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Leonie blieb reglos sitzen, während der Wagen mit Hendrik sich immer rascher und rascher entfernte. Erst als sie sein Gesicht nicht mehr erkennen konnte, stemmte sie sich vollends in die Höhe und ging noch einmal zum Fenster, um sich hinauszubeugen.

Sie wurde mit einem Anblick belohnt, der an Schrecken alles Bisherige noch einmal übertraf.

Jetzt war es keine Vermutung mehr. Die unheimliche Schwärze, auf die der Zug zuraste, war ein Abgrund - und die Lok hatte ihn genau in dem Moment erreicht, in dem Leonie sich vorbeugte! Die ungeheure Geschwindigkeit des ICE ließ sie noch ein gutes Stück fast waagerecht weiterrasen, obwohl unter ihren eisernen Rädern plötzlich keine Schienen mehr waren, aber dann kippte sie langsam wie ein riesiges, vielrädriges Geschoss nach vorn und begann in einer lang gestreckten Parabel in die Tiefe zu stürzen, wobei sie erbarmungslos die angehängten Wagen mit sich riss.

Als die Hälfte des Zuges den Halt auf den Schienen verloren hatte, begann er sich zu drehen wie ein Zollstock, der mit brutaler Gewalt in verschiedene Richtungen auseinander gebogen wurde. Zwei oder drei Waggons rissen ab, bevor sie in der Tiefe verschwanden, und aus einem weiteren züngelten Flammen. Die beiden letzten Wagen schließlich (großer Gott, auch der, in dem sich Hendrik befand!) sprangen aus den Schienen und stellten sich quer, aber ihr Schwung war immer noch groß genug, um sie weiterzureißen - auf den bodenlosen Abgrund zu. Leonie schloss entsetzt die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, war vor ihnen nichts mehr. Der gewaltige ICE mit all seinen angehängten Waggons war so spurlos verschwunden, als hätte es ihn niemals gegeben.

Aber der Waggon, in dem Theresa und sie sich befanden, sauste immer noch weiter!

»Mein Gott!«, keuchte Theresas Stimme neben ihr. »Wir schaffen es nicht!«

Sie hatte Recht, dachte Leonie dumpf, als sie den Abgrund unaufhaltsam näher kommen sah. Doch sie erschrak nicht einmal wirklich. Hendriks Opfer war umsonst gewesen. Er hatte den Wagen abgekoppelt, gegen jede Wahrscheinlichkeit, aber zu spät. Sie waren immer noch viel zu schnell.

»Wir müssen springen!«, schrie Theresa. »Leonie!«

Sie griff nach oben, um sich am Fensterrahmen in die Höhe zu ziehen und ihre Worte unverzüglich in die Tat umzusetzen, doch Leonie hielt sie mit einem müden Kopfschütteln zurück. Sie konnte Theresas Angst nachvollziehen, aber ein Sprung bei dieser Geschwindigkeit musste ebenso tödlich sein wie ein Sturz in die Tiefe. Der Zug raste noch immer mit mindestens hundertfünfzig Stundenkilometern über die Schienen, wenn nicht schneller. Und sie hatten keine Möglichkeit...

Leonie fuhr so hastig herum, dass sie mit voller Wucht gegen Theresa prallte und diese mit einem spitzen Schrei stürzte, aber sie nahm es nicht einmal zur Kenntnis. Mit einem einzigen Satz war sie auf der anderen Seite des Waggons und zerrte mit beiden Händen an der Notbremse.

Das Kreischen von Metall war diesmal so laut, dass sie glaubte, ihr Trommelfell würde zerreißen. Auf beiden Seiten schossen weiße und gelbe Funkenschauer vor den Fenstern hoch, und obwohl Leonie auf den Ruck vorbereitet gewesen war, riss es sie einfach von den Füßen und schleuderte sie hart durch den Waggon, ehe sie auf dem Boden aufschlug und den Rest des Weges schlitternd zurücklegte. Es war pures Glück, dass sie nicht aus dem Wagen stürzte, sondern hart mit der Schulter gegen die Wand unmittelbar neben der Tür prallte. Der Wagen schüttelte sich und bockte kräftiger denn je zuvor, aber auf eine andere, beunruhigendere Art. Durch den Nebel aus Schmerz, Furcht und Bewusstlosigkeit, der immer heftiger versuchte, sie in seine dunkle Umarmung hinabzuziehen, spürte sie, wie sich der Wagen tatsächlich ein Stück aus den Schienen hob und dann zurückkrachte. Sie rechnete so fest mit einer Katastrophe, dass sie im allerersten Moment ein völlig absurdes Gefühl von Enttäuschung empfand, als nichts weiter geschah.

Mühsam - und vorsichtshalber ohne zu Theresa zurückzublicken - stemmte sie sich auf die Ellbogen hoch und robbte ein Stück zur Seite, um durch die aufgebrochene Tür nach vorn zu sehen.

Der Abgrund kam immer noch näher. Auch unter dem vorderen Ende des Wagens stoben Funken hoch, und sie konnte jetzt bereits die Stelle erkennen, an der die Schienen einfach im Nichts endeten. Sie rasten längst nicht mehr so schnell wie am Anfang dahin und verloren auch immer noch rapide an Geschwindigkeit, und dennoch hatte Leonie das entsetzliche Gefühl, dass der Abgrund einfach auf sie zuzuspringen schien wie ein schwarzes Ungeheuer, das es nicht mehr abwarten konnte, die Fänge in seine Beute zu schlagen. Sie waren noch hundert Meter entfernt, dann fünfzig, dreißig... Die Funken stoben nicht mehr so heiß und hell wie noch vor einigen Augenblicken und ihr Tempo nahm weiter ab, aber der Abgrund näherte sich trotzdem unerbittlich. Der Wagen bewegte sich jetzt kaum noch schneller als ein rennender Mensch, doch zwischen Leonie und dem Nichts lagen mittlerweile auch nur noch zehn Meter, dann vielleicht fünf, drei...

Und dann nichts mehr.

Sie schrie vor Entsetzen und Panik auf, als sie spürte, wie die blockierenden Eisenräder plötzlich auf keinen Widerstand mehr trafen und der Wagen immer noch weiterschlitterte. Dann schleuderte sie ein gewaltiger Ruck auf den Boden, als das zweite Räderpaar plötzlich den Halt verlor und der Wagen mit fürchterlicher Gewalt nach vorne kippte...

... und zur Ruhe kam!

Leonie blieb mit geschlossenen Augen liegen, lauschte dem rasenden Hämmern ihres Herzens und wartete darauf, den unheimlichen Laut zu hören, mit dem sich der Eisenbahnwaggon ganz langsam weiter nach vorne neigte, um schließlich doch noch in die Tiefe zu stürzen. Aber sie hörte nichts. Nach dem Höllenlärm, der bisher hier drinnen geherrscht hatte, tat die Stille beinahe weh in den Ohren. Doch sie blieb und auch der Boden bewegte sich nicht mehr. Sie hatten es geschafft. Zögernd, fast ängstlich, als fürchte ein Teil von ihr, schon diese winzige Bewegung könnte ausreichen, um den Waggon endgültig die Balance verlieren zu lassen, öffnete sie die Augen und stand mühsam auf. Die Abteiltür lag unmittelbar vor ihr. Darunter war nichts mehr.

Die Folterkammer

Leonie hatte nicht auf die Uhr gesehen, aber sie schätzte, dass eine gute Stunde, wenn nicht mehr, vergangen sein musste, seit Theresa und sie vorsichtig aus dem Zug geklettert und noch vorsichtiger an den Rand des Abgrunds getreten waren. Selbstverständlich hatten weder sie noch Theresa sich irgendwelche Hoffnungen gemacht, dass Hendrik - oder überhaupt jemand oder etwas - den katastrophalen Absturz überlebt haben könnte, und ihr Herz hatte bis zum Zerreißen gehämmert, während sie sich vorgebeugt und zugleich gegen den schrecklichen Anblick gewappnet hatte, der sie erwarten mochte.

Auf das, was sie dann sah, hatte Leonie sich allerdings nicht vorbereiten können.

Sie hatte erwartet, das zerborstene Wrack des ICE zu erblicken, einen wirren Haufen aus verdrehtem Metall, Trümmern, Glasscherben und ineinander verkeilten Waggons, wie eine Spielzeugeisenbahn, die ein Kind aus dem obersten Stockwerk eines Hochhauses geworfen hatte, möglicherweise brennend und über ein gewaltiges Gebiet verteilt. Aber unter ihnen war...

... gar nichts gewesen.

Hätte man Leonie das vorher gesagt, sie hätte vermutlich darüber gelacht - aber tatsächlich war der Anblick der vollkommenen Leere unter ihnen schlimmer, als es jede noch so unvorstellbare Zerstörung hätte sein können. Den Zug dort unten zerschmettert und in Stücke gebrochen liegen zu sehen, hätte sie zweifellos bis ins Mark erschüttert... aber gar nichts zu sehen war noch viel schlimmer, denn es war, als hätte es den Zug, Hendrik und die Ungeheuer niemals gegeben. Der Boden des Abgrunds - wenn er denn überhaupt einen hatte - war ebenso wenig zu erkennen gewesen wie sein gegenüberliegender Rand. Selbst jetzt, bei der bloßen Erinnerung an den finsteren Schlund, in den der Zug gestürzt war, lief ihr noch ein eisiger Schauer über den Rücken.