Seither waren sie unterwegs.
Ihre Umgebung hatte sich mittlerweile gravierend verändert.
Zuerst waren es noch Zuggleise gewesen, auf denen sie gegangen waren, scheinbar endlos und ohne auf einen Ausgang aus dem düsteren Tunnel zuzusteuern, in den sie geraten waren, jetzt aber bewegten sie sich in einer Art Kanalisation, und gleichzeitig begann Leonies Erinnerung an den Zugtunnel ganz allmählich zu verblassen, und es erschien ihr immer selbstverständlicher, neben Theresa herzulaufen und gemeinsam mit ihr einen Ausweg aus dieser stinkenden Kloake zu suchen.
Irgendwann blieb Theresa stehen und legte den Kopf auf die Seite, um zu lauschen. Leonie tat dasselbe, aber sosehr sie sich auch anstrengte, sie hörte nichts außer dem Geräusch ihres eigenen Herzens und dem seidigen Rauschen der fauligen, stinkenden Brühe, die neben ihnen herfloss, und dem Tröpfeln einzelner Wassertropfen von der gewölbten Decke über ihnen. Leonie fühlte sich mehr als unbehaglich in diesem uralt wirkenden Gewölbe mit der träge vor sich hin plätschernden Abwasserbrühe, und im Grunde ihres Herzens war sie heilfroh, Theresa neben sich zu wissen, die nichts unversucht gelassen hatte ihr zu helfen, wann immer sie gekonnt hatte.
Vorher wäre sie sich schon bei dem bloßen Gedanken, irgendetwas anderes als feindselig und ablehnend Theresa gegenüber zu sein, wie eine Verräterin an ihrem Vater vorgekommen. Jetzt erkannte sie, wie dumm das gewesen war. Theresa und sie standen möglicherweise auf verschiedenen Seiten, aber das machte die junge Frau nicht automatisch zu ihrer Feindin.
»Wir müssen sehen, dass wir hier irgendwo rauskommen«, murmelte Theresa, nachdem sie eine ganze Zeit lang schweigend neben dem sich anscheinend endlos dahinziehenden Abwasserkanal hergegangen waren.
»Was schlägst du vor?«, fragte Leonie.
»Ich?« Theresa schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich fürchte, ich kann dir da nicht helfen. Das hier ist dein Spiel.«
»Als Spiel würde ich das nicht gerade bezeichnen«, meinte Leonie. »Immerhin wären wir um ein Haar gestorben. Und wer weiß, wie viele Menschen im Zug zu Schaden gekommen sind.«
»Er war leer«, erinnerte sie Theresa.
»Und Hendrik?«, fragte Leonie scharf.
Theresa blieb ihr die Antwort auf diese Frage schuldig. »Entschuldige«, sagte sie schließlich. »Das hier ist wirklich alles andere als ein Spiel. Was ich gemeint habe, war auch eher, dass du die Regeln bestimmst, nicht ich.«
»Schön wär’s«, erwiderte Leonie finster. Ihr war das Lachen endgültig vergangen. Auch wenn sie sich nicht mehr ganz so allein und hilflos fühlte seit Theresa das Schweigen gebrochen hatte, so hatten ihre Worte ihr doch klar gemacht, wie schlimm die Lage war. Das hier war ganz gewiss kein normaler Tunnel, sondern ein Teil jener unheimlichen Welt, die sie schon einmal betreten hatte, durch die geheime Tür im Keller der Buchhandlung. Sie konnten die nächsten hundert Jahre in dieser Kanalisation entlangmarschieren, ohne sich dem Ausgang auch nur um einen Schritt zu nähern.
»Ich verstehe überhaupt nicht, was hier geschieht«, gestand sie. »All diese schrecklichen Kreaturen - was wollen sie von mir?«
»Keine Ahnung«, antwortete Theresa. »Ich verstehe es auch nicht. Soweit ich weiß, ist es noch nie vorgekommen, dass sie eine von uns in ihre Welt geholt haben. Ich wusste gar nicht, dass sie das können.«
Die Art, wie sie die Worte eine von uns aussprach, ließ es Leonie für einen Moment warm ums Herz werden, aber sie machte ihr zugleich auch klar, wie bitterernst ihre Situation war. Hier ging es nicht um etwas, von dem sie hörte oder dessen Zeuge sie eher zufällig wurde, sondern um sie, um ihr Leben und vielleicht noch um unendlich viel mehr - und sie wusste nicht einmal genau, welche Rolle sie in dieser ganzen Geschichte spielte. Geschweige denn, was sie tun sollte.
»Dieser... Archivar, von dem du gesprochen hast«, fuhr sie nachdenklich fort, »wer ist das? Und was will er von mir?«
Theresa hob fröstelnd die Schultern, so als bereite ihr schon allein die Erwähnung dieses Namens Unbehagen. »Ich weiß es nicht. Niemand hat ihn je gesehen. Ein paar von uns sind sogar der Meinung, dass es ihn gar nicht gibt, sondern er nur so etwas wie eine Legende ist.« Sie lachte leise und nicht sonderlich echt. »Na ja, zumindest diesen Irrtum können wir ja jetzt aufklären... sollten wir es jemals wieder zurück nach Hause schaffen, heißt das«, fügte sie etwas leiser hinzu, nachdem sie sich schaudernd umgesehen hatte. Der letzte Satz, fand Leonie, war höchst überflüssig gewesen.
»Du warst schon einmal hier, in der Welt des Archivs«, fuhr Theresa nach einer Weile fort. »Wie hast du damals den Rückweg gefunden?«
»Das war etwas anderes«, antwortete Leonie automatisch. »Damals war...« Sie brach ab, legte den Kopf schräg und sah Theresa mit einer Mischung aus neu erwachendem Misstrauen und einem daraus resultierenden schlechten Gewissen an. »Woher weißt du das? Ich habe dir bestimmt nichts davon erzählt!«
»Hast du nicht?«, vergewisserte sich Theresa blinzelnd.
»Nein«, antwortete Leonie.
»Woher weiß ich es dann?«, rief Theresa.
»Genau das möchte ich auch wissen.« Leonie versuchte vergeblich, eine Antwort auf diese Frage zu finden oder wenigstens ihr Misstrauen niederzukämpfen, aber ihr gelang weder das eine noch das andere.
»Ach verdammt, ich weiß es eben«, polterte Theresa plötzlich. »Frag mich nicht woher! Mittlerweile hat sich so viel verändert und ins Gegenteil verkehrt, dass ich schon an mir selbst ganz irre werde! Das kommt eben dabei raus, wenn jemand anfängt mit der Wirklichkeit herumzuspielen! Noch dazu jemand, der nichts davon versteht!« Sie funkelte Leonie herausfordernd an. »Warst du nun schon einmal hier oder nicht?«
Leonie hielt ihrem Blick für die Dauer von zwei oder drei schweren Herzschlägen stand. Der Zorn, der in Theresas Augen funkelte, war nicht echt. Dahinter verbargen sich Unsicherheit und vielleicht eine Spur von schlechtem Gewissen. Leonie spürte plötzlich, wie dünn das Band von neu entstandenem Vertrauen in Wahrheit war, das es zwischen ihnen gab, und wie unendlich empfindlich. Ein einziges unbedachtes Wort konnte es zerreißen, vielleicht schon ein falscher Blick oder sogar etwas, das sie im falschen Moment nicht aussprach.
»Das war etwas anderes«, sagte sie nur. »Damals war ich nicht allein und ich habe irgendwie...« Sie suchte nach Worten und rettete sich schließlich in ein hilflos wirkendes Achselzucken. »Irgendwie habe ich gespürt, wo ich hinmuss.«
»Und jetzt spürst du es nicht.« Theresa klang enttäuscht, aber zugleich auch hörbar erleichtert, wenn auch vermutlich aus vollkommen unterschiedlichen Gründen.
»Nein«, bestätigte Leonie.
»Dann haben wir ein Problem«, seufzte Theresa. Sie sah Leonie noch einen Atemzug lang erwartungsvoll an, dann seufzte sie noch einmal und leiser, schüttelte deutlich entmutigt den Kopf und ging weiter. Ihre Schritte erzeugten helle, sonderbar harte Laute auf den rauen Steinfliesen, die den Boden bedeckten, und hallten ebenso merkwürdig verzerrt von der hohen gewölbten Decke wider. Ein rascher Schauer von Furcht lief über Leonies Rücken. Sie beeilte sich, Theresa zu folgen, ohne es allerdings zu wagen, sie noch einmal anzusprechen.
»Was ist?«, fragte sie, als Theresa plötzlich stehen blieb.
»Nichts.« Theresa hob enttäuscht die Schultern. »Ich dachte, ich hätte etwas gehört, aber ich muss mich wohl geirrt haben. Komm weiter. Irgendwo muss dieses verdammte Labyrinth doch schließlich hinführen.«
Sie gingen vielleicht noch dreißig Schritte, bis Leonie ebenfalls etwas hörte. Vor ihnen erklang ein dumpfes Grollen und Rumoren, das Leonie an das Geräusch eines Wasserfalls erinnerte. Theresa lächelte kurz und zufrieden und beschleunigte ihre Schritte, und auch Leonie schritt rascher aus, um nicht zurückzufallen.