Zug in die Hölle
Auf dem Weg zum Bahnhof hatte Leonie kurz mit dem Gedanken gespielt, Hendrik gewissermaßen den Rest zu geben, indem sie ihn zwang, mit ihr in den ICE zu steigen. Er war fast vor Angst gestorben, als sie mit dem Taxi durch den Berufsverkehr zum Bahnhof gefahren waren - und sie hatten niemals mehr als fünfunddreißig oder höchstens vierzig Stundenkilometer erreicht.
Natürlich tat sie es am Ende doch nicht. Schon immer war es Leonie verhasst gewesen, ihre Launen an Unschuldigen oder Unbeteiligten auszulassen, und außerdem begann ihr Hendrik bereits wieder Leid zu tun, während sie sich dem ICE auch nur näherten. Er beherrschte sich meisterhaft, aber das Flackern in seinen Augen verriet Leonie dennoch, dass ihn allein der Anblick des weiß-rot gestreiften Monstrums mit etwas erfüllte, das verdächtig an Todesangst erinnerte. Als er ihr in den Zug folgte, um die Koffer in ihr Abteil zu bringen, wurde er sichtbar langsamer und ging erst weiter, als er sich des aufmerksamen Blicks von Leonie bewusst wurde.
Das Erste-Klasse-Abteil war noch leer, aber über jedem der sechs Sitze leuchtete das Display mit der roten Anzeige Reserviert. Hendrik verstaute ihre Koffer auf der Gepäckablage (sie nahmen fast den gesamten Platz ein; die Leute, die nach ihr kamen, würden sich freuen, dachte Leonie), während sie selbst auf ihrem Fahrschein nachsah, welcher Platz für sie reserviert war, und sich setzte.
»Wäre das alles?«, fragte Hendrik nervös.
Leonie nickte. Der Zug würde erst in gut zehn Minuten abfahren, aber sie sah ihm an, dass er in jeder Sekunde innerlich tausend Tode starb. Sie schämte sich des Gefühls der Schadenfreude mittlerweile beinahe, das sie gerade empfunden hatte.
»Sie können ruhig gehen«, sagte sie. »Mir wird schon nichts passieren. Und ich bin sicher, dass Sie noch eine Menge zu tun haben.«
Es gelang Hendrik nicht ganz, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. »Ich wünsche dir eine gute Reise. Und denk dran: Wenn du in Gefahr gerätst oder dir auch nur irgendetwas komisch vorkommt, dann drück die Eins auf deinem...« Er suchte nach Worten.
»Apparat«, half Leonie aus und Hendrik nickte dankbar. Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und verschwand. Leonie drehte sich im Sitz um und versuchte, ihn irgendwo draußen auf dem Bahnsteig zu entdecken, aber er schien eine andere Richtung genommen zu haben; vielleicht hatte ihn auch die Menschenmenge verschluckt, bevor ihr Blick ihn erfassen konnte.
Bis zur Abfahrt des Zuges verbrachte Leonie die Zeit damit, das Treiben auf dem Bahnsteig zu beobachten, und kaum hatte sich der ICE in Bewegung gesetzt, da ging auch schon die Abteiltür auf und der Schaffner trat ein, um ihren Fahrschein zu kontrollieren. Nachdem er ihn mit einer in der futuristischen Atmosphäre des Zuges geradezu antiquiert anmutenden Zange entwertet hatte, hob er noch einmal den Kopf und ließ seinen Blick demonstrativ über die anderen Sitzen und das Display mit der Anzeige Reserviert schweifen.
»Ich sitze auf dem richtigen Platz«, sagte Leonie. »Ich habe reserviert - hier.« Sie wedelte mit ihrer Fahrkarte, aber der Schaffner beachtete sie nicht einmal.
»Ja, so könnte man es sagen«, antwortete er. »Aber genau genommen sind alle Plätze reserviert.«
»Ich verstehe kein Wort«, erwiderte Leonie. »Mein Vater hat die Fahrkarte für mich gekauft.«
»Hat er nicht«, antwortete der Schaffner, korrigierte sich aber dann sofort wieder: »Oder doch, genau genommen hat er alle Fahrkarten für dieses Abteil gekauft.«
»Wie bitte?«, ächzte Leonie.
»Er wollte wohl, dass du unterwegs deine Ruhe hast«, vermutete der Schaffner. »Na ja, das geht mich nichts an. Ich kontrolliere jetzt die anderen Abteile. Soll ich dir auf dem Rückweg aus dem Speisewagen etwas mitbringen? Ein Getränk vielleicht?«
Leonie lehnte dankend ab und der Schaffner hob enttäuscht die Schultern und ging. Leonie blieb völlig verwirrt zurück. Ihr Vater hatte gleich das ganze Abteil für sie reservieren lassen, nur damit sie ihre Ruhe hatte? Was sollte denn dieser Unsinn nun wieder? Ihr Vater war zwar niemand, der sich seines Wohlstandes schämte, aber so damit herumzuprotzen hatte auch noch nie zu seinen Eigenarten gehört. Leonie fand auf diese Frage ebenso wenig eine Antwort wie auf so viele andere, die sie sich in den letzten Tagen gestellt hatte. Schließlich schüttelte sie den Gedanken ab, zuckte demonstrativ mit den Schultern, obwohl sie allein im Abteil war, und wandte sich wieder dem Fenster zu. Obwohl der ICE erst vor wenigen Minuten losgefahren war, hatte er die Stadt bereits hinter sich gelassen und eine beachtliche Geschwindigkeit erreicht - und er wurde immer noch schneller.
Leonie verbrachte die nächsten fünfzehn oder zwanzig Minuten damit, die Landschaft zu betrachten, die mit mehr als zweihundert Stundenkilometern am Fenster vorbeiflog, aber schließlich wurde sie des Anblicks überdrüssig und ließ sich in ihren Sitz zurücksinken.
Ihr wurde schmerzhaft bewusst, dass sie vergessen hatte, sich etwas zu lesen mitzunehmen; wenn man bedachte, dass es in ihrem Haus - ohne die angeschlossene Buchhandlung - gut und gerne fünftausend Bücher geben musste, ein geradezu absurdes Versäumnis. Und ein ärgerliches noch dazu: Immerhin lag eine mehrstündige Bahnfahrt vor ihr. Sie würde sich zu Tode langweilen.
Ihr fiel etwas ein. Sie hatte ja das Handy, das ihr Vater ihr mitgegeben hatte, und garantiert gab es darauf auch ein paar Spiele. Leonie hatte sich nie sonderlich für Computerspiele begeistern können, aber immer noch besser als darauf zu warten, dass ihr vor lauter Langeweile die Decke des Abteils auf den Kopf fiel. Sie zog das Gerät aus der Tasche, schaltete es ein und wählte das erstbeste Spiel, das das winzige Display ihr anbot.
Obwohl Leonie das alberne Spiel, bei dem es darum ging, eine Schlange durch ein kleines Labyrinth zu steuern, die nicht nur mit jedem Stück des Weges länger, sondern auch immer schneller wurde, nicht besonders interessierte, hatte sie das Gefühl, dass sie ganz gut darin war. Als der Miniatur-Bildschirm einfach keinen Platz mehr bot, ihre Schlange darauf zu bewegen, wählte Leonie das nächste Spiel. Sie meisterte es mit noch größerer Bravour als das erste und wählte ein drittes Spiel an. Irgendwann ging die Tür auf, und Leonie sagte, ohne von ihrem Telefon aufzublicken: »Entschuldigung, aber die Plätze hier sind alle reserviert.«
»Ich weiß«, sagte eine Frauenstimme. »Aber ich will auch nicht lange bleiben.«
Leonie sah so erschrocken hoch, dass sie um ein Haar das Telefon fallen gelassen hätte. »Theresa?«
»Ich will nur mit dir sprechen«, sagte die junge Frau. »Glaub mir, ich will dir nichts tun. Aber ich muss dringend mit dir reden!« Sie trat ein ohne abzuwarten, ob Leonie sie hereinbitten würde, zog die Tür hinter sich zu und nahm ebenso unaufgefordert ihr gegenüber Platz.
»Na, wenn Sie so höflich bitten, kann ich ja wohl kaum noch nein sagen, wie?«, meinte Leonie. Das Handy stieß ein helles Piepen aus und auf dem Display erschien der Schriftzug Game over. Leonie setzte dazu an, das Gerät auszuschalten, überlegte es sich dann aber noch einmal und ließ den Daumen wie zufällig über den Zifferntasten schweben. Was hatte Hendrik gesagt? Du musst nur die Eins wählen und ich bin da? Leonie hoffte, dass sie dieses Versprechen nicht auf die Probe stellen musste, aber sie war durchaus bereit dazu, es zu tun.
»Sie?« Theresa lächelte unglücklich. »Bei einer anderen Gelegenheit waren wir schon beim du angelangt.«
»Das muss gewesen sein, bevor Sie mich belogen haben«, sagte Leonie kühl. Im allerersten Moment war sie überrascht, dass sich Theresa daran erinnerte, aber dann fiel ihr wieder ein, dass ja auch sie über die Gabe verfugte. Zumindest in diesem Punkt also schien Theresa die Wahrheit gesagt zu haben.