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Leonie sah aus den Augenwinkeln, wie Theresa zu einer spöttischen Antwort ansetzte, und brachte sie mit einem fast entsetzten Blick zum Schweigen. Ihr war nicht ganz klar, was sich denn Theresa davon versprach, Hendrik zu reizen, aber es war mit Sicherheit keine gute Idee.

Hendrik ließ endlich ihre Schultern los, drehte sich wieder um und starrte eine gute halbe Minute lang mit konzentriertem Gesichtsausdruck nach vorne. Schließlich fragte er: »Wie wird dieses Fahrzeug angetrieben?«

»Durch eine Elektrolok«, antwortete Theresa, und noch bevor Hendrik die Verständnislosigkeit, die Leonie in seinem Blick las, in eine entsprechende Frage kleiden konnte, sagte sie rasch: »Der Wagen am vorderen Ende zieht die Waggons.«

»Und es sind einzelne Wagen?«

Leonie nickte.

»Dann müssen wir versuchen den letzten Wagen abzuhängen«, erklärte Hendrik.

Theresa starrte ihn aus ungläubig aufgerissenen Augen an, doch Leonie schüttelte nur bedauernd den Kopf. Auf diese Idee war sie auch schon gekommen - aber so etwas funktionierte allerhöchstens in Hollywood-Filmen oder in einer Eisenbahn, die nicht viel jünger war als Hendrik. »Das geht nicht«, widersprach sie.

»Warum nicht?«

Statt einer Antwort ging Leonie wortlos bis zum Ende des Wagens, öffnete die Schiebetür und deutete auf die beiden halbrunden, geriffelten Metallplatten, die den Fußboden bildeten und sich im wackelnden Takt des dahinbrausenden Zuges gegeneinander verschoben. Hendrik sah sie nur verständnislos an. »Die Kupplung ist da drunter«, erklärte sie. »Wenn du nicht zufällig einen Schweißbrenner in der Tasche hast...«

Hendrik wirkte mit einem Mal sehr ernst, aber keineswegs entmutigt, wie Leonie fand. Er schob sie mit einer Handbewegung zur Seite, ließ sich in die Hocke sinken und versuchte, die Finger zwischen die beiden Platten zu schieben, zog die Hand aber dann rasch wieder zurück, bevor er Gefahr lief, seine Finger einzubüßen. »Die Kupplung ist... da unten?«, vergewisserte er sich, sah jedoch nicht einmal auf, sodass er Leonies zustimmendes Nicken gar nicht sehen konnte. »Und diese beiden Platten ermöglichen es den Fahrgästen, ungefährdet von einem Wagen in den anderen zu wechseln.«

Er klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Boden. Es klang nach massivem Metall. Nach äußerst massivem Metall, dachte Leonie unbehaglich. Hendrik ließ sich von dieser Erkenntnis jedoch nicht abschrecken, sondern stand im Gegenteil auf, wandte sich um und verschwand mit schnellen Schritten wieder im angrenzenden Speisewagen. Leonie wagte es nicht, ihm zu folgen, doch Hendrik kam auch schon nach wenigen Augenblicken zurück. Diesmal hatte er keinen Sitz auseinander genommen, sondern schwenkte fast triumphierend ein Metallrohr mit einem Durchmesser von gut fünf Zentimetern, das Leonie erst nach einigen Augenblicken als das Bein eines Bistrotisches erkannte, das er offensichtlich abgebrochen hatte.

Ohne viel Federlesen scheuchte er Theresa und sie beiseite, stellte sich breitbeinig auf und versuchte, das scharfe Ende des Metallrohres zwischen die beiden Platten zu schieben. Es gelang ihm erst beim dritten oder vierten Anlauf und auch dann war der Erfolg äußerst mäßig: Ein hässliches, in den Ohren schmerzendes Kreischen und Schrillen erklang, und Hendrik brauchte sichtlich all seine Kraft, damit ihm das Rohr nicht aus den Händen gerissen wurde, aber die beiden Aluminiumplatten rührten sich nicht. Dennoch verstärkte Hendrik den Druck nur noch und versuchte mit aller Gewalt, das Metall in den kaum mehr als fünf Millimeter messenden Spalt zu pressen. Das Quietschen und Schrillen wurde lauter, und Hendriks Muskeln spannten sich so sehr, dass Leonie nicht wirklich überrascht gewesen wäre, wäre sein Hemd zerrissen.

Und dann ging auf einmal alle ganz schnelclass="underline" Der Wagen legte sich in eine sanfte Linkskurve, die beiden Metallplatten bewegten sich kreischend gegeneinander, und das Rohr wurde Hendrik mit solcher Wucht aus den Händen gerissen, dass er zurücktaumelte und dann mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging, als das peitschende Ende seinen Oberschenkel traf. Mit dem hässlichen Geräusch zerreißenden Metalls brach das Rohrstück einfach ab. Eine der beiden Aluminiumplatten hatte sich verbogen. Nicht sehr weit, aber doch deutlich.

Hendrik arbeitete sich mit zusammengebissenen Zähnen in die Höhe, begutachtete sein Werk und ging dann noch einmal in die Hocke, um mit einem zufriedenen Nicken den Rest des in zwei Teile zerbrochenen eisernen Rohres aufzuheben. »So müsste es gehen«, murmelte er. Dennoch richtete er sich weiter auf und trat mit einem großen Schritt über die beschädigten Aluminiumplatten hinweg.

»Und warum machen Sie dann nicht weiter?«, erkundigte sich Theresa.

Hendrik machte eine Bewegung, die irgendwo zwischen einem Kopfschütteln und einer Geste in Richtung des Zugendes lag. »Nicht hier«, sagte er. »Im letzten Wagen. Das verschafft uns Zeit.«

Theresa wollte abermals widersprechen, aber Hendrik eilte bereits los und Leonie schloss sich ihm rasch an. Sie hoffte, dass es nicht so weit kam - aber wenn es ihren Verfolgern erst einmal gelungen war, die unsichtbare Barriere zwischen ihrer Welt und dem Speisewagen zu überwinden, dann mochten die wenigen Augenblicke Vorsprung, die sie auf diese Weise gewannen, vielleicht über Leben und Tod entscheiden.

Sie brauchten diesmal nur wenige Minuten, um das Zugende zu erreichen. Leonie schrak instinktiv davor zurück, den letzten Wagen - Schauplatz ihres Kampfes mit dem Ungeheuer - wieder zu betreten, in dem jetzt ein wahrer Sturm tobte, aber Hendrik drängte Theresa und sie kurzerhand durch die Tür und gab ihnen mit einer knappen Geste zu verstehen, dass sie einige Schritte zurückbleiben sollten, während er sich mit dem Rücken gegen die offen stehende Zwischentür lehnte, beide Füße in den Boden stemmte und versuchte, das mittlerweile noch ungleich mehr zerfetzte und verbogene Ende seines Metallrohres zwischen die beiden Aluminiumplatten unter sich zu schieben. Er brauchte dazu länger als vorhin, und auch diesmal ließ der Erfolg eine geraume Weile auf sich warten; der Zug schien jetzt eine vollkommen gerade Strecke entlangzurasen, und Leonie wurde sich mit jähem Schrecken bewusst, dass sich das vielleicht nicht mehr ändern würde. Schließlich fuhren sie durch einen Tunnel und in Tunneln gab es in den seltensten Fällen scharfe Kurven.

Hendrik rammte das Metallrohr jedoch verbissen immer weiter zwischen die beiden halbrunden Metallplatten, bis es ihm zumindest gelungen war, es so zu verkanten, dass es sich nicht mehr bewegen ließ. Nervös sah er über die Schulter in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Das Heulen des Windes, der draußen vorbeirauschte, und das Tosen des Zuges, das sich mittlerweile anhörte, als würde der gesamte ICE im nächsten Moment auseinander brechen, verschluckten auch weiterhin jedes andere Geräusch, aber Leonie schien nicht die Einzige zu sein, die sich einbildete, das Geifern und Kreischen der näher kommenden Meute bereits zu hören.

Dann änderte sich etwas. Leonie konnte im ersten Moment selbst nicht sagen was, doch nach ein paar Sekunden fiel ihr der Unterschied auf: Nur noch auf der rechten Seite stoben Funken vor dem Fenster hoch. Durch das Fenster auf der anderen Seite war jetzt nur noch vorüberrasende Schwärze zu erkennen. Sie tauschte einen beunruhigten Blick mit Theresa, wandte sich um und ging rasch zu dem Fenster, das Hendrik vorhin eingeschlagen hatte. Ihr Herz begann noch heftiger zu pochen. Schon die bloße Vorstellung, sich dort hinauszubeugen, war beinahe mehr, als sie ertragen konnte - aber sie musste wissen, was dort draußen geschah! Sich mit beiden Händen am Fensterrahmen festklammernd, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und beugte sich aus dem Fenster.

Sofort schlug ihr der Fahrtwind wie mit einer unsichtbaren Eisenkralle in die Augen. Der Sturm war so gewaltig, dass er ihr sogar den Atem von den Lippen riss und sie im allerersten Moment kaum Luft bekam, geschweige denn etwas sah. Wohl oder übel ließ sie mit der linken Hand los, hielt sie sich vors Gesicht und versuchte zwischen gespreizten Fingern hindurch etwas zu erkennen. Im ersten Moment gelang es ihr nicht - aber das lag wohl eher daran, dass es gar nicht viel zu erkennen gab: Der Zug raste nicht mehr durch einen Tunnel, sondern durch eine gewaltige, vollkommen leere Höhle, die sie nur deshalb nicht als absolute Schwärze wahrnahm, weil irgendwo Hunderte und Aberhunderte von Metern über ihr schemenhaft eine felsige Decke zu erkennen war. Sie fuhren auch nicht mehr scharf geradeaus, denn sie konnte jetzt weit vor sich die Lok und die ersten zwei oder drei Wagen erkennen; der Intercity begann sich in eine sanfte Linkskurve zu legen.