»Nein!«, schrie Leonie. Sie war nahe daran gewesen, endgültig das Bewusstsein zu verlieren, aber die pure Angst um Theresa gab ihr noch einmal die Kraft, die grauen und schwarzen Schleier zu zerreißen, die ihre Gedanken einlullen wollten. Mit einer verzweifelten Kraftanstrengung drehte sie sich um, schaffte es irgendwie, sich auf Hände und Knie hochzustemmen und streckte fast flehend die Hand nach der hoch gewachsenen Gestalt in Schwarz aus.
»Nein«, wimmerte sie. »Bitte! Hör auf! Lass sie in Ruhe! Was immer du von mir willst, ich gebe es dir!«
Noch eine endlose, grauenhafte Sekunde lang hielt Theresas Schluchzen und Zittern an, aber dann ließ der schreckliche Blick des Archivars sie endlich los und Theresa sank mit einem Seufzer unendlicher Erleichterung in sich zusammen.
Leonie kroch zu ihr hinüber, hob sie hoch, soweit es ihr möglich war, und schloss sie in die Arme. Theresa war nur noch halb bei Bewusstsein und stöhnte leise; trotzdem schien sie Leonies Berührung zumindest zu spüren, denn sie erwiderte ihre Umarmung nicht nur, sondern klammerte sich plötzlich mit solcher Kraft an sie, dass Leonie kaum noch atmen konnte. Sie begann haltlos zu schluchzen. Leonie drückte sie sanft an sich und strich ihr mit der linken Hand übers Haar. Sie fühlte sich elend und erbärmlich und so hilflos, dass es beinahe körperlich wehtat.
Aber in diesem Moment geschah etwas sehr Seltsames: Obgleich es Leonie war, die Theresa schützend an sich drückte, und Theresa, die zitternd in ihren Armen lag und deren warme Tränen ihren Hals benetzten, war es doch zugleich Theresa, die ihr Trost spendete, und nicht umgekehrt. Vielleicht stammten die neue Kraft und Zuversicht, die sie plötzlich durchströmten, einfach aus dem Gefühl, dass da ein Mensch war, für den sie etwas tun konnte, und sei es nur die Winzigkeit, ihn tröstend in die Arme zu schließen, aber sie waren da und gaben ihr sogar den Mut, den Kopf zu heben und dem Blick der unsichtbaren, schrecklichen Augen des Archivars standzuhalten.
Das unheimliche Wesen streckte die Hand aus.
DAS BUCH.
Es war keine Stimme, die sie hörte, und auch nicht das, was man sich unter Telepathie vorstellte. In Leonies Bewusstsein materialisierten sich nicht etwa die Gedanken des Archivars; was sie spürte, war unendlich fremder als alles, was sie jemals zuvor empfunden hatte. Sie wusste einfach, was der Archivar von ihr wollte, ohne sagen zu können, wieso oder woher.
»Aber ich... ich weiß doch nicht einmal, wovon du sprichst!«, wimmerte sie.
DAS BUCH.
»Meinst du etwa das Buch, das mein Vater wie einen Schatz hütet und das Theresa stehlen wollte?«, fragte Leonie. »Aber das habe ich doch gar nicht!«
DAS BUCH!, wiederholte der Archivar.
»Aber ich weiß doch nicht, welches Buch du meinst!«, wimmerte Leonie. »Bitte glaub mir! Du... du liest doch meine Gedanken! Außer Vaters Buch kenne ich nichts anderes, was du meinen könntest!«
DAS BUCH!, beharrte der Archivar. Seine lautlose Stimme war so kalt, und doch spürte Leonie, wie sich etwas darin veränderte, wie sie zorniger und zugleich fordernder wurde. Die Geduld des schrecklichen Wesens war erschöpft. Etwas Unvorstellbares würde geschehen, wenn sie ihm nicht gab, was es von ihr verlangte. Aber wie konnte sie ihm etwas geben, von dem sie nicht einmal wusste, was es war?
Irgendwo neben ihnen raschelte es. Der Archivar fuhr mit einem Ruck herum und auch Leonie drehte mühsam den Kopf in dieselbe Richtung.
Im ersten Moment hatte sie das verrückte Gefühl, Wind wäre aufgekommen. Das Stroh raschelte und bewegte sich wie von Geisterhand hin und her, bis sich eine Art Wirbel bildete, der sich immer schneller und schneller um sich selbst drehte. Dann, von einem Sekundenbruchteil auf den anderen, hörte es auf. Wie in einer lautlosen Explosion flogen nasses Stroh und Erdreich in alle Richtungen auseinander und plötzlich war die hölzerne Klappe wieder da. Einen Herzschlag später flog sie mit einem Knall auf und die spitze Kapuze eines Scriptors tauchte aus der Tiefe empor.
Ächzend schob sich der hässliche Gnom weiter nach oben, richtete sich umständlich auf und machte dann einen hastigen Schritt zur Seite, um einem zweiten Scriptor Platz zu machen, der hinter ihm die eiserne Leiter heraufgeklettert kam. Dann fuhr er erschrocken zusammen, als er sah, dass sich außer Leonie und Theresa noch jemand in der Zelle befand.
»He... He... Herr!«, stammelte er, während er zitternd vor Furcht vor dem Archivar auf die Knie fiel und das Haupt so weit beugte, dass sich seine spitze Nase fast in den Boden bohrte. Sein Kamerad tat es ihm nicht nur nach, sondern warf sich gleich der Länge nach auf den Boden und vergrub das Gesicht in dem fauligen Stroh. Die beiden Knirpse schlotterten so sehr vor Angst, dass Leonie allen Ernstes meinte, ihre Knochen (oder zumindest ihre Zähne) klappern zu hören.
Der Archivar starrte schweigend auf die beiden winzigen Gestalten hinab, aber sie mussten seinen Blick wohl ebenso spüren, wie es Leonie zuvor getan hatte, denn sie begannen noch heftiger zu bibbern, und es verging bestimmt eine halbe Minute, bis der zuerst aufgetauchte Scriptor auch nur den Mut fand, den Kopf zu heben und in das unsichtbare Gesicht seines Herrn und Meisters hinaufzusehen.
»Herr, es... es ist nicht... nicht unsere Schuld!«, stammelte er. »Bitte, das... das müsst Ihr mir glauben! Wir haben alles versucht, aber er... er war einfach zu schnell! Er ist gerannt wie der Teufel und... und er hat gekämpft wie zehn Männer! Er hat zwei Aufseher erschlagen, und mindestens ein Dutzend von uns. Nur wir zwei sind entkommen. Und ich fürchte...« Der Scriptor schluckte hörbar und atmete dann tief ein. »Ich fürchte, er ist entkommen«, stieß er schließlich hervor.
»Hendrik!«, flüsterte Theresa. »Ich... ich glaube, sie reden von Hendrik!«
Leonie nickte zwar, wandte den Blick aber nicht von den beiden unglückseligen Scriptoren ab. Der Archivar starrte sie eine weitere endlose Sekunde lang reglos an, machte dann eine fast beiläufige Handbewegung - und die beiden Scriptoren wurden wie von einer unsichtbaren Drachenpranke in Stücke gerissen.
Leonie schrie noch immer, als gleich ein halbes Dutzend Scriptoren sie an Armen und Beinen ergriff und davonschleifte.
Die Befreiung
»Hier, trink das!«
Leonie fuhr erschrocken zusammen, als die schrille Stimme des Scriptors in ihre Gedanken drang, und spannte sich gleichzeitig. Normalerweise wurde sie geschlagen, wenn sie auf einen Befehl oder eine bestimmte Aufforderung nicht sofort reagierte. Diesmal aber beließ es der hässliche Zwerg dabei, den Becher mit Wasser, den er ihr hingehalten hatte, so wuchtig auf den Tisch zu knallen, dass ein Teil seines Inhalts überschwappte, und ihr einen giftigen Blick zuzuwerfen, bevor er herumfuhr und sich mit trippelnden Schritten entfernte.
Leonie musterte den schmucklosen Zinnbecher aus trüben, fast blicklosen Augen, ehe sie zögernd die Hand danach ausstreckte. Sie hatte schrecklichen Durst, so wie sie seit Tagen eigentlich immer hungrig und durstig gewesen war, und sie war hundemüde. Dieser Becher Wasser war seit dem vergangenen Mittag das Erste, was sie zu trinken bekam, und am liebsten hätte sie ihn sofort mit beiden Händen an sich gerissen, um seinen Inhalt mit einem einzigen Zug hinunterzustürzen.
Statt diesem Drang jedoch nachzugeben, griff sie ganz im Gegenteil sehr behutsam nach ihm, hob ihn ganz langsam an die Lippen und begann mit kleinen, vorsichtigen Schlucken zu trinken. Ihre Lippen waren so ausgetrocknet und rissig, dass das kalte Wasser im ersten Moment regelrecht wehtat, und ihre Kehle war so trocken, dass das Wasser irgendwo auf halbem Wege einfach zu versickern schien wie Regentropfen im Sand einer von der Sonne ausgedörrten Wüste.