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Das wäre allerdings gar nicht mehr nötig gewesen. Die Schritte waren mittlerweile so nahe gekommen, dass Leonie schon halbwegs damit rechnete, sie im nächsten Moment zu ihnen hereinpoltern zu hören. Hastig zog sie sich weiter in den Schatten zurück und versuchte unsichtbar zu werden. Sie konnte nur hoffen, dass sich niemand dort draußen fragte, warum die Tür eigentlich offen stand, und zu ihnen hereinkam, um nach dem Rechten zu sehen.

Das geschah nicht, aber im nächsten Moment tat ihr Herz trotzdem einen erschrockenen Hüpfer und hämmerte dann so schnell und laut weiter, dass man es eigentlich noch draußen auf dem Gang hätte hören müssen. Sie konnte nicht allzu viel erkennen, aber das wenige, was sie sah, war schon mehr, als sie sehen wollte. Sie erkannte mindestens fünf oder sechs Aufseher, auffallend große Exemplare mit gewaltigen Muskeln, schweren Lederrüstungen und stachelbesetzten Helmen, die vor Waffen nur so strotzten, und dazu mindestens noch einmal so viele Scriptoren und eine Unzahl Schusterjungen, die schwarzen, Mäntel tragenden Ratten gleich zwischen den Füßen ihrer größeren Brüder und der Aufseher herumwuselten. Mindestens einem von ihnen bekam das schlecht. Leonie hörte ein erschrockenes Quieken, und eine der winzigen Gestalten blieb reglos liegen, als sich der Fuß eines Aufsehers wieder hob - was die übrigen aber nicht davon abhielt, in ihrem selbstmörderischen Tun fortzufahren. Leonie schenkte ihnen jedoch kaum Beachtung. Der Blick ihrer schreckgeweiteten Augen hing wie gebannt an der halb nackten Gestalt, die die Aufseher in Ketten zwischen sich herschleiften.

Es war Hendrik.

Leonie erkannte ihn jedoch kaum wieder. Sein Haar war ein gutes Stück länger als noch vor einer Stunde und hing ihm nun fast bis auf die Schultern herab, aber es starrte vor Schmutz und war wirr und verfilzt. Er trug nur eine Art Lendenschurz und grobe Flechtsandalen, und Leonie konnte erkennen, dass er mindestens zwanzig Pfund an Gewicht verloren hatte, und sein ganzer Körper war ebenso verdreckt und ungepflegt wie seine Haare und dazu über und über mit mehr oder weniger verheilten Wunden übersät. Seine Wangen waren eingefallen und die Augen blickten trüb aus tiefen, schwarz umrandeten Höhlen. Er wankte mehr, als dass er ging, und schien kaum noch die Kraft zu haben, sich auf den Beinen zu halten. Dennoch mussten die Aufseher einen gewaltigen Respekt vor ihm haben, denn gleich zwei von ihnen hielten ihn an schweren Ketten, die mit eisernen Ringen an seinen Handgelenken verbunden waren.

Erst als die bizarre Prozession schon ein gutes Stück an der Tür vorbei war und die Schritte und das Klirren der Ketten allmählich leiser wurden, wagte es Leonie, wieder zu atmen.

»O mein Gott, das war ja Hendrik!«, murmelte Theresa erschrocken. »Aber wie... wie kann das sein? Er sieht aus, als wäre er seit Wochen angekettet!«

»Wahrscheinlich ist er das«, flüsterte Leonie erschüttert. »Bei meinen Eltern war das genauso. Sie waren nur ein paar Stunden weg, aber als ich sie gefunden habe, da waren sie schon seit Wochen in Gefangenschaft. Die Zeit vergeht hier anders als in der richtigen Welt.«

»Das weiß ich«, antwortete Theresa. »Aber wir waren mit Hendrik zusammen hier unten, als sie ihn überwältigt haben, und das ist gerade eine Stunde her - allerhöchstem zwei! Hier stimmt etwas nicht!«

Leonie konnte ihr kaum widersprechen, doch es interessierte sie im Moment auch nicht. Sie ließ noch einen kurzen Augenblick verstreichen, bevor sie zur Tür ging und vorsichtig hinausspähte. Die Aufseher und ihr Gefangener hatten sich schon ein gutes Stück entfernt und begannen bereits, in dem gespenstischen grünlichen Licht zu verschwimmen.

»Sie sind schon fast weg«, flüsterte sie. »Wir müssen uns beeilen.«

»Was hast du vor?«, fragte Theresa alarmiert.

»Wir müssen Hendrik befreien!«, antwortete Leonie.

»Ach so.« Theresa seufzte und machte ein erleichtertes Gesicht. »Und ich hatte schon Angst, dass du etwas wirklich Gefährliches vorschlagen könntest.« Sie schüttelte den Kopf und wurde schlagartig wieder ernst. »Du bist völlig verrückt! Das ist unmöglich!«

»Wir können ihn doch nicht einfach im Stich lassen!«, protestierte Leonie. »Hendrik hat sein Leben riskiert, um uns zu retten!« Sie deutete aufgeregt nach draußen. »Wenn er nicht gewesen wäre, dann hätten sie uns jetzt dort draußen in Ketten vorbeigezerrt, ist dir das eigentlich klar? Und hast du gesehen, was sie ihm angetan haben?«

»Möchtest du, dass sie uns dasselbe antun?«, fragte Theresa sanft.

»Natürlich nicht«, antwortete Leonie aufgebracht. »Aber ich denke nicht daran, ihn im Stich zu lassen. Du kannst ja hier bleiben, wenn du willst!«

»Ja, etwas in der Art habe ich befürchtet«, seufzte Theresa. »Du erinnerst mich an deine Großmutter, als sie ungefähr in deinem Alter war, weißt du? Sie war genauso stur, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.«

Leonie fragte sich, woher sie das eigentlich wissen wollte - Theresa war nur wenige Jahre älter als sie selbst. Aber jetzt war nicht der Moment, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie warf noch einen vorsichtigen Blick nach rechts und huschte dann in die entgegengesetzte Richtung los. Die Aufseher und ihr Gefangener waren mittlerweile vielleicht vierzig oder fünfzig Meter entfernt, was bei der sonderbaren Beleuchtung hier unten nichts anderes bedeutete, als dass sie sie schon beinahe nicht mehr sehen konnte. Umgekehrt war es vermutlich genauso, aber Leonie huschte trotzdem eng an der Wand entlang und gab sich alle Mühe, so leise wie nur irgend möglich aufzutreten.

Sie sah nicht zurück, aber sie konnte Theresas Schritte hinter sich hören. Nach und nach ließ Leonie den Abstand zwischen sich und der unheimlichen Prozession größer werden, bis sie im Grunde nur noch ihren Geräuschen folgte. Vor allem die Schusterjungen bereiteten ihr Sorge. Sie hatte schon gesehen, wie schnell diese kleinen Biester sein konnten. Wenn einer von ihnen auf die Idee kam, sich umzudrehen oder gar zurückzugehen, dann war es um sie geschehen.

Sie hatten jedoch Glück. Gute fünf Minuten lang folgten sie den Aufsehern und ihrem Gefangenen, doch dann wurde es plötzlich still vor ihnen. Leonie blieb erschrocken stehen und lief dann umso schneller weiter. Ein paar weitere Schritte und sie rannte beinahe. Allerdings nicht sehr weit. Nach gut dreißig oder vierzig Metern stand Leonie dort, wo der Gang endete: vor einer massiven Wand.

Enttäuscht drehte sie sich um und ließ ihren Blick durch den Gang schweifen. Auf jeder Seite lag mindestens ein Dutzend Türen, die ausnahmslos verschlossen waren. Leonie zweifelte nicht daran, dass sie sie öffnen konnte, und sie versuchte es auch unverzüglich bei der nächstbesten, aber schon ein einziger Blick in den dahinter liegenden Raum machte ihr klar, wie sinnlos diese Art der Suche war. Hinter der Tür lag keine weitere Zelle, sondern ein neuer Tunnel, der sich bald in grüngrauer Dämmerung verlor. Hinter der zweiten Tür lag eine enge Wendeltreppe und hinter der dritten wieder ein Tunnel. Leonie resignierte endgültig und trat enttäuscht wieder zu Theresa auf den Gang hinaus.

»Ich fürchte, du hast gewonnen«, sagte sie niedergeschlagen. »Wir haben sie verloren.«

»Nicht unbedingt«, antwortete Theresa. »Schau mal hier.«

Sie deutete auf die Tür, vor der sie stehen geblieben war, vielleicht acht oder zehn Schritte entfernt. Leonie ging hin und riss erstaunt die Augen auf, als sie sah, was Theresa entdeckt hatte: Auch diese Tür war geschlossen, aber zwischen Tür und Rahmen klemmte ein schwarzer Stofffetzen. Wenigstens sah es auf den ersten Blick so aus. Auf den zweiten entpuppte sich der Fetzen als ein groteskes, abgrundtief hässliches Etwas von der Größe einer Hand, das einen schwarzen Kapuzenmantel trug. Ganz offensichtlich war der Schusterjunge nicht schnell genug gewesen, als einer der Aufseher die Tür zugeworfen hatte.