschaftlichen Arbeit wie jeder anderen auch. Deshalb betrachte ich, noch ehe ich eine Antwort habe oder weiß, ob ich je eine Antwort finden werde, das Mögliche als etwas bereits Existierendes und stelle mir mit Hilfe innerer Analysen und intensiver Konzentration die möglichen Ergebnisse dieses so verwirklichten Desideratums vor. Kaum beginne ich mit dem Denken, erscheinen vor meinem inneren Auge über Bilder gebeugte Wissenschaftler, wohl wissend, daß diese Bilder Leben sind; Mikroskopisten des Gewebes treten aus den Teppichen hervor; Physiker aus den breiten, flackernden Mustern ihrer Bordüren; Chemiker, ja, aus der Vorstellung von Farbe und Form der Bilder; Geologen aus den stratigraphischen Schichten der Grisaillen; schließlich – und das ist das wichtigste – Psychologen, die jede nur mögliche Empfindung jeder einzelnen Statue zusammentragen und aufzeichnen, jeden nur möglichen Gedanken, der die blasse Psyche der Gestalt eines Gemäldes oder Glasfensters bewegt, die verrückten Anwandlungen, die zügellosen Leidenschaften, das gelegentliche Mitleid, den gelegentlichen Haß […] wie sie in diesen eigentümlichen Universen der Starre und der Stille vorkommen, sei es in den ewigen Gesten auf den Basreliefs, sei es im unsterblichen Bewußtsein der Figuren auf den Leinwänden.

Literatur und Musik sind mehr als jede andere Kunst für die feinen Sinne eines Psychologen geschaffen. Romanfiguren sind bekanntlich so real wie jedermann. Bestimmte Tonmerkmale sind auf geflügelte, flüchtige Weise beseelt, aber dennoch geeignet für Psychologie und Soziologie. Denn – und es ist gut für die Unwissenden zu wissen – ebenso wie in Farben, Tönen und Sätzen ganze Gesellschaften existieren, existieren auch Regime und Revolutionen, Regierungen und Politik […], und zwar im absoluten und nicht etwa im metaphorischen Sinn, im Instrumentalensemble symphonischer Werke, im strukturierten Ganzen von Romanen, in den Quadratmetern eines vielschichtigen Gemäldes, auf dem das bunte Treiben der Krieger, der Liebenden und der Symbolgestalten sich in Freude und Leid verbindet.

Wenn eine Tasse aus meiner japanischen Sammlung zerbricht, stelle ich mir vor, nicht die unachtsamen Hände einer Dienstmagd seien die eigentliche Ursache, sondern die Ängste der Figuren, welche die Wölbung dieser Porzellan- […] bewohnen; ihr düsterer Entschluß zum Selbstmord erstaunt mich nicht: Die Figuren bedienen sich der Magd, wie man sich eines Revolvers bedient. Dies zu wissen – und wie genau ich dies weiß! – heißt jenseits der Grenzen der modernen Wissenschaft stehen.

     

 

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