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»Was... ist das?«, fragte sie ängstlich.

Theresa hob die Schultern. »Sieht so aus, als sollte da jemand kielgeholt werden«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln.

Leonie wollte antworten, aber der Archivar machte eine befehlende Geste, und einer der Aufseher packte Leonie bei den Schultern und hielt sie mit eisernem Griff fest, während Theresa abermals von vier Scriptoren und einer Schar Schusterjungen ergriffen und festgehalten wurde.

DAS BUCH.

Leonie hätte am liebsten laut aufgeschrien. Wenn der Archivar alle ihre Gedanken und Geheimnisse kannte, wieso verstand er dann nicht, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, was er überhaupt von ihr wollte?

Zwei, drei endlose Atemzüge lang starrte der Archivar sie aus seinen unsichtbaren Augen an, dann hob er die Hand, und Leonie sah aus den Augenwinkeln, wie Theresa von ihren Bewachern brutal auf die unheimliche Konstruktion zugeschleift wurde, obwohl sie nicht den geringsten Versuch machte, sich zu widersetzen.

DAS BUCH.

»Aber ich verstehe doch nicht, was du willst!«, wimmerte Leonie. »Bitte, tu ihr nichts! Sie hat nichts mit unserem Streit zu schaffen.« Tränen liefen über ihr Gesicht, und obwohl sie wusste, wie sinnlos es war, versuchte sie sich loszureißen und zu Theresa zu eilen. Natürlich gelang es ihr nicht. Der riesige Aufseher schien ihre Anstrengung nicht einmal zu bemerken.

Ein helles Quietschen und Schrillen erklang und unter dem Ende der unheimlichen Laufplanke begann ein Teil des Gitterbodens auf rostigen Scharnieren auseinander zu gleiten. Theresa keuchte vor Entsetzen und begann sich nun doch zu wehren, aber gegen die Übermacht der Scriptoren und Schusterjungen hatte sie keine Chance. Ohne langsamer zu werden zerrten sie Theresa auf das Ende der Planke zu, bevor sie endlich anhielten.

Die zischende blassgrüne Masse unter ihnen schien stärker zu brodeln, als könnte sie es kaum noch erwarten, ihres Opfers habhaft zu werden.

»Bitte!«, schrie Leonie. Verzweifelt bäumte sie sich im Griff des Aufsehers auf. »Tu ihr nichts! Nimm mich!«

Tatsächlich schien der Archivar einen winzigen Moment zu zögern. Aber dann hob er wieder mit einer knappen befehlenden Geste die Hand. Theresa versuchte noch einmal ihre Bewacher abzuschütteln. Zwei, drei Schusterjungen taumelten zur Seite, und einer der geifernden Knirpse flog sogar in hohem Bogen durch die Luft und landete in der brodelnden grünen Masse, um augenblicklich darin zu versinken. Aber die Übermacht war einfach zu groß. Unbarmherzig wurde sie weiterhin in Richtung Schlund gezerrt, unter dem der kochende Leim lauerte.

Ein helles Sirren erklang, und einer der Scriptoren, die Theresas Arme gepackt hatten, schwankte, griff sich an den Hals und kippte dann rücklings in den Leimtopf. Theresa schrie gellend auf und befreite sich mit der Kraft der schieren Verzweiflung von ihren Bewachern und dann brach in der riesigen runden Halle buchstäblich die Hölle los.

Plötzlich war die Luft erfüllt von einem Chor gellender Schreie, wütenden Gebrülls und rasender, sirrender Schatten, die, wie es schien, von überall zugleich auf die Scriptoren und Aufseher herabregneten und Tod und Verderben in ihre Reihen säten. Leonie keuchte vor Schmerz, als sich die Pranken des Aufsehers, der sie gepackt hielt, erschrocken zusammenzogen, allerdings nur, um sich einen Sekundenbruchteil später zu lösen und sie endgültig loszulassen. Aus seinem Hals ragten gleich drei kurze gefiederte Pfeile.

Leonie taumelte mit einem erschrockenen Keuchen zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um nicht von der zusammenbrechenden riesigen Kreatur unter sich begraben zu werden. Unverzüglich grapschte ein zweiter Aufseher mit seinen gewaltigen Pfoten nach ihr und auch eine der schrecklichen Kreaturen aus dem Zug setzte sich knurrend in Bewegung. Beide wurden von einem ganzen Hagel tödlicher Pfeile und Armbrustgeschosse niedergestreckt, bevor sie sie erreicht hatten.

Irgendjemand schrie ihren Namen, aber Leonie achtete nicht darauf, sondern stürmte blindlings los, um zu Theresa zu gelangen. Etwas prallte gegen sie und ließ sie schwanken. Scharfe Krallen griffen nach ihrem Arm, glitten daran ab und hinterließen heftig blutende, brennende Schrammen in ihrer Haut. Immer mehr und mehr Pfeile und andere Wurfgeschosse regneten auf die Kreaturen des Archivars herab. Leonie duckte sich unter etwas Großem, an einem Ende tödlich Glitzerndem und machte einen hastigen Schritt zur Seite, als ein Scriptor sie in einem Anfall von selbstmörderischem Mut (oder auch Dummheit) ansprang. Leonie stieß ihn fort, fand endlich Theresa in dem allgemeinen Chaos wieder und war mit zwei, drei hastigen Schritten bei ihr.

Auch Theresa hatte sich der meisten ihrer Gegner entledigt, aber ein letzter Scriptor und mindestens ein Dutzend Schusterjungen setzten ihr noch immer heftig zu. Erst als Leonie neben ihr anlangte und in das Handgemenge eingriff, gelang es Theresa, auch die letzten der kleinen Angreifer abzuschütteln und sich schwer atmend aufzurichten, und auch Leonie fand endlich Zeit, den Blick zu heben und sich umzusehen.

Im ersten Moment kam es ihr immer noch so vor, als käme der Hagel tödlicher Pfeile und Wurfgeschosse buchstäblich aus dem Nichts, aber dann sah sie blitzende Pickelhauben und weiß-rot gestreifte Hemden auf einer der Galerien, die in mehreren übereinander liegenden Kreisen um die Halle liefen.

»Die Stadtwache!«, keuchte Theresa überrascht. »Das sind ja Hendriks Männer!«

»Also ist er doch entkommen«, sagte Leonie. Hendrik hatte es offensichtlich nicht dabei bewenden lassen, sich selbst in Sicherheit zu bringen, sondern war unverzüglich und mit Verstärkung zurückgekehrt, um Theresa und sie zu befreien. Ob ihm das allerdings gelingen würde, das stand auf einem ganz anderen Blatt. Der Angriff war so vollkommen überraschend und mit solcher Präzision erfolgt, dass er die Krieger des Archivars buchstäblich gelähmt hatte - aber diese Überraschung würde nicht endlos andauern, und trotz der Opfer, die der Hagel von Pfeilen und Armbrustbolzen gefordert hatte und noch immer forderte, wimmelte die Halle nach wie vor von riesigen bewaffneten Gestalten.

»Leonie! Theresa!«

Leonie sah hoch und suchte nach der Stimme, die ihren und Theresas Namen gerufen hatte. Schließlich gewahrte sie eine hoch gewachsene Gestalt in weiß-rot gestreiftem Wams und kupferfarben schimmerndem Brustharnisch und mit Pickelhaube, die unter dem gleichen Eingang aufgetaucht war, durch den Theresa und sie den Leimtopf betreten hatten. Ihr Gesicht war hinter einem sonderbaren Gittervisier verborgen, sodass Leonie es nicht erkennen konnte, dafür aber identifizierte sie die Stimme umso deutlicher.

»Hendrik!«

Theresa nickte grimmig. »Los!«

Sie fuhren unverzüglich herum und stürmten los, aber Leonie warf dennoch einen hastigen Blick über die Schulter zurück, und was sie sah, ließ ihr Herz einen erschrockenen Sprung tun.

Der Archivar hatte sich gänzlich in ihre Richtung umgewandt, und Leonie spürte selbst über die Entfernung hinweg die tobende Wut der schrecklichen Kreatur, die sich unter dem schwarzen Kapuzenmantel befand. Sie rechnete instinktiv damit, von derselben furchtbaren Kraft getroffen zu werden, die Theresa in der Käfigzelle von den Beinen gerissen hatte, doch stattdessen machte der Archivar nur eine weit ausholende Geste mit beiden Armen und seine Geschöpfe setzten brüllend zur Verfolgung an. Leonie erschrak, als sie sah, wie schnell die scheinbar so plumpen Aufseher und Krieger waren. Die Bogenschützen oben auf der Galerie konzentrierten ihr Feuer nun ganz auf ihre Verfolger und viele ihrer Geschosse fanden mit tödlicher Präzision ihr Ziel.