»Ich soll dir sagen, dass dein Vater dringend weg musste«, erklärte Hendrik.
»Jetzt?«, fragte Leonie ungläubig.
Hendrik hob die Schultern. »Ich hatte das Gefühl, dass er es wirklich ernst meinte. Es tut ihm Leid, dass er dich nicht selbst zum Bahnhof bringen oder wenigstens bis zu deiner Abreise bleiben konnte. Aber er wird versuchen zum Bahnhof zu kommen, um sich dort mit uns zu treffen. Und ich soll dir noch etwas von ihm geben.« Seine Hand glitt unter das Sakko des modern geschnittenen, hellblauen Sommeranzuges und kramte einen Moment lang dort herum, und erneut fiel Leonie auf, wie sonderbar unpassend das - zweifellos maßgeschneiderte - Kleidungsstück an ihm wirkte. Endlich förderte er einen dicken, gepolsterten Umschlag zutage, den er Leonie reichte. »Ich bringe dein Gepäck nach unten. Das Fahrzeug, das dein Vater bestellt hat, wird in einer halben Stunde hier sein.«
Er sagte Fahrzeug, nicht Taxi, dachte Leonie und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Etwas in ihr hatte längst begriffen, was das Ganze bedeutete, aber der Gedanke war so bizarr, dass sich ihr Verstand immer noch weigerte, die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen. Während Hendrik in ihr Zimmer ging, um die Koffer zu holen, trat sie einen Schritt zur Seite und riss den Umschlag auf. Er enthielt ein modernes Handy und eine Kreditkarte, auf der Leonie zu ihrer eigenen Überraschung ihren eigenen Namen entdeckte, sowie eine einzelne Visitenkarte mit einer Adresse in Frankfurt und einer zusätzlich mit der Hand darunter geschriebenen Telefonnummer.
Leonie steckte die beiden Karten mit einem angedeuteten Achselzucken ein, klappte das Handy auf und staunte nicht schlecht, als sie sah, dass es sich tatsächlich um das allerneueste Modell handelte; einer jener kleinen Wunderapparate, die so viel Video-, Spiel- und Internetfunktionen hatten, dass sie kein normaler Mensch alle ausprobieren konnte. Sie aktivierte das Telefonbuch und stellte fest, dass sich schon ein gutes Dutzend Einträge darin befand: ihre Nummer hier zu Hause, die beiden Mobilfunk-Anschlüsse ihres Vaters, aber auch ein paar Nummern, die ihr gänzlich unbekannt waren.
Hendrik kam zurück. Obwohl er die drei schweren Koffer auf einmal trug, bewegte er sich lautlos wie eine Katze. Als er bei Leonie angekommen war, blieb er stehen und deutete mit dem Kopf auf das Handy: »Dein Vater lässt dir ausrichten, dass du im Notfall nur die Eins drücken musst.«
»Und dann?«
»Bin ich in spätestens einer Minute da«, antwortete Hendrik. »Oder einer meiner Männer. Aber wahrscheinlich werde ich es sein. Er hat mich persönlich für deine Sicherheit verantwortlich gemacht.«
»Und wenn ich keinen Wert darauflege?«
Hendriks Lächeln nach zu urteilen, war es ihr nicht gelungen, ihn zu beleidigen. Er hob die Schultern, ging weiter und sagte: »Ich mache nur meine Arbeit.«
Leonie sah ihm frustriert nach, kehrte aber dann noch einmal in ihr Zimmer zurück So vorausschauend ihr Vater - oder die mittelgroße Armee von Heinzelmännchen, die er zu beschäftigen schien - auch gewesen sein mochte, eines hatte er vergessen, sie jedoch nicht: Sie hatte eindeutig zu wenige Freunde, als dass sie es sich leisten konnte, einen von ihnen einfach in einem Schuhkarton auf dem Schreibtisch zurückzulassen.
Der Schuhkarton war noch da, aber Conan nicht. Auf dem zerknüllten Taschentuch waren noch die Umrisse des winzigen Mauskörpers zu sehen, aber er selbst war spurlos verschwunden.
»Conan?«, rief sie. »Wo bist du? Das ist deine letzte Chance! Das Taxi wartet!«
»Noch nicht ganz«, antwortete Hendriks Stimme hinter ihr. »Aber wir sollten uns trotzdem allmählich fertig machen.« Er sah sich mit übertrieben gerunzelter Stirn um. »Wer ist Conan?«
»Niemand«, erwiderte Leonie hastig. »Ich habe nichts gesagt. Sie müssen sich getäuscht haben.«
Bevor Hendrik Gelegenheit hatte, seinen Unglauben, der sich deutlich auf seinem Gesicht widerspiegelte, zu äußern, fuhr sie auf dem Absatz herum, stürmte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Ihre Koffer standen vor der Tür, aber Leonie wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und ging ins Arbeitszimmer.
Alle Spuren der vergangenen Nacht waren beseitigt. Bücher und Akten standen wieder ordentlich auf den Regalen, die Bilder hingen an ihren Plätzen, als hätte hier niemals ein Kampf stattgefunden, und selbst die zerbrochenen Gläser und Blumenvasen waren bereits ersetzt worden. Der einzige Unterschied zu sonst war der Tresor: Die schwere Stahltür stand offen und der Geldschrank war vollkommen leer.
»Brauchst du noch irgendetwas?«
Diesmal fuhr Leonie erschrocken zusammen, als sie Hendriks Stimme hinter sich hörte. »Nein«, sagte sie gepresst, zählte in Gedanken langsam bis drei und drehte sich dann betont gemächlich herum. »Aber Sie könnten mir einen großen Gefallen tun. Hören Sie bitte auf, sich ständig wie eine Katze anzuschleichen. Irgendwann bekomme ich noch einen Herzinfarkt.«
»Ich werde mir kleine Glöckchen an die Hosenbeine nähen«, erklärte Hendrik grinsend. »Das Fahrzeug ist da.«
»Schön, dass Sie nicht Kutsche gesagt haben«, murmelte sie - wohlweislich aber so leise, dass Hendrik ihre Antwort nicht hören konnte. Keine zwei Minuten später saßen sie im Taxi und fuhren in Richtung Bahnhof.
Leonie hatte vorn auf dem Beifahrersitz Platz genommen, obwohl das dem Fahrer nicht zu gefallen schien. Aber auf diese Weise konnte sie Hendrik besser im Auge behalten, der wohl oder übel allein auf der breiten Rückbank des Mercedes saß. Der Anblick überraschte sie kein bisschen, aber er gab ihr zu denken. Sie hätte schon blind sein müssen, um nicht zu erkennen, wie unwohl sich Hendrik fühlte - nicht nur in dem hellblauen Anzug, sondern auch in diesem Wagen. Er saß stocksteif da wie ein Mensch, der all seine Willenskraft aufbringen musste, um sich seinen wahren Gemütszustand - nämlich nackte Angst - nicht anmerken zu lassen. Immer wieder sah er aus dem Fenster und zuckte dann sofort zurück und seine Hände zitterten leicht. Leonie riss ihren Blick mühsam vom Spiegel los und wandte sich an den Fahrer. »Biegen Sie da vorne links ab«, sagte sie.
»Das ist doch nicht der Weg zum Bahnhof!«, protestierte der Fahrer.
»Ich weiß«, erwiderte Leonie. »Aber ich möchte noch kurz zum Friedhof. Keine Sorge«, sagte sie an Hendrik gewandt, »der Zug geht erst in einer Stunde und mit dem Fahrzeug sind wir sehr viel früher dort.«
»Ich weiß«, antwortete Hendrik gepresst. Er vermied es jetzt krampfhaft, aus dem Fenster zu sehen. Seine Stirn war von einem Netz feiner Schweißtröpfchen überzogen.
Der Taxifahrer warf erst ihr, dann Hendrik einen irritierten Blick zu, setzte aber gehorsam den Blinker und bog an der nächsten Kreuzung links ab. Zwei Minuten später erreichten sie die Straße, an der der Friedhof lag, und Leonie bedeutete dem Fahrer, anzuhalten. Sie öffnete die Tür, stieg aus und blieb nach zwei Schritten wieder stehen. Sie konnte hören, wie die Autotür hinter ihr noch einmal aufging und Hendrik ausstieg. Er sagte nichts, sondern trat nur schweigend neben sie und schien darauf zu warten, dass sie von sich aus die Stille brach.
Leonie konnte gar nichts sagen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wusste nicht, warum sie der Anblick so schockierte; sie sah im Grunde nichts anderes als das, was sie ohnehin erwartet hatte. Oder befürchtet, je nachdem.
Vor ihr lag das Grundstück, auf dem sie am vergangenen Abend noch die Ruine einer niedergebrannten gotischen Kapelle gesehen hatte. Von den Trümmern war nichts mehr zu sehen. Vor Leonie erstreckte sich ein kleines gepflegtes Parkgrundstück mit Blumenrabatten, einer hölzernen Bank, auf der ein kleines Messingschildchen den Namen des großzügigen Spenders verkündete, und ein gutes halbes Dutzend mächtiger, mindestens hundert Jahre alter Bäume. Die Kapelle war verschwunden.
So spurlos, als hätte es sie nie gegeben.