Выбрать главу

»Dann haben wir ein Problem.« Hendrik fuhr sich mit dem Handrücken übers Gesicht und betrachtete einen Augenblick stirnrunzelnd seine blutige Hand. Dann, noch kürzer, sah er in die Richtung, in die Leonie gewiesen hatte. »Wir brauchen Waffen. Oder einen Fluchtweg.«

»Was für ein genialer Plan«, murmelte Theresa. »Dass wir nicht von selbst darauf gekommen sind.« Sie schüttelte den Kopf und sprach vorsichtshalber nicht weiter, als sie ein eisiger Blick aus Hendriks Augen traf. Instinktiv machte sie einen Schritt zurück.

Hendrik beließ es dabei. Ohne ein weiteres Wort trat er an das nächstgelegene Fenster, kämpfte einen Moment lang vergeblich mit dem ihm unbekannten Verschlussmechanismus und schlug die Scheibe dann kurzerhand mit einem kräftigen Stoß des Ellbogens ein. Das Heulen der vorüberrauschenden Luft steigerte sich zu einem Getöse, das jeden anderen Laut verschluckte, und die Splitter der zertrümmerten Scheibe wurden ebenso nach außen gesogen wie um ein Haar Hendrik selbst, bevor er sich im letzten Moment am Fensterrahmen festhalten konnte. Dennoch beugte er sich gleich darauf sogar noch weiter vor und versuchte aus zusammengekniffenen Augen in die Fahrtrichtung zu blicken. Er hielt es allerdings nur eine oder zwei Sekunden lang aus. Sein Gesicht geriet sofort in den grellen Funkenschauer, und der rasende Fahrtwind trieb ihm Tränen in die Augen, sodass er vermutlich sowieso nichts sah. Er stieß sich mit einem kraftvollen Ruck wieder zurück und schrie über den tobenden Lärm hinweg: »Unmöglich, abzuspringen!«

»Ach, tatsächlich?«, schrie Theresa zurück »Jetzt bin ich aber enttäuscht!«

»Der Tunnel ist zu eng!«, brüllte Hendrik ungerührt zurück. »Wir würden an den Wänden zerschmettert.« Er wedelte mit den Armen. »Versuchen wir es hinten!«

Leonie und Theresa tauschten einen fassungslosen Blick, aber Hendrik hatte sich bereits umgedreht und war mit wenigen Schritten wieder beim Heck des Wagens. Mit sichtlicher Anstrengung zerrte er den Leichnam des muskelbepackten Ungetüms zur Seite, stemmte die zerschmetterte Tür vollends auf und trat drei-, viermal hintereinander und mit aller Gewalt vor die geschlossene Metallplatte dahinter. Leonie konnte nicht sagen, ob es an seiner Kraft lag oder ob der Anprall des Ungeheuers die Tür schon nachhaltig geschwächt hatte, aber nach weniger als einem halben Dutzend wuchtiger Fußtritte löste sich die dünne Metallplatte und kippte nach draußen. Sofort wurde sie vom Fahrtwind gepackt und davongerissen. Sie verschwand außer Sicht, noch bevor sie auf den Schienen aufschlagen konnte.

Auch Leonie näherte sich widerstrebend der Tür. Hendrik klammerte sich mit beiden Händen am Rahmen fest, um nicht von dem immer stärker werdenden Luftzug hinausgerissen zu werden, und ohne sein Gesicht zu sehen, wusste Leonie, dass er sich spätestens jetzt von dem Gedanken verabschiedet hatte, den Zug auf diesem Weg zu verlassen. Ihr selbst wurde beinahe sofort übel beim Anblick des Schienenstranges, der schon wenige Meter hinter dem Zug zu einem silberweißen Schemen verschwamm. Wenn sie dort hinaussprangen, dann waren sie wahrscheinlich tot, bevor sie den Aufschlag auch nur spürten.

»Und jetzt?«, schrie Theresa.

Statt zu antworten - was auch? -, sah Leonie mit klopfendem Herzen in Fahrtrichtung. Erstaunlicherweise war von ihren Verfolgern immer noch nichts zu sehen, aber sie würden kommen, daran bestand kein Zweifel.

»Du hast Recht, Leonie.« Hendrik schrie ihr praktisch ins Ohr um sicherzugehen, dass sie ihn auch verstand. »Wir sollten wieder nach vorn gehen!«

»Wie?!«, keuchte Leonie. Anscheinend hatte Hendrik ihren Blick gründlich missverstanden. Er gab ihr allerdings keine Gelegenheit, zu protestieren, sondern eilte bereits los, wobei er Leonie einfach mit sich zerrte. Theresa folgte ihnen lauthals protestierend, aber ihre Angst, allein zurückzubleiben, war offensichtlich doch größer als die Angst vor dem, was weiter vorn im Zug auf sie wartete.

Leonie folgte Hendrik widerspruchslos, bis sie den nächsten Wagen erreicht hatten und der Lärm wenigstens weit genug hinter ihnen zurückgeblieben war, um sich wieder verständigen zu können, ohne sich dabei gegenseitig anschreien zu müssen. Dann jedoch riss sie sich los und bedeutete Hendrik mit Gesten, ebenfalls stehen zu bleiben.

»Theresa hat Recht«, sagte sie atemlos. »Wir können nicht wieder nach vorn. Sie kommen von dort!«

»Ich kämpfe nicht gern mit dem Rücken zur Wand«, erwiderte Hendrik. »Wie viele sind es?«

»Zu viele«, antwortete Leonie. »Wir müssen hier raus! Irgendwie!« Ihre Gedanken überschlugen sich fast. »Wie sind Sie hierher gekommen?«, fragte sie schließlich.

Hendrik schüttelte bedauernd den Kopf. »Dieser Weg steht uns nicht zur Verfügung.«

»Dann ist es vorbei«, keuchte Theresa. »Sie werden uns erwischen.«

Hendrik starrte sie misstrauisch an, aber Leonie spürte, dass die Verzweiflung in Theresas Stimme echt war. Doch Theresas Angst weckte nur ihren Trotz. Sie würde nicht einfach aufgeben - nicht so.

»Wir sollten weiter nach vorn gehen«, beharrte Hendrik. »Ich muss wissen, mit wie vielen Gegnern ich es zu tun habe. Ihr könnt hier bleiben, wenn ihr wollt.«

Natürlich war Leonie nicht besonders scharf darauf, wieder in den vorderen Zugteil zu gehen, aber allein hier zurückzubleiben und darauf zu warten, ob Hendrik wiederkam oder an seiner Stelle eine Horde Keulen schwingender Ungeheuer auftauchte, erschien ihr noch schrecklicher. Sie nickte widerstrebend. Theresa nickte nicht, sondern starrte sie nur entsetzt an, aber als Hendrik losging und Leonie ihm in geringem Abstand folgte, schloss sie sich ihnen ebenfalls an.

Zu Leonies wachsender Verwirrung kamen ihnen keine weiteren Ungeheuer entgegen, weder im nächsten Wagen noch im übernächsten noch in dem danach. Als sie sich jedoch dem Speisewagen näherten, wurde Hendrik immer langsamer und blieb schließlich stehen.

Die Tür war zerborsten und der Raum dahinter sah aus, als wäre er von einem Bulldozer verwüstet worden, dessen Fahrer an einer besonders üblen Form von Veitstanz litt. Die Tür an seinem anderen Ende war verschwunden. Stattdessen blickten sie in einen endlos langen, von Fackeln erhellten Tunnel - von dem allerdings nicht sehr viel zu sehen war, denn er platzte schier aus allen Nähten vor Aufsehern, Scriptoren und allen möglichen (und unmöglichen) anderen Kreaturen, die sich darin drängten. Nicht eines dieser bizarren Geschöpfe machte auch nur den Versuch, den Speisewagen zu betreten.

»Worauf warten sie?«, fragte Theresa.

Leonie hob nur die Schultern, aber Hendrik antwortete in fast nachdenklichem Ton: »Vielleicht können sie es nicht. Oder sie warten auf etwas.«

»Oder jemanden«, fügte Leonie hinzu. Sie trat neben Hendrik, um besser sehen zu können. Hinter der versammelten Meute, weit, unendlich weit am Ende des Tunnels, glaubte sie, eine dunkle Gestalt zu erkennen, die nicht ganz Mensch, aber auch nicht ganz etwas anderes war.

»Was... ist das?«, flüsterte sie.

Ihre Stimme war nur ein Hauch, der im anhaltenden Klirren und Scheppern ringsum eigentlich hätte untergehen müssen, aber Hendrik warf ihr dennoch einen raschen nervösen Blick zu, und Theresa, die zwei Schritte hinter ihr stand, antwortete: »Vielleicht... der Archivar.«

Leonie wünschte sich, sie hätte es nicht gesagt. Tief in sich hatte sie gewusst, wer diese unheimliche schwarze Gestalt war. Ebenso wie sie gewusst hatte, dass es manchmal besser war, einem namenlosen Schrecken eben keinen Namen zu geben. Es war eine Frage von der Art gewesen, auf die man gar keine Antwort haben will.

Hendrik spreizte den linken Arm ein wenig vom Körper ab und schob sie zurück, während er gleichzeitig fast behutsam Schritt für Schritt vor der zerborstenen Tür zurückwich. Erst als der unheimliche Tunnel samt seinen monströsen Bewohnern nicht mehr zu sehen war, drehte er sich um, legte Leonie beide Hände auf die Schultern und schob sie noch ein gutes Dutzend Schritte weiter den Gang entlang, bis er endlich stehen blieb. »Das sind zu viele«, sagte er.