Ihr Vater unterbrach sie mit einer raschen beruhigenden Handbewegung, aber er wandte sich an Hendrik, nicht an sie, als er weitersprach. »Würden Sie uns vielleicht einen Moment allein lassen, Hendrik?«, bat er.
»Selbstverständlich.« Der grauhaarige Bodyguard stand mit einer fließenden Bewegung auf. »Ich wollte ohnehin das Grundstück in Augenschein nehmen. Dieser große Garten gefällt mir nicht. Zwischen all diesen Büschen könnte sich eine ganze Armee verstecken und ich würde es nicht einmal merken.«
Vater sah ihm nach, bis er die große Schiebetür zum Garten geöffnet hatte und verschwunden war. »Der Mann ist ein echter Profi. Ein beruhigendes Gefühl, so jemanden in der Nähe zu haben.«
Leonie fand, dass es eher ein beunruhigendes Gefühl war, so jemanden wie ihn auch nur zu brauchen. »Was ist mit Mutter?«, fragte sie.
»Deiner Mutter fehlt nichts.« Vater sah sie nicht an. »Es war alles ein bisschen viel für sie.«
»Der Krankenwagen«, beharrte Leonie.
»Ihr fehlt nichts«, beteuerte Vater. »Ich halte es nur für besser, wenn sie sich eine Weile... erholt.« Er brachte sie mit einer Geste zum Schweigen, als sie widersprechen wollte. »Es ist besser so, glaub mir. Du hast gestern Abend selbst erlebt, was passiert ist.«
»Du meinst...« Leonie brach erschrocken ab. »Aber sie haben Bernhard und seine Bande doch mitgenommen!«
»Und?« Vater schnaubte. »Das waren doch nur Handlanger. Austauschbare Werkzeuge, die schnell ersetzt sind.«
»Was hat das alles mit Mutter zu tun?«, wollte Leonie wissen. »Wieso ist sie mit dem Krankenwagen weggebracht worden? Sag mir die Wahrheit!«
Das Aufleuchten einer roten Lampe über der Tür bewahrte ihren Vater davor, antworten zu müssen. Er schrak zusammen und stand in der gleichen Bewegung auf.
»Was ist denn das?«, fragte Leonie überrascht.
»Der Bewegungsmelder«, antwortete ihr Vater. »Jemand hat das Grundstück betreten. Besuch. Aber um diese Zeit?«
»Seit wann haben wir eine Alarmanlage?«, wunderte sich Leonie.
»Schon eine ganze Weile«, antwortete Vater. »Ich hatte nur gehofft, dass wir sie nicht brauchen würden. Deswegen habe ich sie nie eingeschaltet. Bleib hier.« Er verschwand im Haus, aber bevor er es tat, glitt seine rechte Hand in die Jackentasche. Leonie hatte eine ziemlich konkrete Vorstellung von dem, was er darin trug.
Natürlich blieb sie nicht sitzen, sondern folgte ihrem Vater so schnell, dass sie ihn bereits einholte, noch bevor er die Haustür erreichte. Er reagierte mit einem wenig begeisterten Blick, sagte aber nichts, sondern streckte die Linke nach der Türklinke aus. Seine andere Hand blieb weiter in der Jackentasche.
Vor der bernsteinfarbenen Glasscheibe hob sich die Silhouette einer schlanken Frau ab. Gerade als sie die Hand nach der Klingel ausstrecken wollte, riss ihr Vater die Tür auf, und nicht nur Leonie fuhr überrascht zusammen.
»Theresa!«, grollte Vater. »Was suchen Sie denn hier?«
»Ja, ich... ich freue mich auch, dich zu sehen«, antwortete Theresa stockend. »Das meine ich ernst.«
»Was wollen Sie?«, fragte Vater. »Hier aufzutauchen, ist ja wohl der Gipfel der Unverfrorenheit!«
»Ich... ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst«, erwiderte Theresa unsicher. »Aber ich muss mit dir reden... mit euch. Darf ich reinkommen?«
»Nein«, antwortete Vater grob. »Sie sollten gehen, bevor ich die Polizei rufe und Sie verhaften lassen. Ich frage mich sowieso, warum ich das nicht gleich tue.«
Theresa rang mühsam um Fassung. »Ich kann dich ja verstehen«, sagte sie. Leonie hörte ein Geräusch hinter sich, wandte den Kopf und erblickte Hendrik, der den Hausflur betreten hatte. Er war stehen geblieben, sah aber sehr aufmerksam aus. Auch Theresa hatte den elegant gekleideten Bodyguard entdeckt und verstummte für einen Moment, fuhr aber dann schneller und mit leicht schriller Stimme fort: »Ich habe gehört, was gestern Nacht hier passiert ist. Es tut mir wirklich Leid. Ich wollte das nicht. Das musst du mir glauben! Sie sollten nur das Buch holen, sonst nichts.«
»Sie geben es also zu?« Vater schüttelte ungläubig den Kopf. »Das ist ungeheuerlich! Sie hetzen uns ein Killerkommando auf den Hals und haben dann auch noch die Unverfrorenheit, hier aufzutauchen und um Verständnis zu bitten?! Nennen Sie mir einen einzigen vernünftigen Grund, warum ich nicht sofort die Polizei rufen soll!«
»Ich habe doch gesagt: Es tut mir Leid«, rief Theresa.
»Leid?!«, fauchte Vater. Hendrik kam näher und verschränkte die Arme vor der Brust, während er hinter Leonie und ihrem Vater Aufstellung nahm. Er sagte kein Wort, aber er war die personifizierte Drohung. »Leid?«, fragte Vater noch einmal. Seine Stimme überschlug sich fast. »Meine Frau hatte einen Nervenzusammenbruch und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Meine Tochter wurde zusammengeschlagen und Ihr Rollkommando hat das halbe Haus in Trümmer gelegt - und es tut Ihnen Leid?«
»So sollte es nicht enden«, beteuerte Theresa. »Aber du musst aufhören, das Buch zu missbrauchen. Du weißt nicht, welchen Schaden du anrichtest!«
»Im Moment hätte ich gute Lust, eine ganz andere Art von Schaden anzurichten«, knurrte Vater. Er schien noch mehr sagen zu wollen, drehte sich dann aber auf dem Absatz um und wandte sich an Hendrik. »Kümmern Sie sich bitte um meine Tochter. Ich komme gleich nach.« Und bevor Leonie auch nur begriff, was er damit meinte, trat er zu Theresa hinaus und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
»He!«, protestierte Leonie. »Was soll denn das?«
Hendrik lachte. »Ich glaube, dein Vater wollte dir auf diese Weise sagen, dass er allein mit dieser Frau reden möchte - ich darf doch du sagen?«
»Solange Sie nicht wieder mit diesem Ehrwürdiges-Fräulein-Blödsinn anfangen«, sagte Leonie. Hendrik zog überrascht die Augenbrauen hoch und Leonie fügte mit einem flüchtigen Lächeln hinzu: »Ich bin nicht blind.«
Sie wandte sich wieder zur Tür. Theresa und ihr Vater hatten sich ein paar Schritte entfernt. Sie konnte nicht hören, was sie miteinander redeten, aber beide hatten heftig zu gestikulieren begonnen. »Vielleicht sollten wir die beiden nicht allein lassen«, sagte sie leise.
»Ich denke, dein Vater kann sich ganz gut selbst seiner Haut wehren«, erwiderte Hendrik, aber Leonie schüttelte den Kopf.
»Ich mache mir eher Sorgen um Theresa«, erklärte sie. »Mein Vater hat sich verändert, wissen Sie? Er war früher ein sehr friedlicher Mensch, aber seit ein paar Tagen...«
»Er steht unter großem Druck«, antwortete Hendrik. »Du musst ihn verstehen. Ich erlebe so etwas öfter.«
»Als professioneller Bodyguard?«, fragte Leonie. Sie sah, dass Hendrik mit diesem Wort nichts anfangen konnte und verbesserte sich: »Leibwächter.«
»Die Leute neigen dazu, die Gefahr zu überschätzen«, bemerkte Hendrik schulterzuckend. »So etwas wie gestern Nacht wird sich nicht wiederholen, das verspreche ich dir.«
»Haben Sie wenigstens eine Waffe?«, fragte Leonie.
Hendrik verneinte. »Die brauche ich nicht. Waffen sind gefährlich. Auch für den, der sie besitzt. Aber mach dir keine Sorgen. Meine Männer und ich passen schon auf deinen Vater auf. Ihm wird nichts geschehen.«
»Nur auf meinen Vater?«, hakte Leonie nach. »Nicht auf mich?«
Hendrik wirkte für einen Moment ertappt. »Ich... ich meine natürlich: auf euch«, sagte er hastig.
Aber das hatte er nicht gemeint. Die Bemerkung war ihm herausgerutscht, ohne dass er es gewollt hatte, und er bedauerte sie zutiefst, das spürte Leonie genau. Sie wollte erneut nachhaken, doch Hendrik kam ihr zuvor. »Die Sache mit dem Jungen gestern Abend...«