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Leonie sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein und machte Anstalten, sich zu erheben, aber Theresa legte ihr rasch die Hand auf den Unterarm und schüttelte fast entsetzt den Kopf. »Was hast du vor?«

»Was wohl?« Leonie machte sich mit einem Ruck los. »Wir müssen ihm helfen!«

Theresa starrte sie fassungslos an, und Leonie konnte regelrecht sehen, was in diesem Moment hinter ihrer Stirn vorging.

Sie rechnete fest damit, dass Theresa sie jetzt mit Argumenten nur so überschütten würde, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Aber Theresa sah sie einfach nur wortlos an und fragte dann resigniert: »Und wie?«

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Leonie. »Aber wir können ihn doch nicht einfach so zurücklassen.« Sie starrte wieder in die riesige Halle hinab und hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. »Zu irgendetwas muss diese verdammte Gabe doch schließlich gut sein!«

»Bestimmt nicht zu dem, was dir jetzt vorschwebt«, sagte Theresa ernst. »Du glaubst doch nicht, dass du die Kräfte des Archivs gegen das Wesen einsetzen kannst, das es wahrscheinlich erschaffen hat.« Sie deutete auf die unheimliche Gestalt auf dem gottlob weit entfernten Lavathron und schüttelte noch einmal den Kopf. »Das halte ich für keine gute Idee.«

»Hast du eine bessere?« Leonie wartete Theresas Antwort gar nicht ab, sondern blickte noch einmal zu der unheimlichen Gestalt auf dem monströsen Thron hin - es war verrückt, aber sie hatte erneut das Gefühl, von unsichtbaren Augen angestarrt und taxiert zu werden, obwohl der Archivar noch nicht einmal den Kopf in ihre Richtung gewandt hatte - und sah dann mit einer Mischung aus Verzweiflung und Trotz wieder nach unten. Zwischen den Käfigen und Folterinstrumenten bewegten sich zahlreiche Gestalten, die meisten in schwarzen Kapuzenmänteln, aber auch Aufseher sowie einige Geschöpfe, die Leonie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Die meisten waren mit Dingen beschäftigt, die Leonie nicht verstand - und auch nicht verstehen wollte -, aber etliche versorgten auch die Gefangenen, brachten ihnen Wasser und Essen oder zerrten sie aus ihren Käfigen, um sie zu den schrecklichen Instrumenten ihrer Peiniger zu bringen.

»Es hat schon einmal funktioniert«, murmelte Leonie.

»Was!«, fragte Theresa. Ihre Stimme klang ein bisschen schrill.

Leonie deutete mit einer Kopfbewegung auf das Gewirr durcheinander wuselnder kapuzentragender Gestalten unter ihnen. »Meinst du, man kann erkennen, wer unter diesen Mänteln steckt?«

»Das meinst du nicht ernst!«, keuchte Theresa. Diesmal klang ihre Stimme mehr als nur ein bisschen schrill.

»Todernst sogar«, erwiderte Leonie. Sie hatte endlich gefunden, wonach sie gesucht hatte, und setzte sich entschlossen in Bewegung. Nicht weit entfernt führte eine schmale Treppe hinunter in die Halle, und als sie näher kamen, sah Leonie, dass das Schicksal es ausnahmsweise einmal gut mit ihnen zu meinen schien: Die Treppe führte nicht nur in einem Winkel nach unten, der von der Halle aus nicht direkt einsehbar war, sondern endete auch hinter einer monströsen Konstruktion aus Metall und uraltem schwarzem Holz, die ihnen ausgezeichnete Deckung bot.

»Wunderbar«, flüsterte Theresa spöttisch. »Dann müssen wir ja nur noch warten, bis jemand vorbeikommt und uns die passenden Klamotten bringt.«

Leonie kam nicht dazu, zu antworten. Auf der anderen Seite ihres Verstecks wurden plötzlich Geschrei und wütende Stimmen laut und nur einen Moment später drangen die charakteristischen Geräusche eines Kampfes zu ihnen. Im nächsten Augenblick flog eine kreischende Gestalt in einem schwarzen Mantel über sie hinweg, knallte gegen die Wand und sackte reglos unmittelbar neben Leonie zu Boden, und noch bevor Theresa oder sie auch nur die Zeit fand, wirklich zu erschrecken, sauste ein zweiter Scriptor heran und fiel genau zwischen sie. Auf der anderen Seite ihres Versteckes erscholl ein grollendes Lachen und dann schlurfende, schwere Schritte, die sich rasch entfernten.

»Na, das nenne ich prompte Bedienung«, murmelte Theresa benommen.

Leonie sagte gar nichts, sondern starrte die beiden besinnungslosen Scriptoren nur vollkommen fassungslos an. Sie war wohl durchaus bereit, an Zufälle zu glauben, aber das...

Theresa sprach aus, was Leonie nicht einmal zu denken wagte. »Wie gut, dass wir uns keinen Hubschrauber gewünscht haben, um damit zu fliehen«, sagte sie spöttisch. »Das hätte peinlich werden können, wenn der uns auf den Kopf gefallen wäre.«

»Ich finde das nicht witzig«, maulte Leonie.

Theresa wurde schlagartig ernst. »Das sollte es auch gar nicht sein«, meinte sie. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass das hier Zufall ist!«

Natürlich glaubte Leonie das nicht. Solche Zufälle gab es einfach nicht. Sämtliche Nullen des Universums hintereinander gereiht, hätten nicht ausgereicht, um die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zufalls auszudrücken. Aber alles andere ergab auch keinen Sinn.

»Was soll es denn sonst sein?«, fragte sie mürrisch.

»Eine Falle?«, schlug Theresa vor.

»Blödsinn«, erwiderte Leonie, während sie bereits daranging, einen der Scriptoren aus seinem schwarzen Mantel zu schälen, und dabei an den Archivar dachte, dessen kalten Blick sie zu spüren geglaubt hatte. »Wozu sollte das gut sein?«, fuhr sie fort - weniger um Theresa, als vielmehr sich selbst zu beruhigen. »Wenn sie wirklich wüssten, dass wir hier sind, hätten sie uns doch schon längst überwältigt.«

Theresa verzichtete auf eine Antwort, aber es war auch gar nicht notwendig, dass sie etwas sagte. Natürlich war Leonie klar, dass sie Recht hatte - allerdings war an Leonies Logik ebenfalls nichts auszusetzen. Es konnte kein Zufall sein, aber dass der Archivar ihnen hier eine aufwändige Falle stellen sollte, machte erst recht keinen Sinn. Und wenn sie tausendmal das Gefühl gehabt hatte, von dem seltsamen Wesen schon beim Betreten der Höhle beobachtet worden zu sein - es waren wahrscheinlich nichts weiter als ihre überstrapazierten Nerven, die ihr in diesem Punkt einen Streich spielten.

Allerdings befanden sie sich in einer Welt, in der die Zeit anders lief, in der Türen und ganze Räume buchstäblich aus dem Nichts auftauchten und sich die Wirklichkeit manchmal willkürlich zu verändern schien. Vielleicht bedeuteten ja hier auch die Worte Zufall und Logik etwas völlig anderes als dort, wo Theresa und sie herkamen. Leonie zuckte mit den Achseln, schob den Gedanken endgültig von sich und bückte sich nach dem zweiten Scriptor, nachdem sie Theresa den Mantel des ersten gereicht hatte.

Ihre neue Freundin nahm das schwarze Kleidungsstück mit spitzen Fingern entgegen und betrachtete es angeekelt. »Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dieses Ding anziehe!«, ächzte sie. »Es stinkt!«

»Pass auf mit dem, was du sagst«, meinte Leonie mürrisch. »Sonst kommt gleich noch eine riesige Parfümflasche angeflogen und fällt dir auf den Kopf!«

Tatsächlich sah Theresa eine halbe Sekunde lang erschrocken nach oben, aber dann grinste sie schief und fuhr fort, den schwarzen Mantel finster anzustarren.

Leonie schüttelte den zweiten Scriptor aus seinem Mantel, zog das Kleidungsstück über und wartete ungeduldig darauf, dass Theresa es ihr gleichtat. Das Ergebnis sah unbeschreiblich albern aus: Der Mantel reichte Theresa gerade bis knapp an die Knie, und auch die Kapuze war nicht groß genug, um ihr Gesicht vollkommen zu verbergen.

»Über das hämische Grinsen auf deinem Gesicht reden wir später«, versprach Theresa. »Nur zu deiner Information - du siehst auch nicht so aus, als wärst du unterwegs zu einer Modenschau.« Leonie grinste noch breiter, drehte sich dann aber mit einem Ruck um und trat mit klopfendem Herzen hinter ihrem Versteck hervor. Theresa sagte noch etwas, das Leonie vorzog nicht zu verstehen, und schloss sich ihr dann an.