Das Grollen wurde immer lauter, und es verging nur noch kurze Zeit, bis sie seinen Ursprung erkannten. Vor ihnen erweiterte sich der Tunnel zu einer mindestens zwanzig oder dreißig Meter langen Halle, in die fast ein Dutzend weiterer Kanäle mündete. Einige von ihnen waren so groß wie der, durch den Theresa und sie gekommen waren, andere sehr viel schmaler oder breiter, alle aber entluden ihre übel riechende Fracht in ein gewaltiges schäumendes Sammelbecken, von wo aus sie in einem brodelnden Strom in der Tiefe verschwand.
Theresa deutete nach rechts. Leonies Blick folgte der Geste, und sie sah praktisch sofort, was Theresa meinte: Ein gutes Stück rechts von ihr führte eine Anzahl rostzerfressener eiserner Sprossen, die in die Wand eingelassen waren, nach oben. Da die Decke mindestens zehn oder zwölf Meter hoch und das Licht nicht besonders gut war, konnte sie nicht genau erkennen, wohin sie führten. Es gab auch noch andere Aufstiege, die aber ausnahmslos viel weiter entfernt waren, und einige sogar auf der gegenüberliegenden Seite des Sammelbeckens.
»Versuchen wir es«, schlug sie vor.
Theresa zögerte noch einen Moment, aber dann fasste sie sich ein Herz und stieg in den Abwasserkanal hinab. »Oh, Scheiße«, murmelte sie, während sie durch die fast hüfthohe graubraune Brühe auf Leonie zukam. Sie hatte die Arme hoch erhoben und ging sehr langsam, was Leonie gut verstehen konnte. Das Wasser hatte zwar keine nennenswerte Strömung, aber vermutlich war der Boden glatt wie Schmierseife, und wenn sie bedachte, worin Theresa da gerade watete.
»Stimmt«, sagte Leonie schadenfroh. Theresa schenkte ihr einen Blick, der eine wütende Löwin vor Angst hätte erstarren lassen, zog sich neben ihr auf den gemauerten Rand des Abwasserkanals hoch und starrte sie noch wütender an, als Leonie grinste und sich dabei demonstrativ die Nase zuhielt.
Danach beeilte Leonie sich allerdings, die wenigen Schritte bis zur Leiter zu gehen und loszuklettern. Die eisernen Sprossen waren nicht nur uralt und so verrostet, dass sie sich besorgt fragte, ob sie überhaupt in der Lage waren, ihr Gewicht zu tragen, sondern auch mit einer klebrigen Schmierschicht überzogen, bei deren bloßem Anblick sich ihr Magen umdrehte. Trotzdem griff sie beherzt zu und begann so schnell nach oben zu klettern, dass Theresa schon nach einem Augenblick unter ihr zurückfiel. Zumindest ihr schlimmster Albtraum wurde nicht wahr. Oben angekommen erwartete Leonie nicht ein zentnerschwerer Kanaldeckel, der ihrer Flucht vermutlich ein ziemlich abruptes Ende bereitet hätte, sondern nur ein eiserner Gitterrost, dessen Stäbe womöglich noch verrosteter waren als die Leitersprossen. Grüngraues Licht und das Murmeln halblauter, ineinander verwobener Geräusche drangen zu ihr herab. Leonie gab Theresa mit einem Wink zu verstehen, dass sie abwarten sollte - sie war froh, dass die Sprossen ihr Gewicht trugen, und wollte ihr Glück nicht unnötig auf die Probe stellen -, lauschte einen Moment und stemmte sich dann prüfend mit Hinterkopf und Schultern gegen das Gitter. Zu ihrer eigenen Überraschung löste es sich nahezu widerstandslos aus seinem Rahmen und Leonie musste rasch nach oben greifen und es festhalten, damit es nicht zur Seite fiel und dabei möglicherweise ein verräterisches Geräusch verursachte.
Unendlich behutsam und mit klopfendem Herzen hob sie den Kopf und sah sich um. Sie befand sich in einem schmalen gemauerten Gang mit halbrunder Decke, von dem etliche Türen abzweigten. Die Geräusche waren nun lauter zu hören, erstaunlicherweise aber nicht klarer, und sehr weit entfernt glaubte sie Bewegung wahrzunehmen, ohne aber ganz sicher zu sein. Der Gang kam ihr auf unangenehme Weise bekannt vor, doch sie konnte nicht sagen woher.
»Und?«, drang Theresas Stimme von unten zu ihr herauf.
Leonie wandte leicht verärgert den Kopf und sah zu ihrer neuen Freundin hinab. Theresa hing zwei oder drei Sprossen unter ihr verkrampft auf der Leiter und schlotterte nur so vor Angst - ganz offensichtlich war sie alles andere als schwindelfrei. Dennoch musste sich Leonie arg zusammenreißen, um nicht vor lauter Schadenfreude breit zu grinsen. Theresa bot trotz allem einen fast komischen Anblick über und über mit der zähen leicht grünlichen Brühe beschmiert, durch die sie gewatet war und die in ihren Kleidern und auf ihrem Gesicht bereits anzutrocknen begann. Selbst in ihren Haaren klebte das Zeug. Der sonderbare Marzipangeruch, den Leonie schon die ganze Zeit über bemerkt hatte, war jetzt viel intensiver.
»Was siehst du?«, fragte Theresa.
»Nichts Besonderes«, antwortete Leonie. »Aber das wird sich möglicherweise bald ändern, wenn du noch ein bisschen lauter schreist.«
»Dann würde ich vorschlagen, dass du weiterkletterst«, sagte Theresa nervös. »Ich fühle mich hier... nicht besonders wohl.«
Leonie wäre es an ihrer Stelle wahrscheinlich auch nicht anders ergangen. Trotzdem grinste sie noch eine gute Sekunde lang unverhohlen schadenfroh auf sie hinab, bevor sie endlich durch die Öffnung kletterte, sich dann aber hastig umdrehte und Theresa die Hand entgegenstreckte um ihr zu helfen. Theresa ignorierte das Angebot, stemmte sich verbissen aus eigener Kraft in die Höhe und spießte sie mit Blicken regelrecht auf. »Herzlichen Dank«, maulte sie. »Wer dich zur Freundin hat, der braucht wirklich keine Feinde mehr.«
Leonie antwortete mit einem noch breiteren Grienen, aber dann wurde sie endgültig wieder ernst und bedeutete Theresa mit einer entsprechenden Geste, ebenfalls still zu sein. Gebannt blickte sie in die Richtung, aus der sie vorhin die Geräusche gehört hatte. Es wäre zweifellos sicherer gewesen, sich in die entgegengesetzte Richtung zu entfernen, aber sie hatte das bestimmte Gefühl, dass es wichtig war, herauszufinden, was hier unten vorging und warum sie überhaupt hier waren. Leonie machte sich nichts vor: Sie waren dem Hinterhalt mit mehr Glück als Verstand (und mit Hendriks Hilfe) entkommen, aber der Archivar würde nicht aufgeben. Nach einem letzten wachsamen Blick in alle Richtungen setzten sie sich vorsichtig in Bewegung.
Mit jedem Schritt, den sie weitergingen, verstärkte sich in Leonie das beunruhigende Gefühl, eigentlich wissen zu müssen, wo sie waren - aber sie erinnerte sich erst, als sie das Ende des gewölbten Ganges erreicht hatten. Vor ihnen lag ein niedriger Durchgang, der auf einen schmalen Sims mit einem steinernen Geländer hinausführte. Der Raum dahinter war von hellgrünem, gespenstischem Licht erfüllt, und das Klirren von Ketten und Metall und andere noch unheimlichere Laute drangen zu ihnen herein. Mit klopfendem Herzen trat sie auf den Balkon hinaus und duckte sich hinter das niedrige Geländer, ehe sie einen vorsichtigen Blick in die Tiefe wagte.
Und endlich wusste sie, wo sie waren.
Der Boden des gewaltigen Saales, der sich gute zehn Meter unter ihnen ausdehnte, bestand aus einem rostigen Metallgeflecht, in das zahlreiche Klappen, Scharniere und eiserne Deckel eingelassen waren. Überall standen große, bizarr anmutende Maschinen, zwischen denen sich die sonderbarsten Kreaturen bewegten. Zahllose Ketten und rostige Drahtseile hingen von der Decke, in der es ebenfalls eiserne Klappen und Scharniere gab.
»Was... ist das?«, flüsterte Theresa, die ihr gefolgt war.
»Der Leimtopf«, antwortete Leonie. Sie deutete auf die grüne zähflüssige Masse, die unter dem Gitterboden blubberte und kochte. Der Marzipangeruch war hier ungleich stärker. Bisher hatte Leonie angenommen, dass er von Theresa ausging. Unwillkürlich sah sie nach rechts.
»Leim?« Theresa nahm eine Strähne ihres Haares zwischen die Finger; sie war ebenfalls mit der grünen Pampe verschmiert. »Sagtest du Leim?«, keuchte sie. »Wie um alles in der Welt soll ich das Zeug jemals wieder aus den Haaren kriegen?«
»Lass es eintrocknen«, riet ihr Leonie.
»Und dann?«
»Kannst du sie einfach abbrechen«, sagte Leonie.
»Sehr witzig«, maulte Theresa. Sie ließ die Strähne los und sah dann wieder konzentriert nach unten. »Das ist der berüchtigte Leimtopf, vor dem alle Angst haben?«