Leonie zwang sich trotzdem dazu, weiter nur kleine Schlucke zu nehmen. Zugleich versuchte sie den Scriptor unauffällig aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten. Sie wäre nicht sehr erstaunt gewesen, hätte er ihr den Becher im allerletzten Moment aus den Händen geschlagen oder ihr seinen Inhalt kurzerhand ins Gesicht geschüttet. Beides war schon mehr als einmal vorgekommen, seit Theresa und sie in Gefangenschaft geraten waren.
Diesmal jedoch beschränkte sich der Scriptor darauf, sie aus wütenden Augen anzustarren. Aber vermutlich brütete er nur gerade wieder eine weitere Gemeinheit aus. Nach den ersten beiden Tagen, die sie die Gefangene der Scriptoren gewesen war, hatte sie geglaubt, alle Bosheiten zu kennen, die sich die hässlichen schwarzen Gnome ausdenken konnten, aber den Gegenbeweis hatten ihre Gefangenenwärter direkt am darauffolgenden Tag angetreten.
Und am Tag danach und an dem darauf folgenden und dem danach.
Leonie wusste nicht, wie viel Zeit seither vergangen war, ob eine Woche oder zwei oder vielleicht noch viel mehr, aber es hatte keinen Tag gegeben, an dem sich die Scriptoren nicht mindestens eine neue Niederträchtigkeit einfielen ließen. Manchmal brachten ihr die Scriptoren einen ganzen Tag lang weder zu essen noch zu trinken oder sie weckten sie fünf- oder sechsmal in einer Nacht oder ließen sie gar nicht schlafen. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass man sie anderthalb oder zwei Tage lang hungern ließ, dann wieder kamen die Scriptoren binnen weniger Stunden mehrmals in ihre Zelle, um ihr zu essen zu bringen, bis sie ihr Zeitgefühl vollkommen verloren hatte.
Als sie das allererste Mal hierher gebracht worden war um mit dem Archivar zu reden, da hatte ihr der Herr des Archivs versprochen, dass weder Theresa noch sie mit den furchtbaren Gerätschaften der Folterkammer Bekanntschaft machen würden, was Leonie mit mehr als nur einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis genommen hatte. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass man einen Menschen auch foltern konnte, ohne glühende Zangen und Streckbänke zu Hilfe zu nehmen.
Vielleicht gehörte ja auch dieser Besuch nur wieder zu einer neuen Bosheit, die sich die Scriptoren ausgedacht hatten, um sie zu quälen. Es war das fünfte oder sechste Mal, dass ihre schwarz gekleideten Wächter sie hierher brachten - sie konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wie oft es wirklich gewesen war -, und zumindest zweimal war der geheimnisvolle Archivar erst gar nicht erschienen; sie hatte einfach eine Weile auf diesem Stuhl gesessen und darauf gewartet, dass etwas geschah, und schließlich hatten die Scriptoren sie wieder zurück in ihre Zelle gezerrt. Die anderen Male hatte die unheimliche Gestalt einfach nur dagesessen und sie angestarrt, ohne irgendetwas zu sagen, ohne eine Forderung zu stellen oder auch nur eine Frage.
Während der vergangenen Tage waren ihr immer wieder Theresas Worte durch den Kopf geschossen, als sie, vor riesigen Eisbechern im Straßencafe hockend, zum ersten Mal über das Archiv gesprochen hatten. »Ich persönlich glaube nicht, dass das Archiv wirklich das ist, was wir darin sehen«, hatte Theresa gemeint. »Es ist ein Ort, an dem das Schicksal aufgezeichnet wird - frag mich nicht, von wem oder wie oder warum. Die Hüterinnen vor uns haben vielleicht Göttergestalten gesehen, die mit Blitzen glühende Buchstaben in Felsen gebrannt haben, und die, die nach uns kommen werden, sehen vielleicht einen Saal voller Computerterminals.«
»Du meinst, jeder sieht das, was er zu sehen erwartet?«, hatte Leonie damals vermutet. »Weil wir das, was wirklich da ist, gar nicht erkennen können?«
Auch wenn Theresa diese Frage bejaht hatte und Leonie ihr geglaubt hatte - im Moment machte es keinen Unterschied. Vielleicht waren die Scriptoren, Schusterjungen und all die anderen Kreaturen tatsächlich keine Lebewesen im eigentlichen Sinne, und vielleicht konnten sie auch nicht wirklich sterben, weil es sie nicht wirklich gab, und vielleicht waren sie nichts als eine Mischung aus ihrer eigenen Fantasie und der viel, viel mächtigeren Vorstellungskraft des Archivars - aber all das änderte überhaupt nichts an der hoffnungslosen Situation, in der sie und Theresa sich befanden.
Den Archivar gab es wirklich, dessen war sich Leonie hundertprozentig sicher, ohne dass sie wusste, woher sie diese Gewissheit nahm. Und das, was er ihr antat, war ebenfalls so real, wie es nur sein konnte.
Nur half ihr dieses Wissen nicht weiter, denn es befähigte sie nicht im Geringsten, etwas an ihrer Situation zu ändern. Alles, was sie tun konnte, war, auf den Archivar zu warten und darauf zu hoffen, dass er sie und Theresa irgendwann aus diesem Albtraum entließ. Dabei war sie sich beinahe sicher, dass der Archivar auch heute wieder nicht kommen würde; und wenn doch, dann nur, um sie anzustarren und nach einer Weile wieder zu gehen.
Umso überraschter war sie, als sie bald darauf das Geräusch der Tür hörte und dann eine wohl bekannte Stimme, die irgendjemandem erklärte, dass er seine Hand lieber da wegnehmen sollte, wo sie gerade sei, falls er Wert darauf legte, sie noch eine Weile zu behalten.
»Theresa?«, fragte sie ungläubig. Ohne auf den Scriptor zu achten, der sie hierher gebracht hatte und jetzt neben der Tür stand und sie missmutig ansah, sprang sie von ihrem Stuhl auf und lief Theresa entgegen, die gerade, begleitet von zwei weiteren Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln, hereinkam. Theresa ihrerseits riss sich mit einem Schrei los, lief ihr entgegen und schloss sie so stürmisch in die Arme, dass sie Leonie um ein Haar von den Beinen gerissen hätte.
»Leonie! O mein Gott, Leonie, ich bin ja so froh!«, rief sie immer und immer wieder, während sie Leonie abwechselnd an sich presste und ihr zum wiederholten Mal auf die Schultern klopfte, und das so heftig, dass Leonie im wahrsten Sinne des Wortes die Luft wegblieb. »Ich bin ja so froh! Du lebst.«
Leonie machte sich mit einiger Mühe los und schob Theresa mit noch mehr Mühe auf Armeslänge von sich. »Die Frage ist nur, wie lange das noch so bleibt«, erklärte sie schwer atmend. Theresa blinzelte und Leonie fügte lachend hinzu: »Anscheinend hast du dir ja vorgenommen, mir den Rest zu geben.«
Theresa blinzelte eine Sekunde lang irritiert, aber dann lachte sie, drückte Leonie noch einmal - vorsichtiger - an sich und wurde dann schlagartig sehr ernst. »Wie geht es dir?«, fragte sie.
»Ich bin jedenfalls am Leben.« Leonie trat noch einen Schritt zurück und maß Theresa mit einem aufmerksamen Blick von Kopf bis Fuß. »Falls ich allerdings auch nur halb so schlimm aussehe wie du, dann möchte ich mich selbst nicht angucken müssen.«
»Du siehst mindestens doppelt so schlimm aus wie ich«, antwortete Theresa. »So entsetzlich wie du kann ich gar nicht aussehen.«
Leonie lachte kurz und wurde dann wieder ernst. Ihre Worte hatten ganz bewusst scherzhaft klingen sollen, aber sie waren der Wahrheit dennoch näher gekommen, als ihr selbst lieb sein konnte. Theresa bot einen Anblick, der sie an Hendrik denken ließ, als sie ihn nach seiner Gefangennahme wiedergesehen hatten. Anscheinend hatte man sie nicht geschlagen, aber ansonsten schien es ihr kaum besser ergangen zu sein als ihm. Sie hatte deutlich an Gewicht verloren. Ihr Haar war stumpf und starrte vor Schmutz, ebenso wie ihre Kleider und ihr Gesicht, und sie sah nicht nur so aus, als hätte sie sich mindestens zwei Wochen lang nicht gewaschen, sondern roch auch so.
»Haben sie dir etwas getan?«, fragte Theresa.
»Sie haben mich nicht auf die Streckbank gelegt, wenn du das meinst«, antwortete Leonie. Dann erzählte sie Theresa mit knappen Worten, wie es ihr ergangen war. »Hast du den Archivar gesehen?«, fragte sie schließlich.
Theresa schüttelte den Kopf.
»Aber ich«, fuhr Leonie fort. »Zwei- oder dreimal. Er hat kein Wort mit mir gesprochen. Er hat nicht einmal eine einzige Frage gestellt. Er verlangt immer nur das Buch!« Sie hob die Schultern. »Ich verstehe ja nicht einmal, was er von uns will.«