»Es tut mir Leid«, antwortete Theresa traurig. »Ich wollte dir nie etwas Böses, glaub mir. Und auch deinen Eltern nicht.«
»Dann nehme ich an, Sie haben sich mit Meister Bernhard nur über das Wetter unterhalten?«, fragte Leonie. Der jähe Schrecken in Theresas Augen machte ihr klar, dass ihr nicht bewusst gewesen war, von Leonie bei diesen Gespräch beobachtet worden zu sein. Leonie genoss den Moment, so lange sie konnte, dann fuhr sie in sprödem Ton fort: »War das bevor oder nachdem Sie ihm den Auftrag gegeben haben, uns alle umzubringen?«
Theresas Blick wurde schuldbewusst. »Es tut mir unendlich Leid, Leonie«, sagte sie. »Es war ein unverzeihlicher Fehler, ich weiß. Ich habe mich in diesem Mann schrecklich getäuscht. Er hatte den Auftrag, das Buch zurückzubringen, das war alles. Deinen Eltern und vor allem dir selbst sollte kein Haar gekrümmt werden, das schwöre ich.«
Seltsam - aber Leonie brachte es einfach nicht fertig, ihr nicht zu glauben, ganz egal wie sehr sie es auch versuchte. Trotzdem fuhr sie in noch schärferem Ton fort: »Ich glaube Ihnen kein Wort. Wozu sollte das gut sein? Sie haben es selbst gesagt: Niemand kann etwas mit dem Buch anfangen. Sie nicht, Ihre... Freunde nicht, ich nicht. Solange meine Eltern am Leben sind, heißt das. Wenn ihnen allerdings etwas zustoßen sollte...« Sie hob die Schultern. »Ein kleiner Unfall, bei dem auch ich ums Leben komme, und dann taucht ein uraltes Testament meiner Großmutter auf, das Sie als ihre Erbin einsetzt.«
»Das kannst du doch nicht wirklich glauben«, entgegnete Theresa entsetzt.
Das tat Leonie auch gar nicht. Sie kam sich ziemlich mies vor, Theresa überhaupt mit diesem ungeheuerlichen Vorwurf konfrontiert zu haben, aber sie schluckte die Entschuldigung, die ihr auf der Zunge lag, hinunter und sah Theresa nur weiter herausfordernd an.
»Alles, was wir wollten, war, deinem Vater das Buch wegzunehmen«, erklärte Theresa schließlich. »Er hat schon so entsetzlich viel Schaden angerichtet und er wird noch unendlich mehr Schaden anrichten, wenn ihn niemand aufhält.«
»Komisch«, sagte Leonie böse. »Das hat Bruder Gutfried auch gesagt. Gehört er ebenfalls zu euch? Ich dachte, nur Frauen hätten die Gabe.«
»Wer?«, fragte Theresa.
»Bruder Gutfried«, wiederholte Leonie. »Doktor Fröhlich, Professor Wohlgemut - wie immer Sie ihn nennen wollen.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, entgegnete Theresa, »und wir haben auch keine Zeit, darüber zu reden, Leonie. Ich bin hier, um dich zu warnen.«
»Wie originell«, meinte Leonie spöttisch. »Hatten wir das nicht auch schon das eine oder andere Mal?«
»Ich meine es ernst, Leonie«, antwortete Theresa. Sie sah nervös aus dem Fenster. Nervös - nein. Das war etwas anderes. Etwas, das...
Nein, Leonie wusste es nicht.
»Du bist in Gefahr. Deine Eltern ebenfalls, aber im Moment hauptsächlich du. Sie wollen das Buch zurück.«
»Wer?«
»Sie«, erklärte Theresa. »Die Scriptoren und Schriftführer, alle. Sie sind in großer Aufregung und sie sind sehr zornig. Sie werden das Buch zurückholen, koste es, was es wolle.«
»Unsinn«, erwiderte Leonie, aber sie sagte es ohne echte Überzeugung. Theresas Worte jagten ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. Für einen Moment glaubte sie sich noch einmal in das unheimliche System aus gemauerten Gängen und von düsterem Licht erfüllten Höhlen versetzt. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Furcht zurückzudrängen, die mit dieser Erinnerung einherging.
»Es ist die Wahrheit.« Theresa sah immer wieder aus dem Fenster und diesmal folgte Leonie ihrem Blick. Der Zug war noch schneller geworden und begann sich in eine lang gezogene Kurve zu legen, an deren Ende ein riesiger, verzerrter Schatten lag. Vielleicht nur eine Regenwolke.
»Angenommen, ich glaube Ihnen«, nahm Leonie das Gespräch wieder auf. »Wieso ich? Schließlich habe ich Großmutters Buch nicht gestohlen!«
»Aber du bist es, deren Anwesenheit sie gespürt haben«, sagte Theresa. »Du hast die Gabe. Ein winziger Teil von dir gehört zur Welt des Archivs.«
Erneut konnte Leonie nur mit Mühe ein Schaudern unterdrücken. Es war, als reiche schon die Erwähnung des Archivs, um die Angst in ihr stärker werden zu lassen.
»Ich glaube dir nicht«, beharrte sie, auch wenn sich die Worte in ihren eigenen Ohren mehr nach Trotz als nach Überzeugung anhörten. »Selbst wenn du die Wahrheit sagst - sie müssen Millionen Bücher in diesem Archiv haben - Milliarden. Ich war in einem davon, weißt du?«
»Du warst...« Theresa riss die Augen auf.
»All diese Türen«, fragte Leonie, »es sind Leben, nicht wahr? Leben, die abgeschlossen sind und ins Archiv wandern.«
Theresa nickte stumm. Sie wirkte schockiert.
»Aber hinter vielen dieser Türen ist nichts mehr«, fuhr Leonie fort. »Sie werden nicht für die Ewigkeit dort aufbewahrt. Sie verblassen genauso, wie die Erinnerungen an einen Menschen und an das, was er getan hat, nach und nach verblassen. Ich habe gesehen, was sie mit den alten Büchern machen. Sie wandern in das, was sie den Leimtopf nennen, um neue Bücher daraus herzustellen. Sie recyceln sie sozusagen.«
Sie sah wieder aus dem Fenster, was Theresa nur einen Sekundenbruchteil zuvor ebenfalls getan hatte. Der Schatten war näher gekommen, und Leonie konnte jetzt erkennen, dass es sich nicht um eine Regenwolke oder tatsächlich um einen großen Schatten handelte, sondern um eine Bergflanke. Leonie war überrascht, dass sie schon so nahe am Gebirge waren. Sie hatte gewusst, dass diese neuen ICE schnell waren - aber so schnell? »Habe ich Recht?«, fragte sie, als sie auch nach einigen weiteren Sekunden keine Antwort bekam.
Theresa nickte. »Ja.«
»Welchen Unterschied macht es dann, wenn ein Buch aus dem Archiv entfernt wird?«, fragte Leonie. »Die Scriptoren sind ganz bestimmt nicht begeistert davon, aber das?« Leonie schüttelte den Kopf. »Sorry, doch da musst du dir schon eine bessere Geschichte ausdenken, um mich zu überzeugen.«
»Es ist keine Geschichte«, sagte Theresa unruhig. »Keine von uns weiß, warum sie so aufgebracht sind. Angeblich hat der Archivar selbst den Befehl erteilt, das Buch um jeden Preis zurückzuholen - oder den zu bestrafen, der es gestohlen hat.«
»Der Archivar?«
Theresa hob die Schultern. »Der große Boss, keine Ahnung. Der Chef eben. Niemand hat ihn je gesehen, aber jeder im Archiv erstarrt schon vor Angst, wenn nur sein Name genannt wird.«
»Und dieser Oberboss ist jetzt hinter mir her?«
Theresa schüttelte fast erschrocken den Kopf. »Du solltest es ernst nehmen, Leonie. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert, bis sie einen Weg finden, das Buch zu holen, aber früher oder später werden sie es.« Sie sah wieder aus dem Fenster und Leonie folgte erneut ihrem Blick. Die Flanke des Gebirges schien mit erschreckender Geschwindigkeit auf sie zuzurasen, aber noch bevor der Anblick Leonie wirklich beunruhigen konnte, sah sie einen winzigen schwarzen Punkt am Ende des Schienenstranges: ein Tunnel.
»Und was soll ich jetzt tun, deiner Meinung nach?«, fragte Leonie.
»Ich weiß es nicht«, gestand Theresa. Sie hob die Schultern. »Steig am nächsten Bahnhof aus. Fahr zurück zu deinem Vater. Überrede ihn irgendwie, das Buch zurückzubringen. Stiehl es ihm, wenn es gar nicht anders geht.«
»Ich weiß nicht einmal, wo es ist«, erwiderte Leonie. »Es war bis gestern Abend im Tresor, aber er hat es weggebracht, nachdem Meister Bernhard uns überfallen hat.«
Es wurde schlagartig dunkel, als der Zug in den Tunnel einfuhr. Ein heftiger Knall erklang und der ganze Zug schien wie unter einem Schlag zu erzittern. Das Licht schaltete sich nach weniger als dreißig Sekunden automatisch ein, aber Leonies Herz begann trotzdem, wie verrückt zu hämmern, als sie aus dem Fenster blickte und sah, mit welchem Tempo der ICE durch den Tunnel raste. Gab es nicht Vorschriften, die besagten, dass Züge nur mit gemäßigtem Tempo in Tunnel einfahren durften?