»Danke«, sagte sie.
Theresa runzelte die Stirn. »Danke?«
»Ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal gemerkt«, erklärte Leonie, »wenn du nichts gesagt hättest.«
»Willst du mich beleidigen?«, fragte Theresa. »Ich lasse genauso wenig einen Freund im Stich wie du.« Sie streckte die Hand nach der Klinke aus, drückte sie vorsichtig herunter und schob die Tür dann noch vorsichtiger auf. Dahinter lag jedoch nichts Bedrohlicheres als ein weiterer leerer Gang, dem sie gute hundert Schritte weit folgten, bevor sie zu einer steil nach unten führenden schmalen Treppe kamen. Von den Aufsehern und Scriptoren war ebenso wenig zu sehen wie von ihrem Gefangenen, aber aus der Tiefe drang ein ganzer Chor von Geräuschen zu ihnen herauf. Klirren und Dröhnen, Hammerschläge und Schreie, das Krachen von Holz und das Kreischen von Ketten, manchmal ein helles Zischen, dem - noch seltener - ein spitzer Schrei folgte. Leonie konnte nicht sagen, was diese unheimlichen Geräusche bedeuteten, aber sie jagten ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
Ganz offensichtlich erging es nicht nur ihr so. »Das gefällt mir nicht«, bekannte Theresa.
»Mir auch nicht«, stimmte ihr Leonie zu - und begann langsam die Treppe hinabzusteigen. Sie konnte regelrecht hören, wie Theresa hinter ihr die Augen verdrehte und ihr dann folgte.
Die Geräusche wurden lauter, während sie die Treppe hinuntergingen, und im gleichen Maße nahm das bedrückende Gefühl in Leonie zu, dass sie eigentlich wissen sollte, was sie bedeuteten.
Aber der Gedanke war so absurd, dass sie sich einfach weigerte, ihn auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen.
Sogar dann noch, als sie das Ende der Wendeltreppe erreichten und ihr klar wurde, dass die Wirklichkeit ihre schlimmsten Vorstellungen nicht nur eingeholt, sondern ihr um Lichtjahre vorausgeeilt war.
Wie fast alle Gänge, auf die sie bisher hier unten gestoßen war, mündete auch dieser in einer schmalen Galerie, die sich in zehn oder zwölf Metern Höhe um einen gewaltigen, runden Saal spannte. Nur dass es sich hier nicht um eine Fabrikhalle handelte, einen Schreibsaal oder Leimtopf, sondern um etwas, das Leonies Vorstellung von der Hölle so nahe kam, wie es nur möglich war.
Der Raum unter ihnen war vom roten Licht zahlreicher lodernder Flammen erhellt, die in Kohlebecken, gusseisernen Kesseln und offenen Feuerstellen brannten. Überall standen große, aus rostigen, schwarzen Eisenstäben gefertigte Käfige, von denen ungefähr die Hälfte besetzt war, zum allergrößten Teil mit Scriptoren, aber Leonie erkannte auch eine Anzahl Arbeiter und Aufseher und mindestens eine der furchtbaren Kreaturen, die sie im Zug angegriffen hatten.
Doch das war noch lange nicht das Schlimmste.
Die Gitterboxen bildeten ein verwirrendes System aus Gängen und Kreuzungen, aber dazwischen gab es auch immer wieder freie Stellen, auf denen schreckliche Gerätschaften standen. Leonie sträubten sich schier die Haare, als sie unter sich Dinge entdeckte, die sie bisher allenfalls aus Geschichtsbüchern und von schlechten Videofilmen gekannt hatte.
Es waren Folterinstrumente, Streckbänke, Räder, eiserne Jungfrauen und andere, noch viel grässlichere Apparate, deren genaue Funktionsweise sie sich nicht einmal vorzustellen wagte.
Und diese grauenhaften Gerätschaften standen nicht etwa einfach nur da...
Leonie hatte nicht die Kraft, lange hinzusehen, aber über die Bedeutung der Schreie und des Wimmerns, das sie oben an der Treppe gehört hatten, gab es nun keinen Zweifel mehr.
Um dem schrecklichen Anblick zu entrinnen, hob sie den Blick und sah nach oben, aber auch das erwies sich als keine wirklich gute Idee: Von der gewölbten Decke hingen geschmiedete Eisenkäfige an schweren Ketten, in denen verkrümmte Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln hockten. Leonie lief ein neuerlicher, noch kälterer Schauer über den Rücken, als sie sah, dass die Käfige eiserne Stacheln hatten, die allerdings nach innen gerichtet waren. Die meisten ihrer Insassen regten sich nicht mehr oder waren gar schon zu Skeletten zerfallen.
Aber eben nur die meisten.
»Großer Gott«, stöhnte Leonie. »Wer tut so etwas?«
Theresa hob die Schultern. Auch sie war deutlich blasser geworden, schien mit dem furchtbaren Anblick aber dennoch besser fertig zu werden als Leonie. »Das ist dann wohl die Archivversion der Hölle«, murmelte sie. »Ich dachte, so etwas wäre vor tausend Jahren abgeschafft worden.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist kein Wunder, dass sie schon vor Angst erstarren, wenn irgendjemand den Archivar auch nur erwähnt.«
»Du meinst, das hier ist...?«, begann Leonie.
Theresa unterbrach sie mit einer Geste und deutete aus der gleichen Bewegung heraus zum anderen Ende der Halle.
Leonies Herz machte einen erschrockenen Sprung, als sie sah, worauf Theresa sie aufmerksam machen wollte. Auf der gegenüberliegenden Seite der riesigen Halle erhob sich etwas, das Leonie im ersten Moment für einen riesigen Turm aus erstarrter Lava gehalten hätte - bis sie erkannte, worum es sich wirklich handelte.
Es war ein Thron.
Ein monströser, schwarzer Thron, hoch wie ein Haus und von einer Form, deren bloßer Anblick Leonie schon fast körperliche Übelkeit bereitete. Aber das alles war nichts gegen das... Ding, das auf diesem Thron saß.
Leonie zweifelte nicht den Bruchteil einer Sekunde daran, dass sie hier demselben unheimlichen Wesen gegenüberstand, das sie schon unten im Zug gesehen hatte. Sie konnte es jetzt nicht etwa deutlicher erkennen als vorhin, denn es war eher noch weiter entfernt, aber was sie spürte, ließ nicht den mindesten Zweifel zu.
Die Kreatur auf dem Thron war der Archivar.
Und als wäre diese Erkenntnis allein noch nicht genug, hatte Leonie plötzlich ein noch viel beunruhigenderes Gefühclass="underline" Sie wusste, dass das Geschöpf auf dem Thron sie anstarrte. Aus dieser Distanz nicht mehr als ein vager Schatten in einem schwarzen Kapuzenmantel, einem der Scriptoren oder Schriftführer nicht einmal unähnlich, aber von etwas eingehüllt, das Leonie nur als eine Aura des Bösen beschreiben konnte, wie ein eisiger Hauch, der von der Gestalt ausging und etwas in ihrer Seele zum Erstarren brachte. Und dieses unheimliche Geschöpf starrte sie an. Es sah nicht etwa zufällig in ihre Richtung. Der Archivar wusste, dass sie hier war, und starrte sie voll abgrundtiefer Bosheit und Hass an. Er hatte es die ganze Zeit über gewusst.
»Er... er weiß, dass wir hier sind«, flüsterte sie stockend. »Ich kann es spüren.«
»Unsinn«, widersprach Theresa, hörbar nervös und auch nicht wirklich so, als wäre sie von ihren eigenen Worten überzeugt. Dennoch fuhr sie fort: »Wenn er das wüsste, dann wären wir jetzt längst in einem dieser gemütlichen All-inclusive-Apartments dort unten, meinst du nicht auch?« Sie deutete auf die Gitterkäfige unter ihnen, und es gab nicht viel, was Leonie dagegen sagen konnte. Allein der Umstand, dass sie immer noch frei und unbehelligt hier oben kauerten, schien zu beweisen, dass Theresa Recht hatte - und sie selbst das Opfer ihrer sich mittlerweile überschlagenden Fantasie geworden war.
»Dort!« Theresa deutete schräg nach unten, und Leonies Herz schlug schneller, als ihr Blick der Bewegung folgte.
Der Trupp war deutlich kleiner geworden. Die meisten Scriptoren und sämtliche Schusterjungen waren verschwunden, und es waren jetzt auch nur noch zwei Aufseher, die Hendrik brutal zwischen sich herzerrten, aber es war zweifellos die gleiche Gruppe, die sie vorhin verfolgt hatten. Leonie konnte nur mit Mühe ein erschrockenes Keuchen unterdrücken, als sie sah, wie einer der Aufseher Hendrik einen so brutalen Stoß versetzte, dass er ins Stolpern geriet und nach einem letzten ungeschickten Schritt auf die Knie fiel. Die beiden riesigen Kreaturen nahmen darauf jedoch keinerlei Rücksicht, sondern schleiften ihn einfach an ihren Ketten hinter sich her, bis sie einen leeren Käfig erreichten, in den sie ihn derb hineinstießen. Hendrik machte noch einen stolpernden Schritt und sank dann kraftlos in sich zusammen.