Was folgte, war endlich wieder ein Abteilwagen. Der schmale Gang würde das Ungeheuer weiter aufhalten und ihr Vorsprung noch mehr anwachsen - aber Leonie war sich auch darüber im Klaren, dass diesem Gedanken eine trügerische Hoffnung zugrunde lag, die am Ende nicht halten würde. Ganz egal wie lang dieser Zug auch war - irgendwann würden sie den letzten Wagen erreichen, und dann gab es einfach nichts mehr, wohin sie noch laufen konnten.
Hendrik scheuchte sie erbarmungslos auch durch den nächsten Wagen, ehe er endlich anhielt und sich schwer atmend in die Richtung wandte, aus der sie gekommen waren. »Ich glaube, dein Vater hat nicht übertrieben, als er sagte, dass ich mich um dich kümmern soll«, knurrte er.
Leonie verzichtete vorsichtshalber auf eine Antwort.
Hendrik sah ein paar Sekunden konzentriert nach hinten. Das Monstrum war nicht zu sehen, aber sie hörten den Lärm von splitterndem Glas und zerreißendem Metall, der sein unaufhaltsames Näherkommen begleitete. Hendrik runzelte die Stirn, hob den abgebrochenen Griff seines Rapiers vors Gesicht und seufzte hörbar. »Wie es aussieht, benötigen wir wohl etwas gröberes Werkzeug«, sagte er mit einem schiefen Lächeln. »Was für eine Teufelskreatur ist das? Und wer ist das da? Eine Freundin von...« Er machte eine Kopfbewegung auf Theresa und sparte sich das letzte Wort, als er sie offensichtlich erkannte. Dann verdüsterte sich seine Miene. »Ist das alles Ihr Werk?«, fragte er.
»Nein«, erwiderte Leonie hastig, bevor Theresa etwas sagen konnte. »Sie kann nichts dafür. Das Ungeheuer ist genau so hinter ihr her wie hinter mir.«
Hendrik sah nicht überzeugt aus, beließ es aber bei einem weiteren Stirnrunzeln (und einem kurzen, fast feindseligen Blick in Theresas Richtung), zuckte mit den Schultern und schob den kümmerlichen Rest seiner Waffe in die Schlaufe an seinem Gürtel zurück.
»Wir klären das später«, sagte er in einem Ton, der klar machte, dass es sich dabei nicht um eine leere Drohung handelte.
»Jetzt müssen wir erst einmal einen Ausweg suchen.« Er deutete zum Ende des Wagens. »Wohin führt diese Tür?«
»In den nächsten Waggon«, antwortete Leonie. »Und danach in den nächsten. Aber nicht mehr sehr weit. Vielleicht noch drei oder vier Wagen, schätze ich. Dann ist Schluss.«
Hendrik dachte einen Moment lang mit versteinerter Miene nach, dann nickte er. »Also müssen wir kämpfen. Gibt es in diesem Fahrzeug Waffen?«
»Außer dem Essen im Bordrestaurant?« Leonie schüttelte den Kopf. »Nein.«
Wieder dachte Hendrik einen Moment lang über ihre Antwort nach. »Gut«, sagte er schließlich. »Gehen wir weiter. Das hier ist ein schlechter Platz für einen Kampf.«
Er machte eine entsprechende Kopfbewegung, und ein gewaltiges Splittern und Krachen aus dem angrenzenden Wagen hielt Leonie nachhaltig davon ab, zu widersprechen. Sie stürmten auch durch den nächsten Wagen - ein Großraumabteil - und den angrenzenden...
... und dann war es vorbei. Hinter der nächsten Glasscheibe befand sich eine massive Metallplatte. Sie hatten das Ende des Zuges erreicht.
»Tja, jetzt gilt es«, bemerkte Hendrik. Er klang ernst, aber nicht wirklich besorgt. »Könnt ihr abspringen, sollte ich versagen?«
Leonie sah zum Fenster - draußen raste immer noch ein Chaos aus ineinander fließenden Farben vorbei - und antwortete nicht einmal, und auch Hendrik ging nicht weiter auf das Thema ein, nachdem er ihrem Blick gefolgt war. Wahrscheinlich hatte er die Frage sowieso nur gestellt, um überhaupt etwas zu sagen. Zwei, drei Sekunden lang sah er sie nachdenklich und mit konzentriert gerunzelter Stirn an, dann trat er wortlos zu einem der großen gepolsterten Sessel, zog seinen Rapierrest aus dem Gürtel und schlitzte mit raschen Bewegungen das Polster auf.
Theresa warf ihr einen fragenden Blick zu, aber sie konnte nur mit einem Schulterzucken darauf antworten. Hendrik grub mittlerweile unbeirrt weiter in den Innereien des Sessels, riss Füllmaterial und Stofffetzen heraus und schloss schließlich die Hände um einen massiven Widerstand. Leonie konnte sehen, wie sich die Muskeln unter seinem schwarzen Lederwams spannten, dann erklang ein helles Knirschen, und der Widerstand ließ so abrupt nach, dass Hendrik nach hinten stolperte und beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Als er sich mit einer ungeschickt aussehenden Bewegung wieder aufrichtete, hielt er ein verbogenes Aluminiumrohr in der Hand, dessen Ende zackig ausgefranst war.
Keinen Augenblick zu früh. Die Tür am Ende des Wagens wurde in Stücke zerfetzt, und ein äußerst schlecht gelauntes muskelbepacktes Etwas mit blutüberströmtem Bulldoggengesicht erschien in der gewaltsam geschaffenen Öffnung.
»Also gut«, rief Hendrik. »Es gilt!«
Als hätte es die Herausforderung verstanden, senkte das Ungeheuer den Kopf und stürmte los. Alles, was in seinen Weg geriet, wurde einfach in Stücke gerissen oder zur Seite gefegt; es war ein Wirbelwind aus explodierenden Trümmerstücken, der auf Hendrik zuraste - und ihn einfach aus dem Weg schleuderte!
Leonies Herz zog sich zu einem Klumpen aus purem Eis zusammen, als sie sah, wie Hendrik von den Füßen gefegt wurde und stürzte, während das Ungetüm mit ungebremster Schnelligkeit weiterraste, eine lebende Lawine aus Muskeln und rasiermesserscharfen Klauen, die auch Theresa und sie einfach zermalmen musste.
Im buchstäblich allerletzten Moment versetzte sie Theresa einen Stoß und warf sich gleichzeitig mit einer verzweifelten Anstrengung in die entgegengesetzte Richtung. Die Kreatur rammte die Tür zwischen ihnen genau dort, wo Theresa und sie vor einer halben Sekunde noch gestanden hatten, zertrümmerte sie und dellte auch noch die dahinter liegende Metallplatte ein, bevor sie mit einem Schnauben zu Boden sank. Sie streifte Theresa und Leonie nur - kaum mehr als ein flüchtiger Hauch - und doch reichte schon diese Beinaheberührung, Leonie gegen die Wand zu schleudern und benommen in die Knie sinken zu lassen. Theresa erging es auf der anderen Seite keinen Deut besser, sie rappelte sich aber ebenso schnell wie Leonie wieder hoch.
Ihre Hast war nicht nötig. Das Monstrum rührte sich nicht mehr. Seine Krallen hatten sich tief in das Metall der Zugwand gegraben und es dabei wie Papier zerfetzt, und aus seinem Rücken ragte der abgebrochene Stumpf des Aluminiumträgers, den Hendrik aus dem Sitz gerissen hatte. Das Monstrum hatte sich selbst daran aufgespießt, als es Hendrik überrannte, und sich zusätzlich den Schädel an der Zugwand eingeschlagen. Vielleicht war es auch gar nicht tot, sondern nur bewusstlos, aber das spielte im Moment keine Rolle. Leonie raffte all ihren Mut zusammen, um über den missgestalteten Körper der reglos daliegenden Kreatur hinwegzusteigen, war mit zwei schnellen Schritten bei Hendrik und ließ sich neben ihm in die Hocke sinken. Er sah ein wenig ramponiert aus, aber er schlug die Augen auf, gerade als Leonie die Hand nach ihm ausstrecken wollte, stemmte sich auf die Ellbogen hoch und schüttelte ein paarmal heftig den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden.
»Ist es... erledigt?«, fragte er zögernd.
»Das ist die gute Nachricht«, bestätigte Leonie. Sie wartete darauf, dass Hendrik nun wissen wollte, was die schlechte Nachricht war, aber offensichtlich kannte er diese Redewendung nicht. Er sah sie nur verständnislos an. Nach einigen Momenten arbeitete er sich mühsam in die Höhe, und Leonie fragte sich, ob das Ungeheuer ihn vielleicht doch schlimmer verletzt hatte, als es zunächst den Anschein gehabt hatte.
»Er war nicht allein.« Leonie machte eine Kopfbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Das war nur der Erste.« Natürlich war es bei dem Höllenlärm, der in dem immer noch schneller werdenden Zug herrschte, vollkommen unmöglich, aber Leonie bildete sich für einen Moment trotzdem ein, das Kreischen und Heulen der näher kommenden Meute bereits zu hören. Wie lange würde es noch dauern, bis sie hier waren? Bestimmt nicht mehr als ein paar Minuten.