Theresa schien es nicht anders zu ergehen als ihr. Sie saß stocksteif hoch aufgerichtet da und starrte mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. »Da stimmt etwas nicht«, flüsterte sie.
Das war maßlos untertrieben, fand Leonie. Sie schätzte, dass der Zug mit mehr als zweihundertfünfzig Stundenkilometern durch den Tunnel raste - und er wurde immer schneller.
»Was bedeutet das?«, fragte Leonie.
Theresa antwortete nicht, aber Leonie hätte ihre Antwort vermutlich auch gar nicht verstanden, denn in diesem Moment hallte ein ungeheures Dröhnen durch den Zug, unmittelbar gefolgt von einem so harten Ruck, dass Leonie regelrecht aus dem Sitz katapultiert wurde, gegen Theresa prallte und unsanft mit ihr zu Boden fiel. Das Handy entglitt ihren Fingern und schlitterte davon. Die nächsten Sekunden waren sie voll und ganz damit beschäftigt, ihre Glieder zu entwirren, dann richtete Leonie sich benommen auf und sah aus dem Fenster. Nach dem Knall und der harten Erschütterung war sie nahezu überzeugt davon, dass der ICE entgleist sein musste, aber die Tunnelwände rasten noch immer draußen vorbei.
Nur dass es nicht mehr die Wände eines normalen Eisenbahntunnels waren.
Trotz der noch immer anwachsenden Geschwindigkeit konnte Leonie deutlich die groben Backsteinwände erkennen, die draußen entlangrasten. In regelmäßigen Abständen glaubte sie, verschwommene, dunkelrote Flecken zu sehen - Fackeln, die zu schnell vorbei waren, um sie eindeutig identifizieren zu können - und manchmal auch etwas wie eine Nische oder eine Tür. Auch Theresa hatte sich aufgerappelt und sah mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster.
»Großer Gott!«, hauchte Theresa. »Das ist das Archiv!«
Leonie hätte ihr gern widersprochen, aber sie konnte es nicht. Sie hatte die düsteren Gewölbetunnel im gleichen Moment wiedererkannt wie Theresa.
Der Zug wurde schneller, Mauern, Türen und Fackeln verschmolzen zu einem einzigen Konglomerat aus Formen, Farben und Bewegung. Der Boden unter ihren Füßen begann zu zittern; sacht, aber in schneller werdendem, stampfendem Rhythmus.
»Was... bedeutet das?«, stammelte Theresa.
Rings um sie herum herrschte ein wahrer Höllenlärm und dennoch war es zu still - es hätten auch noch andere Laute zu hören sein müssen: Schreie und Gebrüll der nach der scheinbaren Beinaheentgleisung panischen Reisenden. Aber da war nichts, abgesehen vom Geräusch der stählernen Laufräder, die über die Schienen jagten, und dem Brausen der Luft, die draußen an den Fenstern vorüberpfiff.
»Was bedeutet das?« Nun war sie es, die diese Frage stellte, und Theresa antwortete auf dieselbe Weise wie Leonie ein paar Sekunden zuvor: mit einem wortlosen Achselzucken. Plötzlich bemerkte Theresa, dass Leonie nicht mehr aus dem Fenster sah, sondern die Abteiltür anstarrte. Verwirrt drehte sie sich um und blickte in dieselbe Richtung. Leonie konnte auf Theresas Gesicht ablesen, dass ihr die unheimliche Stille ebenso auffiel wie ihr selbst und dass sie ihr mindestens genauso große Angst machte.
Leonie sah noch einmal zum Fenster, was sie aber augenblicklich bedauerte. Der Zug war wieder schneller geworden, obwohl sie das noch vor ein paar Sekunden gar nicht für möglich gehalten hätte. Auf der anderen Seite der Glasscheibe war jetzt nur noch ein Chaos aus tosender Bewegung zu erkennen. Dann sah sie erneut zur Abteiltür. Ihre Hand zitterte leicht, als sie sie aufschob und zögernd auf den Gang hinaustrat.
Er war leer. Der Zug zitterte mittlerweile wie eine altmodische Dampflok, die sich schnaubend einen Berg hinaufquälte, und sie hörte das Scheppern von Kunststoff und das Klirren von Glas, aber nicht eine einzige menschliche Stimme. Und sie sah auch niemanden.
So dicht gefolgt von Theresa, dass sie ihren Atem wie eine warme Berührung im Nacken spüren konnte, wandte sie sich nach rechts und warf einen Blick in das benachbarte Abteil.
Es war leer.
Ebenso wie das daneben, das nächste und das darauffolgende.
Leonie und Theresa arbeiteten sich langsam bis ans vordere Ende des Wagens durch, aber es war überall dasselbe: Die Abteile waren leer. Sie sahen Koffer, Taschen und andere Gepäckstücke, aufgeschlagene Zeitungen und Bücher und in einem Aschenbecher sogar eine qualmende Zigarette, aber keinen einzigen Menschen.
In einer bangen Vorahnung öffnete Leonie die Zwischentür zum nächsten Waggon und trat hindurch. Vor ihnen lag der Speisewagen und sein Anblick war noch unheimlicher: Dampfende Kaffeetassen und angefangene Mahlzeiten standen auf den Tischen, ein halbes Glas Bier, angebissene Brötchen. Der Speisewagen sah aus, als wäre er noch vor einem Augenblick voll besetzt gewesen, bis sich die Gäste und das Personal alle auf einmal entschlossen hätten, einfach aufzustehen und wegzugehen.
Sie durchquerten auch den Speisewagen, aber danach ging es nicht mehr weiter. Vor ihnen war nur noch die Lok, und die Verbindungstür zwischen ihr und dem Rest des Zuges war verriegelt.
»Wo... wo sind all die Leute?«, stammelte Theresa. »Was ist hier passiert?«
Bevor Leonie antworten konnte, ging ein so harter Ruck durch den Zug, dass sie beide von den Füßen gerissen wurden. Theresa fiel, während Leonie hart gegen die Wand prallte und im letzten Moment irgendwo Halt fand. Ein Kreischen erklang, als scheuere Stahl auf Stahl und draußen vor den Fenstern stob ein Funkenregen in die Höhe.
»Was ist das?!«, kreischte Theresa in schierer Panik. Sie versuchte aufzustehen, aber ein noch härterer Stoß schleuderte sie erneut zu Boden. Diesmal stürzte auch Leonie. Das Kreischen von überbeanspruchtem Metall wurde schriller und erreichte zugleich eine Lautstärke, die in den Ohren schmerzte. Theresa schrie irgendetwas, aber Leonie sah nur, wie sich ihre Lippen bewegten, denn das Kreischen verschluckte jeden anderen Laut.
Sie halfen sich gegenseitig in die Höhe, und Leonie tastete sich mit zusammengebissenen Zähnen und Schritt für Schritt an der Wand entlang, um nicht sofort wieder von den Füßen gerissen zu werden.
Als sie den Durchgang zum Speisewagen erreichten, sah Leonie noch einmal über die Schulter zurück, und ihr Herz machte einen jähen Satz bis in den Hals hinauf, wo es zu einem stacheligen Klumpen aus Eis zu erstarren schien, der ihr den Atem abschnürte.
Der Gang zur Lok hinter der Glastür war noch da, aber zugleich auch wieder nicht. Die Wirklichkeit schien Wellen zu schlagen, wie ein Spiegelbild aus bewegtem Wasser, das zu Stein geworden war. Unter diesem Bild kam ein anderes zum Vorschein, als entstünde dort eine neue Realität, die diese Wirklichkeit zu verdrängen versuchte. Leonie erblickte einen endlosen gemauerten Tunnel, der in rasendem Tempo auf sie zuzuschießen schien.
Aus der Lokomotive brandete eine wahre Flutwelle bizarrer Monster und Ungeheuer heran. Leonie erkannte Aufseher und Scriptoren, Arbeiter und eine ganze Armee hüpfender und springender Schusterjungen, aber auch eine Anzahl noch bizarrerer Kreaturen, wie sie sie nie zuvor gesehen hatte und deren bloßer Anblick schon ausreichte, ihr schier das Blut in den Adern gerinnen zu lassen.
»Großer Gott!«, ächzte Theresa. »Weg! Lauf!«
Als ob diese Aufforderung noch nötig gewesen wäre! Leonie stürmte los, sprengte die Verbindungstür zum Speisewagen mit der Schulter auf, rannte weiter und schaffte immerhin drei Schritte, bevor ein weiterer gewaltiger Schlag den Zug traf und sie mit solcher Wucht gegen einen Tisch prallen ließ, dass ihr vor Schmerz schwarz vor Augen wurde. Sie konnte buchstäblich spüren, wie sich der Zug aus den Schienen hob und mit so ungeheuerlicher Wucht wieder hinunterstürzte, dass sie Metall bersten hörte und sich glühende Trümmerstücke mit dem Funkenregen vor den Fenstern mischten. Für eine einzelne, aber von schierer Todesangst erfüllte Sekunde war sie felsenfest davon überzeugt, dass der ICE jetzt entgleisen, sich in ein zweihundert Tonnen schweres Geschoss verwandeln und durch die Tunnelwände in den Berg graben würde.