Leonie hatte erwartet, dass es so ähnlich sein würde wie damals, als sie ihre Eltern aus dem Käfig über dem Leimtopf befreit hatte, aber es war hundertmal schlimmer. In dem unheimlichen Saal über dem Leimtopf hatte sie einfach nur darauf achten müssen, nicht aufzufallen und sich einigermaßen selbstsicher zu bewegen, und vor allem war der Scriptor dabei gewesen, der ihr den größten Teil der Mühe abgenommen hatte. Hier bewegten sie sich im wahrsten Sinne des Wortes durch den Vorhof der Hölle, und sie waren umgeben von Hunderten, wenn nicht Tausenden feindseligen Kreaturen, zwischen denen sie einfach auffallen mussten. Theresa und sie gingen mit gesenktem Blick und schnellen, trippelnden Schritten, genau wie die Scriptoren, denen sie begegneten, aber damit hörte die Ähnlichkeit auch schon beinahe auf - die Mäntel waren ihnen nicht nur viel zu klein, sie selbst überragten auch sämtliche Scriptoren um mindestens einen halben Meter. Dennoch nahm niemand Notiz von ihnen. Weder die anderen Scriptoren und Schusterjungen, die ihren Weg kreuzten, noch irgendeine der anderen zum Teil bizarren Kreaturen, denen sie begegneten, schenkten ihnen auch nur einen flüchtigen Blick.
Doch was Leonie am meisten zu schaffen machte, waren die Käfige. Vielleicht die Hälfte davon war besetzt, aber Leonie brachte kaum den Mut auf, in sie hineinzusehen. Ein paarmal zwang sie sich, einen der Gefangenen genauer zu betrachten - sie boten ausnahmslos einen gotterbärmlichen Anblick. Allein der Gestank, den sie ausströmten, drehte Leonie schier den Magen um.
Leonie rechnete jeden Moment damit, angesprochen oder gleich überwältigt zu werden, aber so unglaublich es ihr auch selbst vorkam - sie erreichten den Gang, in dem Hendriks Käfig untergebracht war, vollkommen unbehelligt. Vielleicht war das Schicksal ja zu der Erkenntnis gelangt, ihnen etwas schuldig zu sein.
Oder sie hatten einfach Glück.
Theresa ging ein wenig schneller, um an ihre Seite zu gelangen. »Und jetzt?«, murmelte sie, während sie sich dem würfelförmigen Eisenkäfig näherten, in dem Hendrik lag. »Hast du zufällig einen Schlüssel dabei?«
»Den brauchen wir nicht«, antwortete Leonie. Wenigstens hoffte sie es. Bisher hatten sich alle Türen hier unten für sie geöffnet, ganz einfach nur, weil sie es wollte. Natürlich hatte sie keine Garantie, dass das auch jetzt funktionieren würde. Aber sie konnten auch nicht mehr zurück.
Leonie blickte verstohlen nach rechts und links, atmete noch einmal tief ein und streckte die Hand nach der Tür aus. Das wuchtige Vorhängeschloss, mit dem sie gesichert war, sprang mit einem Klicken auf, das in Leonies Ohren wie ein Kanonenschuss dröhnte und, wie ihr vorkam, in der gesamten Halle zu hören sein musste. Die einzige sichtbare Reaktion kam jedoch von Theresa, die erstaunt die Augen aufriss. Leonie warf ihr einen raschen warnenden Blick zu, zog die Tür mit einem Ruck auf und trat hindurch.
Sie hatte es bis jetzt ganz bewusst vermieden, Hendrik genauer anzusehen, aber nun musste sie es. Er lag noch genauso da, wie er zusammengesackt war, nachdem ihn die Aufseher in den Käfig gestoßen hatten, und im ersten Augenblick befürchtete Leonie schon, dass er das Bewusstsein verloren haben könnte - was das endgültige Aus für ihren improvisierten Rettungsplan bedeutet hätte. Hendrik war viel zu schwer, als dass Theresa und sie ihn tragen konnten.
Mit einer verstohlenen Geste bedeutete sie Theresa, an der Tür zurückzubleiben, trat dicht an Hendrik heran und versetzte ihm einen Fußtritt in die Seite, von dem sie hoffte, dass er derb genug aussah, um einen zufälligen Beobachter zu täuschen. »He, du!«, krächzte sie mit schrill verstellter Stimme. »Aufwachen. Der Chef will dich sehen!«
In der ersten Sekunde reagierte Hendrik überhaupt nicht und Leonie sah ihre allerschlimmsten Befürchtungen schon bestätigt. Dann aber drehte er sich stöhnend auf die Seite und versuchte sich auf Hände und Knie hochzustemmen. Irgendetwas polterte, als er sich bewegte.
»Das habe ich auch schon schneller gesehen!«, keifte Leonie. »Nun beeil dich gefälligst! Der Boss wartet nicht gern!«
Hendrik hob mühsam den Kopf. Im ersten Moment blieb sein Blick verschleiert, und Leonie war ziemlich sicher, dass er sie nicht erkannte. Plötzlich weiteten sich seine Augen ungläubig. »Aber wo...?«
»Still!«, zischte Leonie erschrocken. Lauter und mit (wie sie hoffte) perfekt nachgeahmter misstönender Scriptorenstimme fügte sie hinzu: »Wird’s bald? Wir haben nicht alle Zeit der Welt!«
»Genau das wollte ich auch gerade sagen«, bemerkte Theresa von der Tür her. »Beeilt euch, um Gottes willen!« Sie sah ängstlich über die Schulter in die Halle zurück und machte gleichzeitig einen halben Schritt in den Käfig hinein.
Leonie blickte sie ärgerlich an und gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie draußen bleiben sollte, bevor sie sich wieder Hendrik zuwandte. »Theresa hat Recht«, flüsterte sie. »Wir müssen uns beeilen.«
Hendrik starrte sie einfach nur weiter fassungslos an. »Aber wieso...?«
»Jetzt nicht«, unterbrach ihn Leonie, in mittlerweile schon fast verzweifeltem Ton. »Wir sind hier, um dich rauszuholen. So steh auf! Du bist jetzt unser Gefangener! Schnell!«
»Oh, lasst euch ruhig Zeit«, stichelte Theresa. »Im Notfall sind ja noch genug freie Käfige da. Vielleicht kriegen wir ja zwei nebeneinander liegende.«
Sie sah abermals nervös über die Schulter zurück und auch Leonies Blick wanderte fast gegen ihren eigenen Willen in dieselbe Richtung. Alles schien so zu sein wie zuvor. Etliche Scriptoren bewegten sich mit kleinen, trippelnden Schritten hin und her, nicht allzu weit entfernt war ein ganz besonders muskulöser Aufseher damit beschäftigt, einen riesigen Sack davonzuschleppen, in dem es heftig zappelte und strampelte, und noch immer hallte der Saal von Schreien und Wehklagen wider. So unheimlich der Anblick auch war, alles schien so zu sein wie zuvor. Alles außer...
Leonie sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein und auch Theresa fuhr zusammen. »Was hast du?«, fragte sie alarmiert.
Statt direkt zu antworten, machte Leonie eine Kopfbewegung zum anderen Ende der Halle. »Der Thron«, murmelte sie. Theresa sah sie stirnrunzelnd an, drehte sich halb um und wurde totenblass. Auch von hier aus war das monströse Gebilde aus Lava und geronnener Schwärze deutlich zu erkennen.
Ebenso deutlich, wie sie erkennen konnten, dass es leer war...
»Nichts wie weg hier!«, keuchte Theresa.
»Sie hat Recht!« Leonie fuhr auf dem Absatz zu Hendrik herum. »Hier stimmt etwas nicht! Schnell!«
Hendrik bot noch immer einen erbarmenswerten Anblick, aber er musste den Ernst der Lage wohl trotzdem erfasst haben, denn er stemmte sich mit einer hastigen Bewegung in die Höhe. Sein Fuß rutschte dabei auf dem fauligen Stroh weg, das den Boden des Käfigs bedeckte, und Leonie sah, dass sich darunter eine Klappe aus morschem Holz und rostigem schwarzem Eisen befand.
»Ihr seid völlig verrückt, hierher zu kommen«, murmelte er.
»Ja, ich freue mich auch dich zu sehen.« Leonie machte eine unwillige Handbewegung und Theresa sagte von der Tür her: »Könnt ihr euch vielleicht später streiten? Jetzt ist nicht unbedingt der richtige Moment dafür, finde ich.«
Hendrik nickte matt. Mit sichtlicher Mühe richtete er sich weiter auf und setzte dazu an, etwas zu sagen - aber dann weiteten sich seine Augen erschrocken, während sich sein Blick auf einen Punkt irgendwo hinter Leonie richtete. Leonie fuhr alarmiert herum und konnte einen erschrockenen Aufschrei jetzt nicht mehr ganz unterdrücken.
Theresa hatte einen weiteren halben Schritt gemacht und wedelte ungeduldig mit beiden Händen - und hinter ihr stürmte eine kindsgroße Gestalt in einem wehenden schwarzen Mantel heran. Als Leonie aufschrie, drehte auch sie sich mit einer hastigen Bewegung um.