Sie rollte herum, sprang so hastig auf die Füße, dass sie beinahe sofort wieder das Gleichgewicht verloren hätte, und war mit einem Satz an der Tür. Theresas Augen weiteten sich ungläubig, als sie sah, was Leonie in der Hand hielt.
»Bist du wahnsinnig?«, keuchte sie. »Lass doch dieses verdammte...«
Leonie stieß sie einfach zur Seite und drehte den Kopf nach rechts. Obwohl sie gewusst hatte, was sie sehen würde, ließ sie der Anblick für eine halbe Sekunde vor Entsetzen erstarren.
Das Monstrum hatte eine Spur der Verwüstung durch den Speisewagen gezogen und bereits die nächste Tür erreicht und ebenso brutal aufgerissen wie die erste. Jetzt steckte es nicht wirklich fest, aber es bewegte sich deutlich langsamer, denn der Gang war einfach nicht breit genug für seine gewaltigen Schultern - aber es kam unerbittlich näher.
Leonie riss sich mühsam von dem Furcht einflößenden Anblick los, hob das Telefon und drückte die Taste Eins.
Nichts geschah.
Leonies Herz schien auszusetzen. Sie drückte noch einmal auf die Taste und ein drittes Mal und diesmal so fest, dass das dünne Plastik hörbar knirschte, und in dem kleinen Farbdisplay leuchteten die Worte Kein Netz auf.
Leonie starrte den winzigen Bildschirm eine Sekunde lang fassungslos an, dann fuhr sie herum, schleuderte dem Monster noch in derselben Bewegung das Handy ins Gesicht und rannte los. Das Ungeheuer riss sein Bulldoggenmaul auf. Ein Splittern und Knirschen wurde laut, als es das Telefon ohne das geringste Zögern verschlang.
Seite an Seite hetzten sie los, verfolgt von dem Ungeheuer, das eine Mischung aus Knurren und dem wütenden Heulen einer übergroßen, hässlichen Hyäne hören ließ. Auf den ersten Metern wuchs ihr Vorsprung wieder, denn obwohl ihr Verfolger jetzt so rücksichtslos vorwärts stürmte, dass er sich die Schultern blutig schrammte, war der Gang einfach nicht breit genug für ihn, aber dann erreichten sie den nächsten Wagen - und Leonie erkannte entsetzt, dass es sich um einen modernen Großraumwaggon handelte, in dem es keine Abteilwände und Türen gab, die ihren Verfolger aufhalten konnten!
Sie stürzten weiter. Als sie den Wagen fast durchquert hatten, wurde die Tür an seinem anderen Ende aufgerissen und Hendrik trat heraus.
Er hatte sich verändert. Statt des modern geschnittenen Sommeranzuges trug er jetzt einfache schwarze Hosen, bis über die Knie reichende Stiefel und ein sonderbar geschnittenes, ebenfalls schwarzes Hemd aus weichem Leder und dazu eine breite, gleichfarbige Schärpe, die sich schräg über seine Brust spannte. An seinem Gürtel baumelte einen Art Degen mit einem übergroßen kunstvoll gestalteten Korbgriff.
»Die Verspätung tut mir Leid«, begann er, »aber...«
Hinter ihnen erscholl wieder das Splittern von Glas und das Kreischen von zerreißendem Metall, und Hendrik brach mitten im Satz ab. Seine Augen weiteten sich ungläubig, und als Leonie herumfuhr, begriff sie auch den Grund dafür.
Ihr Verfolger war da. Er hatte die Tür einfach zerfetzt und hielt einen Moment inne, um den neu aufgetauchten Gegner aus seinen kleinen, tückischen Augen misstrauisch zu mustern.
Leonie wusste nicht wie, aber Hendrik stand plötzlich zwischen ihnen und dem Monstrum, und auch die Waffe war plötzlich wie durch Zauberei nicht mehr in seinem Gürtel, sondern in seiner Hand.
»Bleibt hinter mir!«, befahl er knapp.
Leonie hatte nicht vor, irgendetwas anderes zu tun. Sie wich im Gegenteil sogar noch einen Schritt zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Abteilwand stieß, und auch Theresa gesellte sich zitternd zu ihr.
Das Ungeheuer hatte seine Überraschung mittlerweile überwunden und kam wieder näher, aber nicht mehr so schnell wie zuvor, sondern mit langsamen wiegenden Schritten. Leonie konnte nicht beurteilen, ob es über so etwas wie Intelligenz verfügte, aber es schien zumindest instinktiv zu spüren, dass dieser neue Gegner gefährlicher war als die beiden jungen Frauen. Während es auf sie zuhielt, hob es langsam die Arme, und Leonie lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, als sie sah, dass seine Finger in furchtbaren Krallen endeten, von denen jede einzelne so scharf und gekrümmt wie ein kleiner Dolch war - und zweifellos ebenso gefährlich.
Hendrik bedeutete ihnen mit der linken Hand, zurückzubleiben, und näherte sich mit ebenfalls wiegenden Schritten dem Ungetüm. Er hatte die Beine leicht gespreizt, um einen sicheren Stand zu haben, und die Arme halb ausgebreitet. Leonie suchte vergebens nach irgendwelchen Anzeichen von Angst oder Unsicherheit in seiner Haltung.
Offensichtlich hatte er das auch nicht nötig. Das Monstrum war jetzt unmittelbar vor Hendrik und stieß sein sonderbares, keckerndes Hyänenlachen aus - und schlug so blitzartig nach seinem Gegner, dass Leonie den Hieb kaum sah.
Dennoch wich Hendrik der Attacke ohne die geringste Mühe aus. Er duckte sich, machte einen tänzelnden Schritt zur Seite und versetzte dem Koloss einen tiefen Stich in den Oberarm, der sofort heftig zu bluten begann.
Das Ungeheuer kreischte, wenn auch zweifellos mehr aus Wut als vor Schmerz, und schlug erneut nach Hendrik. Er duckte sich auch diesmal erfolgreich unter dem Hieb weg, sodass die mörderische Klaue nur die Kopfstütze eines Sitzes in Fetzen riss, doch in diesem Moment erbebte der Zug unter einem neuerlichen, noch härteren Schlag, der nicht nur Leonie und Theresa gegen die Wand schleuderte, sondern auch Hendrik von den Füßen fegte. Sofort warf sich das Ungeheuer mit einem triumphierenden Brüllen auf ihn. Hendrik riss gedankenschnell die Knie an den Körper und rammte ihm beide Füße in den Leib, aber er hätte genauso gut versuchen können, den Triebwagen der Lok mit purer Körperkraft wegzustoßen. Er wurde regelrecht zusammengefaltet, keuchte vor Schmerz und stieß blind mit seinem Rapier nach oben. Die Spitze grub eine blutige Furche in Hals und Kinn des Ungeheuers, durchstieß seine Wange und kam auf der anderen Seite des hässlichen Bulldoggengesichts wieder heraus. Das Ungeheuer grunzte und schloss mit einem Ruck die Kiefer, und die dünne Klinge des Rapiers zerbrach in drei Teile, von denen zwei klirrend zu Boden fielen.
Aber der Stich schien dem Monstrum trotzdem wehgetan zu haben, denn es prallte heulend zurück, und Hendrik nutzte die Chance, um unter ihm hervorzurollen und mit einem federnden Satz auf die Füße zu kommen. Noch im Aufspringen riss er den Arm zurück und rammte der Bestie den Griff seiner Waffe ins Gesicht, was sie abermals aufheulen und zwei weitere Schritte rückwärts torkeln ließ. Ihre wütend peitschenden Arme zerfetzten zwei weitere Sitze, und es gelang ihr nur mit äußerster Mühe, auf den Beinen zu bleiben.
Hendrik war mit einem Satz wieder bei Leonie und Theresa, riss die Tür auf und stieß sie kurzerhand hindurch. Leonie machte einen hastigen Schritt, aber Theresa verlor das Gleichgewicht und wäre gestürzt, hätte Hendrik sie nicht mit einer blitzschnellen Bewegung aufgefangen und zugleich weitergeschoben.
Der nächste Wagen bestand ebenfalls aus einem einzigen großen Abteil, aber sie konnten es fast zur Gänze durchqueren, bevor ihr monströser Verfolger unter schauerlichem Heulen wieder hinter ihnen auftauchte.
Hendrik sah über die Schulter zurück, fluchte lauthals und trieb Leonie und Theresa mit derben Stößen zu noch größerer Schnelligkeit an. Sie stürmten in den nächsten Wagen - abermals ein Großraumwaggon! Hatte sich denn jetzt alles gegen sie verschworen? - und durchquerten auch ihn, so schnell sie konnten.
Und das war nicht besonders schnell. Der Zug rüttelte und stampfte immer heftiger, sodass sie inzwischen fast ihre ganze Energie darauf verwenden mussten, überhaupt auf den Beinen zu bleiben, und der Lärm hatte einen Pegel erreicht, der in den Ohren schmerzte. Die Scheiben klirrten nicht mehr in ihren Rahmen, sie schrien, und in der einen oder anderen zeigten sich auch schon die ersten Sprünge.
Dennoch wuchs ihr Vorsprung. Sie hatten den Wagen komplett durchquert, als sich der Koloss hinter ihnen splitternd seinen Weg bahnte. Entweder hatte Hendriks Angriff ihn doch schwerer verwundet, als Leonie bisher angenommen hatte, oder das immer schlimmer werdende Bocken und Rütteln des Zuges behinderte auch ihren Gegner.