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»Vielleicht nichts«, meinte Theresa leise. »Vielleicht will er uns einfach nur für unser Eindringen hier bestrafen.« Sie klang nicht so, als ob sie ihren eigenen Worten glaubte, aber sie fügte trotzdem nach einer winzigen Pause und in leicht verändertem, gezwungenoptimistischem Ton hinzu: »Immerhin scheint Hendrik entkommen zu sein. Das gibt mir Anlass zur Hoffnung.«

»Hoffnung?«, fragte Leonie. »Worauf?«

»Nun, wenn er deinen Vater alarmiert...«

»Was dann?«, unterbrach sie Leonie. Sie schüttelte müde den Kopf. »Was soll er denn tun? Dem Archivar eine offizielle Protestnote schicken oder die Marines alarmieren und uns gewaltsam befreien?« Leonie lächelte bitter. »Nein, ich fürchte, diesmal sitzen wir wirklich in der Tinte, Theresa.«

Theresas Blick umwölkte sich. »Und es ist alles meine Schuld«, murmelte sie.

»Deine Schuld? Quatsch!«, widersprach Leonie. »Wie kommst du denn darauf?«

Theresa kam nicht dazu, zu antworten. Leonie spürte es, unmittelbar bevor es geschah. Die Tür ging auf und zwei weitere Scriptoren betraten den Raum, begleitet von gut zwei Dutzend Schusterjungen, die sofort einen wuselnden Kreis um Theresa und Leonie bildeten und aus winzigen hassverzerrten Gesichtern zu ihnen heraufstarrten. Theresa betrachtete die kaum handgroßen Knirpse verächtlich und stieß sogar mit dem Fuß nach einem von ihnen, als er ihr zu nahe kam, aber Leonie lief ein Schauer über den Rücken. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wozu die kleinen Ungeheuer fähig waren. Um ein Haar hätten ihre Eltern und sie diese Erkenntnis mit dem Leben bezahlt.

Dann vergaß sie die Schusterjungen schlagartig, denn der Archivar betrat den Raum. Obwohl Leonie die unheimliche Gestalt mittlerweile mehrmals gesehen hatte, war es auch diesmal wieder, als streife ein eiskalter Hauch ihre Seele und ließe etwas darin erstarren.

Der Archivar ging mit langsamen Schritten um den Tisch herum, vor dem Leonie gerade gesessen hatte, und blieb auf der anderen Seite stehen. Der Blick unsichtbarer, kalter Augen richtete sich auf sie und Leonie wappnete sich innerlich gegen einen weiteren Angriff der schrecklichen geistigen Übermacht des Ungeheuers.

Aber nichts geschah. Die unsichtbaren Augen starrten sie nur an. Es gab in ihrem Geist nichts mehr, was zu ergründen sich noch gelohnt hätte. Alle Geheimnisse waren aufgedeckt, alle ihre intimsten Sehnsüchte und Wünsche ans Licht gezerrt. Allein die bloße Erinnerung an das, was der Archivar ihr angetan hatte, löste schon fast körperliche Übelkeit in ihr aus. Doch nichts von alldem, was sie erwartete, geschah.

DAS BUCH, donnerte die lautlose Nichtstimme des Archivars in ihren Gedanken.

»Aber ich weiß doch nicht einmal, was du von mir willst!«, jammerte Leonie.

DAS BUCH, wiederholte der Archivar stur.

»Verdammt noch mal, ich weiß nicht, wovon du redest!«, schrie Leonie.

Theresa sog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein, und auch etliche der Scriptoren rissen erstaunt die Augen auf oder duckten sich sogar, als rechneten sie ernsthaft damit, dass ihnen im nächsten Moment der Himmel auf den Kopf fiele.

Auch ein Teil von Leonie krümmte sich schier vor Angst, aber gleichzeitig regte sich auch ein immer stärker werdender Trotz in ihr. Plötzlich war es ihr vollkommen egal, was mit ihr geschah - was konnte ihr der Archivar denn noch antun, das schlimmer wäre als das, was er ihr bereits angetan hatte?

DAS BUCH.

»Ich weiß nicht, wo dein verdammtes Scheißbuch ist!«, brüllte sie.

Die Scriptoren hielten die Luft an und Theresas Gesicht verlor auch noch das allerletzte bisschen Farbe.

Lange, endlos lange, wie es Leonie vorkam, starrte der Archivar sie an. Dann, quälend langsam, hob er die Hand - und deutete auf Theresa!

»Nein!«, keuchte Leonie. »Nicht sie! Sie... sie hat nichts damit zu tun!«

Gleich vier Scriptoren auf einmal stürzten sich auf Theresa. Die junge Frau stieß einen davon zu Boden und versetzte einem anderen eine Backpfeife, die ihn hilflos zurücktaumeln und schwer auf das knochige Hinterteil plumpsen ließ, dann waren die beiden anderen heran und rissen sie einfach um. Leonie wollte ihr zu Hilfe eilen, doch sie hatte sich noch nicht halb umgedreht, da machte der Archivar eine fast beiläufige Geste und Leonie erstarrte mitten in der Bewegung. Vollkommen hilflos musste sie mit ansehen, wie Theresa von einem halben Dutzend Scriptoren niedergerungen und dann grob wieder auf die Füße gezerrt wurde. Jeweils zwei Scriptoren klammerten sich an ihren rechten und ihren linken Arm und eine ganze Meute Schusterjungen an ihre Beine. Eins der kleinen Biester hockte auf ihrer Schulter und vergnügte sich damit, aus Leibeskräften an ihren Haaren zu zerren.

»Bitte«, flehte Leonie. »Lass sie in Ruhe. Sie hat mit alledem nichts zu tun!«

DAS BUCH.

»Aber ich weiß doch nicht einmal, welches Buch du meinst«, rief Leonie. »Bitte! Wenn du jemanden für was-auch-immer bestrafen willst, dann nimm mich!«

Wieder starrte der Archivar sie für endlos quälende Sekunden an, dann drehte er sich mit einem Ruck um und hob die Hand. Die unheimliche Lähmung fiel von Leonie ab, aber sofort waren zwei Scriptoren heran und packten ihre Handgelenke.

Theresa und sie wurden grob aus dem Raum und eine lange gewendelte Treppe hinaufgezerrt. Es war nicht der Weg, auf dem man sie hierher gebracht hatte, aber Leonie versuchte auch erst gar nicht ihn sich zu merken. Die unterirdische Welt des Archivars war ein Labyrinth, das nicht nur keinem irgendwie erkennbaren System folgte, sondern sich auch beständig zu verändern schien. Manchmal gab es Türen oder Treppenschächte, wo vorher massives Mauerwerk gewesen war oder umgekehrt, und auch der Weg von ihrer Zelle in den Raum, in dem sie den Archivar getroffen hatte, schien jedes Mal unterschiedlich lang gewesen zu sein.

Die Treppe führte zu einem endlos langen Korridor hinauf, wo sie von vier schwer bewaffneten Aufsehern erwartet wurden, die Theresa und sie in die Mitte nahmen. Sie wurden losgelassen, aber die Scriptoren und Schusterjungen blieben in ihrer Nähe, während sie weitergingen.

Leonie wollte an Theresas Seite treten um mit ihr zu reden, aber ihre Bewacher ließen das nicht zu. Kaum hatte sie auch nur einen halben Schritt getan, machte einer der Aufseher eine zornige Handbewegung und stieß ein drohendes Knurren aus.

»Nicht«, sagte Theresa hastig. »Gib ihnen keinen Vorwand!«

Leonie verzichtete darauf, nachzufragen, wofür sie ihnen keinen Vorwand geben sollte. Widerstrebend stolperte sie zwischen den hünenhaften Kriegern voran, bis sie die nächste Abzweigung erreicht hatten; eine weitere Treppe, die steil in die Höhe führte und in einen niedrigen Gang mit zahlreichen, ausnahmslos geschlossenen Türen mündete. Stimmen und das Klirren von Metall drangen ihnen entgegen, und ein leicht süßlicher Geruch, der unangenehme Erinnerungen in Leonie wachrief, ohne dass sie im allerersten Moment genau sagen konnte woran.

Es war Theresa, die plötzlich scharf die Luft einsog und erschrocken nach vorne deutete. »Der Leimtopf!«

Kein Zweifel, sie hatte Recht, dachte Leonie schaudernd. Das Rasseln von Ketten und das dumpfe Wummern und Ächzen gewaltiger Maschinen wurden mit jedem Schritt lauter, und am Ende des Ganges war ein unheimliches grünes Leuchten erschienen, in dem sich verschwommene Schatten bewegten. Leonies Herz begann vor Angst immer heftiger zu schlagen. Sie wusste nicht, was sie erwartete, aber es würde zweifellos etwas durch und durch Entsetzliches sein.

Nur einen Moment später wurde aus ihrer Befürchtung Gewissheit. Sie betraten den riesigen runden Raum mit dem Metallgitterboden, unter dem der Leimtopf brodelte. Der Marzipangeruch des kochenden Buchbinderleims war so intensiv geworden, dass es ihr fast den Atem verschlug, und auch die Hitze hatte spürbar zugenommen.

Theresa und sie wurden über den vibrierenden Gitterboden zur Mitte des Raumes geführt, wo der Archivar sie erwartete. Er war umgeben von einem guten Dutzend Aufsehern und nahezu ebenso vielen der unheimlichen Kreaturen, denen sie im Zug begegnet waren. Der Würfel aus rostigen Eisenstäben, in dem Leonie beim ersten Mal ihre Eltern vorgefunden hatte, war verschwunden, und an seiner Stelle erhob sich nun eine massige Konstruktion aus wuchtigen Balken und rostigem, schwarzem Eisen, die Leonie auf unheimliche Weise an ein Sprungbrett erinnerte, wie man es in Schwimmbädern sah.