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»Ich habe ihn absichtlich laufen lassen«, fiel ihm Leonie ins Wort. »Und?«, fügte sie herausfordernd hinzu. »Verpetzen Sie mich jetzt bei meinem Vater?«

»Eigentlich wollte ich nur wissen, warum du das getan hast«, antwortete Hendrik.

»Sie haben es gemerkt?«

»Was sagtest du gerade selbst?«, fragte Hendrik lächelnd. »Ich bin nicht blind. Aber keine Sorge. Ich habe deinem Vater nichts gesagt und ich werde ihm auch nichts sagen. Aber warum hast du es getan? Diese Leute hätten euch umgebracht.«

»Maus hat nichts damit zu tun.«

»Maus? Ist das sein Name?«, wollte Hendrik wissen.

»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Leonie. »Aber sie haben ihn so genannt. Und er hat nichts damit zu schaffen.«

»Immerhin war er dabei«, gab Hendrik zu bedenken.

»Stimmt! Und vorher ist er über das Dach in mein Zimmer eingedrungen, um mich zu warnen. Deshalb habe ich ihn laufen lassen.«

»Ich bin nicht sicher, dass du ihm damit einen Gefallen getan hast«, sagte Hendrik, aber zugleich erschien auch ein sehr warmes, ehrliches Lächeln auf seinem Gesicht. »Du magst diesen Jungen.«

»Quatsch«, entgegnete Leonie. »Ich kenne ihn ja gar nicht.«

Hendrik lächelte nur, und weiter kamen sie auch nicht, denn die Tür wurde aufgerissen und Leonies Vater kam zurück. »Diese impertinente Person!«, schimpfte er. »Sie wagt es, nach all dem nicht nur, hierher zu kommen, sondern untersteht sich auch noch, mir Vorwürfe zu machen!«

»Soll ich sie von meinen Männern beschatten lassen?«, fragte Hendrik. Leonies Vater überlegte einen Moment, dann nickte er. »Warum eigentlich nicht? Wenigstens für eine Weile. Ich traue ihr und ihren sauberen Freunden alles zu. Veranlassen Sie das Nötige.«

Hendrik entfernte sich gehorsam und Vater schien darauf zu warten, dass auch Leonie ging - aber sie dachte ja gar nicht daran.

»Was war denn das gerade für eine Geschichte?«, fragte sie. »Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch?«

»Sie hatte einen Schock«, antwortete Vater. »Du hast sie doch selbst gesehen, oder?«

»Wenn es so schlimm war, warum hast du dann nicht gestern Abend schon einen Arzt gerufen?«, wollte Leonie wissen. »Hier stimmt doch was nicht! Ich will jetzt endlich die Wahrheit wissen!«

Ihr Vater schwieg einen Moment, aber dann seufzte er und machte eine Bewegung, die irgendwo zwischen einem Nicken und einem resignierten Achselzucken lag. »Also gut, du hast ja Recht. Ich hätte es dir schon viel eher sagen sollen, aber ich habe gehofft, dass es sich von selbst wieder bessert.«

»Dass sich was bessert?«, fragte Leonie.

Wieder druckste ihr Vater einige Sekunden herum, bevor er antwortete. »Deine Mutter hat... schon seit einer ganzen Weile Probleme«, sagte er zögernd. »Begonnen hat es schon viel früher. Vor ungefähr zehn Jahren.«

»Als...«, Leonie brach ab und schluckte trocken.

Vater nickte. »Ja. Kurz nachdem dein kleiner Bruder gestorben ist. Ich glaube, sie ist nie ganz darüber hinweggekommen. Und jetzt... nachdem all diese schrecklichen Sachen passiert sind.« Vater starrte einen Moment lang ins Leere, bevor er weitersprach. »Sie ist stiller geworden, das ist dir doch bestimmt auch schon selbst aufgefallen.«

Leonie nickte. »Und?«

»Die Ärzte haben eine Menge hochkomplizierter Bezeichnungen dafür«, fuhr Vater fort. »Aber wir haben es früher einfach Depressionen genannt. Ich hatte gehofft, dass es sich irgendwann einmal bessert, aber das war nicht der Fall. Ganz im Gegenteiclass="underline" Es ist immer schlimmer geworden. Die Geschichte heute Nacht war zu viel für sie. Deshalb habe ich mich entschlossen, sie für eine Weile in die Obhut von Menschen zu geben, die sich besser um sie kümmern können als ich.«

Leonie dachte noch einmal an den Krankenwagen, aber es vergingen trotzdem weitere drei oder vier Sekunden, bevor sie wirklich begriff, was die Worte ihres Vaters bedeuteten. »Du... hast sie... in die Klapsmühle einweisen lassen?«, keuchte sie.

»Das Wort Sanatorium wäre mir lieber«, sagte ihr Vater ruhig.

»Du hast sie einfach... abgeschoben?«, murmelte Leonie ungläubig.

»Ich kann hier nichts mehr für sie tun«, verteidigte sich Vater. »Es ist das beste Sanatorium im ganzen Land. Dort kann man sich viel besser um sie kümmern.«

»Aha«, meinte Leonie bitter. »Und wo kann man sich viel besser um mich kümmern?«

Vaters Gesicht verdüsterte sich. »Hat Hendrik etwa...?«

»Nein«, unterbrach ihn Leonie. »Aber stell dir vor, ich bin ganz von selbst draufgekommen.«

»Es ist besser so«, erklärte ihr Vater. »Verdammt, Leonie, glaubst du denn, es fällt mir leicht, mich von meiner Familie zu trennen? Bestimmt nicht! Aber du hast doch selbst erlebt, was heute Nacht passiert ist! Und diese Leute werden nicht aufhören, ganz egal, wie scheinheilig diese Theresa auch tut! Verstehst du nicht, was hier vorgeht?«

»Nein!«, antwortete Leonie ehrlich.

»Diese Verrückten wollen mit Gewalt erreichen, dass das Buch in deinen Besitz übergeht«, sagte ihr Vater. »Sie wissen, dass ich das freiwillig nicht zulassen würde - aber es gibt einen anderen Weg, um das zu erreichen.«

»Und welchen?«

»Du könntest es erben«, antwortete Vater. »Wenn deiner Mutter und mir etwas zustoßen würde, dann würdest du es ganz automatisch erben.«

Leonie wirkte schockiert. »Du glaubst, sie... sie würden versuchen euch umzubringen?«, murmelte sie ungläubig.

»Ich traue es ihnen auf jeden Fall zu«, erklärte Vater grimmig. »Vor allem nach heute Nacht.« Er schüttelte heftig den Kopf, um jeden möglichen Widerspruch von vornherein im Keim zu ersticken. »Ich kann kein Risiko eingehen. Bis die Sache ausgestanden ist, möchte ich, dass du an einem Ort bist, wo sie dich nicht finden.«

»Und... wann?«, fragte Leonie mit leiser bebender Stimme.

»Heute«, sagte Vater. Er sah auf die Uhr. »Dein Zug geht in knapp zwei Stunden. Es ist bereits alles arrangiert. Geh bitte nach oben und pack deine Sachen zusammen. Hendrik bringt dich zum Bahnhof.«

Die zwei Stunden Frist, die ihr Vater ihr gewährt hatte, hätten Leonie normalerweise nicht einmal gereicht, um sich auch nur zu überlegen, welche Sachen sie einpacken sollte und worauf sie in nächster Zeit getrost verzichten konnte - und wie auch? Sie wusste weder wohin sie ins Exil geschickt wurde, noch wie lange ihr unfreiwilliger Aufenthalt in Wo-auch-immer dauern würde. Die Frage stellte sich jedoch gar nicht. Als Leonie in ihr Zimmer hinaufkam, fand sie zu ihrer nicht geringen Überraschung drei nagelneue und allem Anschein nach bereits fix und fertig gepackte Koffer auf ihrem Bett vor. Ebenso verwirrt wie neugierig machte sie einen davon auf und erlebte eine zweite, noch größere Überraschung: Der Koffer war ordentlich gepackt, aber die Kleider darin waren ihr ebenso fremd wie der Koffer selbst, und genauso neu. Nacheinander öffnete sie auch noch die beiden anderen Koffer und sichtete ihren Inhalt. Die Kleider hatten genau ihre Größe und entsprachen auch genau ihrem Geschmack. Jedes einzelne Teil war neu - und es waren ziemlich viele: ein gutes Dutzend T-Shirts, ebenso viele Blusen und Pullover, Jeans, ein halbes Dutzend Röcke, ein paar Schuhe und, und, und - auf jeden Fall entschieden zu viele, um der Behauptung ihres Vaters, es handele sich nur um ein paar Tage, auch nur einen Rest von Glaubwürdigkeit zu lassen.

Sie versuchte die drei Koffer wieder genauso ordentlich zu schließen, wie sie sie vorgefunden hatte (es blieb bei dem Versuch. Das Ergebnis war allerhöchstens mäßig), wandte sich um und prallte fast mit Hendrik zusammen, als sie ihr Zimmer verließ.

»Nicht so stürmisch«, sagte Hendrik lächelnd. »Wir haben ja noch ein wenig Zeit.«

Leonie setzte zu einer Antwort an, drehte aber dann stattdessen den Kopf und runzelte die Stirn, als sie das typische Motorengeräusch von Vaters Porsche hörte. »Was...?«