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Leonie gab Hendrik mit einem ungeduldigen Wink zu verstehen, dass er als Erster nach unten steigen sollte, aber ihr Bodyguard schüttelte den Kopf. »Du zuerst.«

»Nichts da«, antwortete Leonie. »Ich gehe als Letzte. Ich kann nämlich das Schloss wieder verriegeln. Du auch?«

Abermals sah Hendrik sie einen Atemzug lang zweifelnd an, doch dann ließ er sich ächzend auf die Knie sinken, tastete mit dem Fuß nach der obersten Sprosse und schob sich rückwärts in den Schacht. Leonie beherrschte sich und sagte kein Wort, aber es kam ihr vor, als bewege sich Hendrik in Zeitlupe. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis er endlich weit genug hinabgeklettert war, dass ihm Theresa folgen konnte.

»Theresa!« Leonie wedelte aufgeregt mit den Händen. »Schnell jetzt!«

Theresa drehte sich auf dem Absatz um, machte einen Schritt - und erstarrte. Leonie konnte sehen, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich. Hastig sah sie wieder nach unten - und sog selbst erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein.

Die Klappe war verschwunden. Unter dem nassen Stroh befand sich jetzt nur noch schwarzer, massiver Stein. Leonie starrte das unglaubliche Bild sekundenlang vollkommen fassungslos an, drehte sich dann wieder zu Theresa um und gestand sich mit einer sonderbaren Mischung aus Entsetzen und Resignation ein, dass sie sich geirrt hatte: Noch vor einer halben Sekunde hatte sie geglaubt, dass es nicht mehr schlimmer werden konnte, aber das stimmte nicht.

Auf der anderen Seite der daumendicken Gitterstäbe drängelten sich Dutzende schwarzer, hässlicher Gesichter, die voller Wut und Häme zu ihnen hereinstarrten, aber gerade als sich Leonie umdrehte, teilte sich die lebende Mauer, um eine Gasse für eine einzelne, ebenfalls vollkommen in Schwarz gekleidete Gestalt zu bilden, die gemessenen Schrittes auf den Käfig zukam. Sie trug einen schwarzen Kapuzenmantel, genau wie die Scriptoren und ihre kleineren Brüder, die Schusterjungen, und auch als sie näher kam, konnte Leonie das Gesicht unter der weit nach vorne gezogenen schwarzen Kapuze nicht erkennen.

Aber das musste sie auch nicht um zu wissen, dass sie dem Archivar gegenüberstanden.

Gefangen

Leonies Herz begann mit jedem Schritt heftiger zu klopfen, den die unheimliche Erscheinung näher kam. Auf den ersten Blick ähnelte sie nach wie vor den Scriptoren und ihren kleineren und größeren Brüdern, den Schusterjungen und Schriftführern, aber zugleich war sie auch so vollkommen anders, wie es nur möglich war. Und das Unheimlichste überhaupt war, dass man den Unterschied nicht in Worte fassen konnte, denn er war nicht greifbar. Was Leonie schon beim bloßen Anblick der düsteren Gestalt die Kehle zuschnürte, das war nicht, was sie sah. Das eigentlich Schlimme war, was sie spürte. Die Gestalt war von einer so intensiven Aura des Fremden und der Kälte umgeben, dass selbst das Licht vor ihr zurückzuschrecken schien.

Die schwarz gekleideten Dienerkreaturen traten respektvoll zur Seite, und auch Leonie und Theresa wichen ganz instinktiv einen Schritt vom Gitter zurück, als der Archivar sich der Tür näherte. Ein leises Klicken erscholl, als das Schloss aufsprang, dann schwang die Tür wie von Geisterhand bewegt nach innen. Etwas wie eine Woge totaler Finsternis schien zusammen mit dem Archivar hereinzukommen, und als er dicht vor ihr stehen blieb, da war es Leonie, als streife ein eisiger Hauch ihre Seele und ließe etwas darin erstarren. Automatisch wollte sie weiter vor der finsteren Gestalt zurückweichen, doch sie konnte es nicht. Ihr Herz hämmerte mittlerweile wie verrückt, und sie zitterte vor Angst am ganzen Leib, aber zugleich lähmte sie die Nähe des Archivars auch vollkommen.

Theresa, die direkt neben ihr stand, erging es nicht anders. Obwohl Leonie sie nur aus den Augenwinkeln wahrnahm, sah sie doch, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen war. Ihre Hände und Knie zitterten, und der Ausdruck in ihren Augen war etwas, das schlimmer war als Todesangst.

Die Kälte, die von ihrer Seele Besitz ergriffen hatte, steigerte sich noch, als der Archivar den Kopf drehte und sie nun direkt anstarrte. Mit einer Tapferkeit, von der Leonie selbst vielleicht am allerwenigsten wusste, woher sie sie nahm, zwang sie sich, seinem Blick standzuhalten, aber es verging nur ein kurzer Moment, bis sie ihren eigenen Mut schon wieder bitter bereute.

Sie war dem Archivar nahe genug, um das Gesicht unter der schwarzen Kapuze erkennen zu können, oder hätte es eigentlich sein müssen - wäre unter der Kapuze irgendetwas anderes gewesen als Schwärze!

Aber darunter war nichts. Höchstens Dunkelheit, die die Gestalt angenommen und die sich zu etwas zusammengeballt hatte, das düsterer war als nur die reine Abwesenheit von Licht und leerer als das bloße Nicht-Vorhandensein stofflicher Materie. Vielleicht gab es dort etwas, aber es war so fremdartig und feindselig, dass es ihren menschlichen Sinnen nicht möglich war, es zu erfassen.

»Sieh... ihn nicht... an.«, sagte Theresa mühsam.

Wie gern hätte Leonie ihren Rat befolgt, aber es war zu spät. Der Blick dieser unsichtbaren Augen hielt den ihren so unerbittlich gefangen wie eine eiserne Fessel die Handgelenke eines Kindes, und er machte nicht bei ihrem Gesicht oder ihren Augen Halt, sondern drang tiefer, erkundete mühelos ihre Gedanken und wühlte sich weiter hinein in ihre Seele, entblößte ihre intimsten Geheimnisse und verborgensten Gedanken und offenbarte Leonie Dinge über sich, über ihre Wünsche und Ängste, die sie bisher selbst noch nicht gewusst hatte; und vielleicht niemals hatte wissen wollen.

Es war das Entsetzlichste, was sie jemals erlebt hatte. Hatte sie vorhin vor nichts auf der Welt mehr Angst gehabt als vor den Folterinstrumenten und vielleicht noch den schrecklichen Klauen der Aufseher, so begriff sie nun, dass es Vorgänge gab, die schlimmer waren als jede noch so grausame Folter und entsetzlicher als jede körperliche Qual. Der Blick des Archivars zerrte ihre geheimsten Gedanken ans Tageslicht und nahm ihr zugleich ihre Menschlichkeit, verwandelte sie von einem fühlenden freien Individuum in ein... Ding, mit dem er nach Belieben verfahren konnte.

Leonie sank wimmernd auf die Knie, schlug beide Hände vors Gesicht und presste die Augenlider zusammen, aber es nutzte nichts. Der Blick der unheimlichen Augen durchdrang das Hindernis so mühelos, wie er ihren Willen überwunden hatte, und das Wühlen und Suchen in ihrer Seele hielt nicht nur an, sondern steigerte sich noch. Leonie schrie; zumindest versuchte sie es, auch wenn alles, was über ihre Lippen kam, nichts als ein trockenes, halb ersticktes Schluchzen war. Schließlich fiel sie auf die Seite, schlang die Arme um den Leib und krümmte sich wie unter Krämpfen.

Vermutlich dauerte es in Wahrheit nicht mehr als wenige Augenblicke; schon weil kein menschliches Wesen diese entsetzliche Qual länger als wenige Atemzüge ertragen hätte, ohne daran zu zerbrechen. Leonie jedoch kam es vor wie eine Ewigkeit.

Irgendwann aber hörte es - endlich - auf. Leonie wimmerte noch einmal und dann verlor sie zwar nicht das Bewusstsein, doch sie glitt in einen Zustand zwischen Wachsein und Ohnmacht, in dem sie die Dinge rings um sich herum nur noch wie durch einen zarten Schleier aus Watte wahrnahm, der alle Geräusche und Farben dämpfte, gnädigerweise aber auch die Erinnerung an die unvorstellbare Qual, die sie durchlitten hatte.

Immerhin begriff sie noch, dass ihr grässliches Erlebnis wohl nur sehr kurz gedauert hatte, denn während sie zurücksank, erwachte Theresa mit einem spitzen Schrei aus ihrer Erstarrung. »Lass sie in Ruhe, du Ungeheuer!«, schrie sie, riss die Fäuste in die Höhe und warf sich auf den Archivar.

Sie erreichte ihn nie. Der Archivar wandte mit einem Ruck den Kopf und starrte sie an und aus Theresas Schrei wurde ein gequältes Stöhnen. Wie von einem unsichtbaren Fausthieb getroffen, flog sie zurück, prallte gegen die Gitterstäbe auf der anderen Seite des Käfigs und sank schluchzend daran hinab. Ihre Arme und Beine zuckten, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten.