Aber das Wunder geschah: Der Zug entgleiste nicht, sondern raste weiter und schien dabei immer noch schneller zu werden. Leonie biss die Zähne zusammen, kämpfte den pochenden Schmerz in ihrer Hüfte nieder und sah zu Theresa zurück, während sie vorwärts humpelte. Theresa war wie durch ein Wunder ebenfalls auf den Beinen geblieben, aber der Durchgang zum Triebwagen hatte sich weiter verändert. Die Lok war immer noch zu sehen, doch sie schien ganz allmählich zu verblassen, und zwischen den zuckenden Wirklichkeiten nahm die düstere Realität des Archivs weiter Gestalt an. Die Front der geifernden, hüpfenden und Waffen schwingenden Monster war näher gekommen. Es konnte nur noch Augenblicke dauern, bis die ersten die Grenze zwischen den Wirklichkeiten erreichten und herüberkamen. Ein besonders hässliches, muskelbepacktes Etwas hatte sich ein Stück von der Hauptmeute abgesetzt und stürmte vorweg. Obwohl es plump, ja fast missgestaltet aussah, rannte es deutlich schneller als selbst die flinken Schusterjungen, und es war nicht nur schnell, sondern hatte auch etwas Unaufhaltsames an sich; wie ein außer Kontrolle geratener Bulldozer, der den Abhang hinunterschlitterte und dabei immer schneller und schneller wurde.
Und dennoch war das nicht einmal das Schlimmste.
Der Tunnel zog sich hinter der heranstürmenden Horde scheinbar endlos weiter, aber irgendwo auf halbem Wege zwischen ihr und der Unendlichkeit war etwas erschienen, das Leonie nicht anders beschreiben konnte als einen Bereich aus wirbelnder Finsternis; ein Brodeln aus unterschiedlichen Schattierungen von Schwarz, in dessen Zentrum sich die Dunkelheit zu etwas noch Schwärzerem zusammenballte, das die Umrisse eines Menschen hatte. Die Gestalt war nicht wirklich zu erkennen. Ihre Konturen schienen immer wieder zu zerfließen, aber Leonie war nicht sicher, ob sie sich aufzulösen begann oder ob die Schwärze nicht etwa umgekehrt die Welt ringsum aufsog; als hätte sich ein Riss im Universum aufgetan, der die Wirklichkeit verschlang. Eine Aura so eisiger Kälte und abgrundtiefer Bosheit wehte zu Leonie herüber, dass sie für die Dauer von zwei, drei schweren Herzschlägen wie gelähmt dastand, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder auch nur ihren Blick von der unheimlichen Gestalt zu lösen.
Es war der nächste brutale Ruck, der den Zug erschütterte, der Leonie in die Wirklichkeit zurückriss. Sie torkelte, streckte instinktiv die Hände aus und klammerte sich irgendwo fest. Theresa hatte weniger Glück. Sie wurde gegen die gläserne Trennwand geschleudert, die den Speisewagen in zwei unterschiedliche Bereiche teilte. Das Glas verwandelte sich in ein Spinnennetz aus Rissen und ineinander laufenden Sprüngen, ohne ganz zu zerbrechen, und Theresa taumelte mit einem Schmerzensschrei zurück. Ihr Gesicht war blutüberströmt.
Leonie versuchte zu ihr zu gelangen, aber der Zug zitterte und bebte mittlerweile so heftig, dass sie es nicht wagte, ihren Halt loszulassen. Theresa torkelte weiter rückwärts, prallte gegen die Fensterwand und schlug die Hände vors Gesicht, während sie in die Knie sank. Hinter ihr schlug die Wirklichkeit immer heftigere Wellen. Die groteske Kreatur an der Spitze hatte ihren Abstand zum Rest der Meute weiter vergrößert, und Leonie verspürte einen Schauer puren Entsetzens, als sie sie nun deutlicher sah: Das Wesen hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit etwas, das vielleicht irgendwann einmal ein Mensch gewesen war und nun versuchte, zu etwas... anderem zu werden. Seine Größe war schwer zu schätzen, denn es ging zwar aufrecht auf zwei Beinen, aber dabei so weit nach vorne gebeugt, dass seine Hände fast über den Boden schleiften. Es war nackt bis auf einen schmalen Lendenschurz, sodass man die gewaltigen Muskelstränge unter der kupferfarbenen Haut erkennen konnte, und sein Gesicht erinnerte an das einer Bulldogge: ein gewaltiger kantiger Kiefer, aus dem die Spitzen schrecklicher Hauer herausragten, schwabbelige Hängebacken und winzige, tückische Augen unter knochigen Augenwülsten und einer fliehenden Stirn. Die Kreatur war unbewaffnet, aber Leonie glaubte auch nicht, dass sie irgendeine Waffe brauchte. Ihre Pranken sahen aus, als könne sie damit ohne Mühe einen Menschen in zwei Teile zerbrechen, oder auch einen Ochsen.
Endlich hörte der Zug für einen Moment auf, sich wie ein bockendes Pferd hin und her zu werfen, und Leonie nutzte die kurze Atempause, um zu Theresa hinzueilen und ihr auf die Füße zu helfen. Theresa bedankte sich mit einem Kopfnicken, richtete sich aber nur halb auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sie verschmierte das Blut dabei noch weiter, aber Leonie sah auch, dass es nur aus einer harmlosen Platzwunde kam.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie.
Theresa nickte wieder hastig, sah über die Schulter zurück und wurde noch bleicher, als sie sowieso schon war. Leonie konnte das nachvollziehen. Das seltsam verkrüppelt wirkende Wesen hatte die Tür fast erreicht. Leonie wusste nicht, ob es imstande sein würde, die Grenze zwischen den Wirklichkeiten zu überschreiten, aber sie hatte auch nicht vor, hier zu bleiben, um es herauszufinden. Sie zog Theresa unsanft in die Höhe und riss sie einfach mit sich, als sie losstürmte.
Schon nach ein paar Schritten wurden Lärm und Erschütterungen wieder stärker, als hätte das Chaos nur kurz innegehalten, um dann mit noch größerer Gewalt weiterzutoben. Der Wagen bockte und schüttelte sich. Die Scheiben begannen so heftig zu klirren und zu vibrieren, als versuchten sie aus den Rahmen zu springen, und sie hörten ein immer lauter werdendes schrilles Kreischen und Reißen wie von zerberstendem Metall. Gläser und Geschirr stürzten von den Tischen und zerbrachen, und Leonie und Theresa wurden unentwegt gegen Wände und Mobiliar geschleudert, sodass sie kaum noch wirklich gingen, sondern sich eher bewegten wie lebende Flipperkugeln in einem Automaten, der direkt aus der Hölle kam. Es schien Leonie wie ein Wunder, dass sie es überhaupt noch bis zum Ende des Wagens schafften. Und wahrscheinlich würde es sowieso nicht reichen. Leonie gerann schier das Blut in den Adern, als sie mit fliegenden Fingern die Tür aufstemmte und dabei einen Blick über die Schulter zurückwarf.
Das Ungeheuer hatte den Durchgang zum Speisewagen erreicht. Es war zu breitschultrig und massig um hindurchzupassen, und für eine halbe Sekunde klammerte sich Leonie wider besseres Wissen an die Hoffnung, dass es einfach stecken bleiben könnte wie ein Korken in einem zu engen Flaschenhals.
In gewissem Sinn geschah das auch, aber nur für einen wirklich kurzen Moment. Dann schlossen sich die gewaltigen Pranken des... Dings um das Metall des Türrahmens und zerfetzten es wie dünne Stanniolfolie. Leonie schrie vor Entsetzen auf, riss die Tür zur Seite und stürmte los. Rings um sie herum schrie der Wagen wie ein großes lebendes Wesen, das Todesqualen litt, das Licht flackerte, Türen flogen auf und knallten wieder zu, unsichtbare Fäuste schienen an den Fensterscheiben zu rütteln und irgendetwas krachte mit der Wucht von Hammerschlägen immer wieder gegen den Boden unter ihren Füßen. Hinter ihnen kreischte noch einmal Metall und zerriss, dann wurde der Lärm vom Bersten zersplitternder Möbel abgelöst. Leonie sah nicht zurück, aber sie wusste, was dieser Lärm zu bedeuten hatte. Sie rannte noch schneller, erreichte das Abteil, in dem Theresa und sie gesessen hatten, und riss die Tür auf.
»Leonie!«, schrie Theresa entsetzt. »Was tust du da?!«
Leonie beachtete sie gar nicht, sondern stürmte in das Abteil und warf sich auf Hände und Knie hinab. Ihre Finger tasteten verzweifelt über den Boden, glitten unter die Sitze und fuhren immer hektischer hin und her. Das Handy! Sie musste das Handy finden! Aber es war nicht da.
»Leonie?!«, schrie Theresa wieder. »Es kommt!«
Wie um ihre Worte zu unterstreichen, erscholl hinter ihnen das Geräusch splitternden Glases und zerreißenden Metalls. Leonie sah aus den Augenwinkeln, dass Theresa herumfuhr und die Hand vor den Mund schlug, und in diesem Moment schlossen sich ihre Finger endlich um glattes Plastik. Das Telefon!