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Aber es war zu spät. Der Scriptor überwand die restliche Entfernung mit zwei, drei gewaltigen Sätzen, machte eine Art albernen Hechtsprung und rammte Theresa die flachen Hände in die Seite.

Sein Schwung reichte nicht aus, um Theresa zu Boden zu werfen, doch sie taumelte einen Schritt zurück und kämpfte eine Sekunde lang mit wild rudernden Armen um ihr Gleichgewicht. Der Scriptor selbst fiel mit einem hellen Quieken auf die Nase, rappelte sich aber sofort wieder hoch und griff mit einer dürren Klauenhand nach Theresas Arm.

Wenigstens versuchte er es.

Hendrik war mit einem einzigen Schritt neben ihm, riss ihn in die Höhe und warf ihn in hohem Bogen aus der Zelle. Der Scriptor kreischte, prallte gleich gegen drei oder vier seiner Brüder, die herangestürmt waren, und fegte sie mit sich von den Füßen.

»Raus hier!«, schrie Hendrik. Er wirkte plötzlich gar nicht mehr müde oder schwach, sondern hechtete mit einer einzigen fließenden Bewegung unter der niedrigen Tür hindurch nach draußen, stieß mit der linken Hand einen Scriptor zur Seite, der sich an ihn klammern wollte, und zerrte mit der anderen auch gleich noch Theresa hinter sich her aus dem Käfig.

Nur Leonie rührte sich nicht. Was Hendrik vorhatte, war vollkommen sinnlos. Im Augenblick war es nur eine Hand voll Scriptoren und Schusterjungen, die ebenso tapfer wie vergebens versuchte ihn und Theresa aufzuhalten, doch in kaum zwanzig Meter Entfernung stürmte ein riesiger Aufseher heran und auch aus der entgegengesetzten Richtung hörte Leonie aufgeregte Rufe und schwere, stampfende Schritte. Und selbst wenn Hendrik mit dem Aufseher fertig werden würde - was Leonie bezweifelte -, wäre eine Flucht vollkommen sinnlos. Sie würden es nicht einmal schaffen, die Halle zu verlassen, geschweige denn das Archiv.

»Kommt zurück!«, keuchte sie. »Schnell!«

Hendrik machte noch einen Schritt, drehte sich dann zu ihr um und verschenkte eine weitere kostbare Sekunde damit, sie verständnislos anzublicken. Als er endlich begriff, was Leonie meinte, war es zu spät. Der Aufseher war heran.

Hendrik bemerkte die Gefahr im buchstäblich allerletzten Moment, aber er reagierte mit einer Kaltblütigkeit, die Leonie ihm in seinem Zustand niemals zugetraut hätte. Mit einer blitzschnellen Bewegung stieß er Theresa aus dem Weg, drehte sich zu dem Aufseher um und ging dabei in die Knie. Statt zur Seite oder zurückzuweichen, machte er ganz im Gegenteil einen raschen Schritt auf den heranstürmenden Koloss zu. Der Aufseher grunzte überrascht, als Hendrik ihm die Schulter in den Leib rammte und sich gleichzeitig noch tiefer bückte. Der Aufprall riss Hendrik von den Beinen, aber auch der Aufseher verlor plötzlich den Boden unter den Füßen, segelte keuchend über Hendrik hinweg und schlug einen kompletten Salto in der Luft, ehe er mit solcher Wucht gegen einen der Käfige prallte, dass sich die daumendicken Eisenstäbe verbogen.

Leonie begriff im gleichen Moment, wie wenig ihnen dieser kurze Sieg nutzte. Hendrik arbeitete sich mit umständlichen, benommen wirkenden Bewegungen hoch, aber kaum einen Meter neben ihm ging Theresa in diesem Moment unter dem Ansturm von mindestens einem halben Dutzend Scriptoren zu Boden, und von überall her stürmten weitere Angreifer heran - Dutzende, wenn nicht Hunderte von Schusterjungen, Scriptoren und weiteren Aufsehern. Es war, als wäre der Boden zu schwarzem, brodelndem Leben erwacht.

Leonie riss sich von dem entsetzlichen Anblick los und war mit einem einzigen Satz bei der Klappe, die unter Hendriks Lager zum Vorschein gekommen war. Hastig fegte sie das nasse, faulige Stroh zur Seite und schloss beide Hände um den rostigen Griff, der an der Klappe befestigt war. Sie zerrte mit aller Kraft, aber die Klappe rührte sich um keinen Millimeter. Sie verdoppelte ihre Anstrengungen und riss mit verzweifelter Kraft weiter, aber das einzige Ergebnis war ein leises Knarren - und ein reißender Schmerz, der sich von ihren Schultern bis in den Rücken hinabzog. Leonie wimmerte vor Schmerz und Enttäuschung, ließ den Griff los und fuhr zur Tür herum.

»Hendrik!«, schrie sie. »Hilf mir!«

Sie war nicht sicher, ob Hendrik sie überhaupt noch hörte. Ganz offensichtlich hatte er versucht Theresa aufzuhelfen, aber mittlerweile drohte er selbst unter der schieren Masse der Angreifer zu Boden zu gehen. Leonie starrte die geschlossene Klappe noch einen Moment an, aber es war aussichtslos. Dieses verfluchte Ding war einfach zu schwer für sie. Mit einer zornigen Bewegung kickte sie einen Schusterjungen aus dem Weg, der frech genug war, zu ihr hereinzukommen, rannte zu Theresa und Hendrik und warf sich entschlossen ins Getümmel.

Vermutlich war es nur das Überraschungsmoment, das ihrem selbstmörderischen Angriff Erfolg zuteil werden ließ. Leonie fegte drei, vier Scriptoren und eine mindestens doppelt so große Anzahl Schusterjungen zur Seite, ehe die geifernden Knirpse auch nur begriffen, dass sie da war, und den Rest erledigte Hendrik. Er sprang auf, verschaffte sich mit einem wütenden Rundumschlag Luft und zerrte Theresa mit einer groben Bewegung auf die Füße. Gemeinsam fuhren sie herum und stürmten auf die offen stehende Käfigtür zu.

Um ein Haar hätten sie es nicht geschafft. Hendrik und Theresa stürmten nebeneinander durch die Tür, doch als Leonie ihnen folgen wollte, klammerte sich ein Scriptor mit beiden Armen an ihr rechtes Bein und brachte sie aus dem Gleichgewicht. Leonie machte noch einen ungeschickten Stolperschritt und fiel der Länge nach hin. Theresa griff nach ihren ausgestreckten Armen und schleifte sie zu sich herein, während Hendrik den Scriptor von ihrem Bein pflückte und ihn kurzerhand in ein lebendes Wurfgeschoss umwandelte, das er der geifernden Bande draußen entgegenschleuderte. Leonie rappelte sich hastig auf, fuhr herum und warf die Tür zu. Ein helles Klicken erscholl, als das wuchtige Vorhängeschloss einrastete.

Keine Sekunde zu früh. Mindestens ein Dutzend Scriptoren begann an den Gitterstäben und der Tür zu zerren, und dann stieß auch schon ein weiterer Aufseher zu ihnen, dessen Pranken sich um die Gitterstäbe schlossen. Das Eisen begann hörbar zu ächzen, als die riesige Kreatur ihre gewaltigen Muskeln anspannte, um die Gitterstäbe auseinander zu biegen. Nicht einmal ihre titanischen Körperkräfte reichten dazu aus, aber es konnte nur noch Augenblicke dauern, bis weitere Aufseher heran waren.

Oder jemand, der den Schlüssel besaß...

»Die Klappe«, rief Leonie hastig und wandte sich zu Hendrik um. »Ich brauche Hilfe!«

Hendrik schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Sie ist verriegelt. Ich habe es oft genug versucht.«

»Nicht für mich«, antwortete Leonie bestimmt. Sie trat mit einem schnellen Schritt an die Klappe heran, schloss eine Hand um den Griff und forderte Hendrik mit einer entsprechenden Kopfbewegung auf, dasselbe zu tun. Hendrik sah sie zwar verwirrt an, zuckte aber dann nur mit den Schultern und gehorchte. Leonie konnte sehen, wie sich seine Muskeln spannten, als er mit aller Gewalt an dem rostigen Griff zog.

Im ersten Moment sah es so aus, als ob nicht einmal Hendriks gewaltigen Kräfte ausreichten, um den zentnerschweren Deckel zu heben. Dann aber hörte Leonie ein gotterbärmliches Quietschen, als sich die eingerosteten Scharniere widerwillig zu bewegen begannen.

»Um Gottes willen, beeilt euch!«, keuchte Theresa. »Da kommen noch mehr von diesen Riesenkerlen!«

Leonie vergeudete keine Zeit damit, in ihre Richtung zu sehen, sondern mobilisierte jedes bisschen Kraft, das sie in sich fand, um weiter an der Klappe zu ziehen. Auch Hendriks Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, während sich die schwere Klappe Zentimeter für Zentimeter weiter öffnete, beständig, aber quälend langsam. Die verrosteten Scharniere quietschten, als wollten sie jeden Moment zerbrechen.

Endlich aber hatten sie es geschafft, und die Klappe stand weit genug offen, dass sich auch Hendrik durch den Spalt quetschen konnte. Darunter kam ein rechteckiger gemauerter Schacht zum Vorschein, in dessen Wand eiserne Trittsprossen eingelassen waren, die in einer unbekannten Tiefe verschwanden.