»Sicher«, antwortete Leonie. »Soll das heißen, du warst noch nie hier?«
»Bist du verrückt?«, entfuhr es Theresa. »Keine von uns war das... außer dir«, fügte sie nach einer Sekunde und in merkwürdig verändertem, nachdenklichem Ton hinzu. Sie wollte noch mehr sagen, doch in diesem Moment öffnete sich in der Decke über ihnen eine eiserne Klappe und ein rostiger Bottich von der doppelten Größe einer Badewanne wurde an rasselnden Ketten herabgelassen. Genau wie Leonie es schon einmal beobachtet hatte, bewegte er sich halb nach unten, ehe er zur Seite kippte und seinen Inhalt in die kochende Masse unter dem Gitterboden ergoss: Bücher, verbrauchte Federkiele, Möbeltrümmer und Maschinenteile, aber Leonie hatte auch das unheimliche Gefühl, die eine oder andere winzige zappelnde Gestalt in einem schwarzen Umhang zu erkennen.
»Was soll das heißen: Keine von euch war je hier?«, fragte Leonie ungläubig.
»Genau das, was ich gesagt habe«, antwortete Theresa. »Um ehrlich zu sein: Ich habe bisher nicht einmal geglaubt, dass es den Leimtopf wirklich gibt.«
»Genau wie den Archivar.«
»Genau wie den Archivar«, bestätigte Theresa. Sie maß Leonie mit einem sonderbaren Blick. »Also, allmählich wirst du mir unheimlich.«
»Ich glaube, ich werde mir allmählich selbst unheimlich«, murmelte Leonie. »Ich verstehe nicht, wie wir hierher gekommen sind.«
»Aber ich«, antwortete Theresa. Sie schauderte übertrieben. »Ich glaube, wir haben mehr Glück als Verstand gehabt.« Sie deutete auf die gluckernde grüne Suppe unter dem Gitterboden, dann auf ihre besudelten Kleider. »Wir waren noch unter diesem Raum. Wenn es in den Tiefen dieser Anlage überhaupt etwas gibt, vor dem alle noch mehr Angst haben als vor dem Leimtopf, dann ist es der Archivar.«
»Was meinst du denn jetzt damit?«, fragte Leonie verständnislos.
»Ja, begreifst du denn nicht?«, erwiderte Theresa.
»Nein«, antwortete Leonie wahrheitsgemäß.
Theresa seufzte. »Wahrscheinlich ist noch nie ein Mensch zuvor so tief in dieses Archiv vorgedrungen wie wir. Wenn dein Freund den Wagen nicht abgekoppelt hätte, dann hätte uns der Archivar wahrscheinlich zu sich geholt. Genauer gesagt: dich.«
»Aber warum denn?«, rief Leonie. »Was ist denn an mir so Besonderes?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Theresa. »Aber ich fürchte, wenn wir noch lange hier bleiben, dann finden wir es heraus - allerdings auf andere Weise, als uns lieb sein kann.« Sie machte eine Kopfbewegung auf die Gestalten unter ihnen. Aus der Höhe betrachtet wirkten selbst die massigen Aufseher in ihren bizarren Rüstungen klein und harmlos, aber Leonie wusste aus eigener leidvoller Erfahrung, dass sie weder das eine noch das andere waren. Theresa hatte Recht. Sie mussten hier weg.
»Also?«, fragte Theresa. »Wo geht es hier raus?«
»Woher soll ich das wissen?«, entgegnete Leonie.
»Aber du warst doch schon einmal hier!«, protestierte Theresa.
»Stimmt«, antwortete Leonie. Sie deutete - wahllos - auf irgendeine der halbrunden Türen unten in der Halle. »Ich glaube, es war die zweite oder dritte von links. Wir müssen also nur einen Weg nach unten finden und dann irgendwie ungesehen auf die andere Seite kommen und...«
»Schon gut«, unterbrach sie Theresa seufzend. »Ich hab’s begriffen.«
Leonie sah unschlüssig nach rechts und links und dann wieder in den Stollen zurück, aus dem sie gerade gekommen waren. Der Balkon reichte nahezu um den halben Raum herum und es gab noch zahlreiche andere Stollen - aber da sie ja von keinem wussten, wohin er führte, war ein Weg im Grunde so gut wie der andere. Oder so schlecht. Sie erwiderte Theresas fragenden Blick mit einem hilflosen Schulterzucken und stand kommentarlos auf, um in den Tunnel zurückzugehen.
Sie war so verwirrt, dass sie bestimmt fünf Minuten neben Theresa herging, ohne ein Wort zu sagen oder ihrer Umgebung auch nur mehr als einen flüchtigen Blick zu schenken. Nicht dass es allzu viel zu sehen gegeben hätte: Der Gang war wie alles hier unten uralt und aus bröckelndem Ziegelstein erbaut und besaß eine gewölbte Decke; das einzig Auffällige war, dass sämtliche Türen rechts und links offen standen. Leonie warf einen flüchtigen Blick in die dahinter liegenden Räume, und was sie sah, machte ihr nicht unbedingt Lust auf mehr - winzige fensterlose Zellen mit fauligem Stroh auf dem Boden und schweren eisernen Ringen an den Wänden, ganz ähnlich der Zelle, in der sie damals mit ihren Eltern...
Leonie blieb so abrupt stehen, dass Theresa noch zwei weitere Schritte machte, bevor sie überhaupt bemerkte, dass Leonie nicht mehr neben ihr war, und sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu ihr umdrehte. »Was hast du?«, fragte sie.
Am allerliebsten hätte Leonie sich selbst geohrfeigt. Was sie hatte? Offensichtlich auch noch ihr letztes bisschen Verstand im Gepäckfach liegen lassen, als sie aus dem Abteil gerannt war! Ohne Theresas Frage zu beantworten, machte Leonie auf dem Absatz kehrt und ging in die nächstbeste Zelle. Theresa zog die Augenbrauen hoch, folgte ihr aber schweigend.
Leonie blieb in der Mitte der Zelle stehen und blickte lange und konzentriert die gegenüberliegende Wand an.
Nichts geschah.
»Darf ich fragen, was du da tust?«, erkundigte sich Theresa.
Statt zu antworten drehte sich Leonie mit einem Ruck um und starrte fast verzweifelt die andere Wand an.
»Also wenn du ein Loch in die Wand starren willst, dann sag mir genau wo und ich helfe dir dabei.« Theresa versuchte zu lachen, aber es klang ziemlich nervös.
»Es funktioniert nicht«, flüsterte Leonie. Ihre Stimme zitterte, so sehr hatte sie sich konzentriert, und sie spürte, wie ihr Tränen der Enttäuschung in die Augen schießen wollten. »Es... es funktioniert nicht, Theresa.«
»Was funktioniert nicht?«, fragte Theresa.
»Als... als ich das erste Mal hier war, zusammen mit meinen Eltern«, stammelte Leonie, »da... da musste ich mich nur konzentrieren und... und plötzlich war eine Tür da. So sind wir entkommen. Aber es funktioniert nicht mehr.«
»Vielleicht weil keine Tür da ist«, sagte Theresa.
»Aber damals...«
»... gab es eine Tür und du konntest sie sehen«, unterbrach sie Theresa. Sie schüttelte den Kopf und ihre Stimme wurde weich. »Hast du vergessen, was ich dir erzählt habe, Leonie? Du besitzt keine Zauberkräfte. Das Einzige, was die Hüterinnen von den anderen Menschen unterscheidet, ist der Umstand, dass wir die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind.«
Leonie ließ resigniert die Schultern sinken. »Und wie kommen wir jetzt hier raus?«, murmelte sie.
»Ich würde vorschlagen, auf die altmodische Methode«, sagte Theresa. »Zu Fuß.«
»Das ist vollkommen unmöglich«, antwortete Leonie, mutlos, aber auch sehr überzeugt. »Wir kommen nie durch das Archiv.«
»Tja, dann bleiben wir hier und warten darauf, dass sie uns erwischen«, schlug Theresa vor. »Oder?«
»Blödsinn«, erwiderte Leonie. »Ich sage ja nur, dass...«
Theresa war mit einem einzigen Satz bei ihr, drückte sie schon fast gewaltsam gegen die Wand neben der Tür und presste ihr zu allem Überfluss auch noch die Hand auf den Mund, und das so fest, dass ihr buchstäblich die Luft wegblieb; Theresas Hand hielt ihr nämlich nicht nur den Mund, sondern ganz nebenbei auch noch die Nase zu. Im allerersten Moment war Leonie viel zu überrascht, um auch nur zu begreifen, wie ihr geschah, dann aber schoss eine Woge heißer Wut in ihr empor. Sie setzte dazu an, Theresas Griff zu sprengen - und dann hörte sie die Schritte draußen auf dem Gang.
»Keinen Laut!«, zischte Theresa. Leonie erstarrte zur Salzsäule, versuchte Theresa aber mit Blicken begreiflich zu machen, dass sie auf dem besten Weg war, zu ersticken. Theresa nahm hastig die Hand herunter, machte ein leicht verlegenes Gesicht und wich sogar ein Stück zurück, bedeutete ihr aber gleichzeitig mit einem hastigen Wink, ja still zu sein.