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Aber der Vorteil der Überraschung war dahin, und weder feuerten die Gardisten auf reglos dastehende Ziele, die nicht ahnten, was ihnen bevorstand, noch waren es menschliche Gegner. Etliche Verfolger stürzten, aber Leonie sah auch Aufseher und Krieger, die von drei, vier, fünf Pfeilen getroffen wurden und dennoch weiterstürmten, als wären es nicht mehr als Nadelstiche. Und sie waren schnell.

Dieser Anblick ließ Leonie ihr Tempo noch einmal steigern. Eine Hand voll Schusterjungen versuchte Theresa und sie aufzuhalten, aber sie rannten sie schlichtweg über den Haufen, ebenso wie die zwei oder drei Scriptoren, die verrückt genug waren, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Dennoch war Leonie ganz und gar nicht sicher, dass sie es schaffen würden. Der Pfeilhagel von der Galerie schien an Intensität abgenommen zu haben, und es kam Leonie auch so vor, als hätte die Zielsicherheit der Gardisten nachgelassen. Leonie sah im Laufen hoch und erkannte entsetzt, dass auch dort oben Krieger des Archivars aufgetaucht und heftige Kämpfe ausgebrochen waren.

Obwohl sie versuchte noch schneller zu laufen, hätte sie es um ein Haar nicht geschafft. Hendrik winkte sie aufgeregt heran, und plötzlich tauchten auch rechts und links von ihm Männer in Pickelhauben und schimmernden Brustharnischen auf, die wuchtige Armbrüste in Anschlag brachten. Leonie hielt entsetzt den Atem an, als die Männer nur flüchtig zielten und dann abdrückten und die Geschosse so dicht an ihr vorbeiflogen, dass sie ihren Luftzug zu spüren glaubte.

Hinter ihr erscholl ein schmerzerfülltes Grunzen und ein dumpfer Aufschlag, aber Leonie wagte es nicht, einen Blick zurückzuwerfen. Es war auch nicht nötig - sie konnte das wütende Knurren ihrer Verfolger ebenso deutlich hören wie ihre stampfenden Schritte, die unerbittlich näher kamen.

Die Gardisten luden hastig ihre Armbrüste nach und feuerten eine zweite Salve ab, dann ließen sie ihre Waffen fallen, und in ihren Händen erschienen wie hingezaubert lange Hellebarden mit gefährlichen Spitzen, die sie den Angreifern entgegenreckten - und damit auch Leonie und Theresa!

Leonie schrie vor Schreck laut auf, versuchte sich zu ducken und stolperte über ihre eigenen Füße. Sie fiel, riss instinktiv die Arme schützend vors Gesicht und rollte unter den vorgestreckten Lanzen der Krieger hinweg. Dicht neben ihr vollführte Theresa nahezu exakt (und im Gegensatz zu ihr absichtlich) dasselbe Manöver und kaum eine Sekunde später rannten mehrere Krieger des Archivars gegen die tödliche Barriere. Sie spießten sich damit buchstäblich selbst auf, aber der Anprall war auch so heftig, dass eine oder zwei der Hellebarden zersplitterten und etliche Gardisten einfach von den Füßen gerissen wurden.

Ungeschickt versuchte Leonie sich aufzurappeln, aber sie hatte die Bewegung noch nicht halb zu Ende gebracht, als sie von einer starken Hand ergriffen und grob in die Höhe und zugleich weiter in den Gang gezerrt wurde. Hinter ihr wurden Schreie und dumpfe Kampfgeräusche laut, und Leonie bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die Gardisten abermals ihre Waffen fallen gelassen und stattdessen Schwerter und schlanke Rapiere gezogen hatten, um den Ansturm der Archivkrieger aufzuhalten.

Sonderlich erfolgreich schienen sie damit nicht zu sein. Zwar war es den Angreifern noch nicht gelungen, in den Tunnel einzudringen, aber die Hand voll Verteidiger wurde doch Schritt für Schritt zurückgedrängt.

»Bist du verletzt?« Hendrik zwang sie fast gewaltsam, ihren Blick von der schrecklichen Szene zu lösen und ihn anzusehen. Als sie es tat, kam ihr Hendriks Frage beinahe lächerlich vor. Das Gesicht hinter dem eigentümlichen Gittervisier war blass und stoppelbärtig. Schwere, fast schwarze Ringe lagen unter seinen Augen und seine Wangen wirkten eingefallen. Er sah so erschöpft und müde aus wie vor ihrer missglückten Flucht aus dem Gitterkäfig.

Mit einiger Verspätung schüttelte Leonie den Kopf, und Hendrik wandte sich mit einem fragenden Blick an Theresa, die sich unmittelbar neben Leonie aus eigener Kraft aufrichtete. »Und du?« Sie machte eine beruhigende Geste.

»Dann kommt.« Hendrik wandte sich mit einer Bewegung um, die schnell war, seine Erschöpfung aber fast noch deutlicher erkennen ließ als sein Gesicht. »Schnell, wir haben nicht viel Zeit.«

Er rannte los, hielt Leonies Hand dabei jedoch eisern fest, sodass sie einfach hinter ihm hergezerrt wurde, und das in einem Tempo, das seinen jämmerlichen Zustand Lügen strafte. Leonie musste ihre ganze Geschicklichkeit aufwenden, um nicht von den Füßen gerissen zu werden. So groß wie Hendriks Panik sichtlich war, traute sie ihm durchaus zu, sie einfach hinter sich herzuschleifen, sollte sie stürzen.

Erst als sie das Ende des Tunnels und damit eine schmale Treppe erreichten, die steil in die Höhe führte, ließ Hendrik ihre Hand los und deutete mit einer Kopfbewegung nach oben. »Schnell«, keuchte er schwer atmend. »Wir versuchen sie aufzuhalten.«

Theresa setzte sich hastig in Bewegung, aber Leonie zögerte noch eine Sekunde, um zu Atem zu kommen, aber auch um noch einmal zu Hendriks Männern zu blicken. Sie waren mittlerweile ein gutes Stück weit in den Gang zurückgetrieben worden, und Leonie hatte das sichere Gefühl, dass die Angreifer nur deshalb nicht noch viel schneller vorwärts kamen, weil sie sich in ihrer Masse gegenseitig behinderten. Mindestens einer der Gardisten war bereits gefallen, und etliche bluteten aus tiefen Wunden und hatten sichtlich immer größere Mühe, sich ihrer Gegner zu erwehren.

»Worauf wartest du?«, fauchte Hendrik ungeduldig.

»Dass du mitkommst«, antwortete Leonie. Sie machte eine unwillige Handbewegung, als Hendrik widersprechen wollte. »Du hast doch nicht wirklich vor, dich mit diesen Ungeheuern anzulegen?«, fragte sie in ganz bewusst spöttisch-verletzendem Ton. »Ich habe leider keinen Spiegel dabei, sonst könntest du selbst sehen, wie lächerlich das wäre. Außerdem«, fügte sie hinzu, als Hendrik immer noch zögerte, »willst du mich doch nicht etwa allein lassen, oder? Immerhin sollst du auf mich aufpassen.«

Natürlich wusste Hendrik, warum sie das sagte. Er war nicht dumm. Aber er war wohl auch Realist genug, sich selbst einzugestehen, dass er sich nicht in der Verfassung befand, einen ernst gemeinten Kampf auch nur einen Augenblick zu überstehen.

Schweren Herzens nickte er. »Also gut. Aber schnell!«

Diesmal ließ sich Leonie nicht zweimal bitten, sondern stürmte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, los, blieb aber auf halber Strecke wieder stehen, da Hendrik bei ihrem Tempo nicht mithalten konnte. Keuchend kam er neben ihr an und lehnte sich für einen Augenblick an die Wand, um wieder zu Atem zu kommen.

»Wie lange warst du weg?«, fragte Leonie mitfühlend.

»Oben, in der richtigen Welt?« Hendrik überlegte einen Moment. »Zu lange«, murmelte er schließlich. »Vielleicht vier, fünf Stunden. Ich konnte deinen Vater nicht gleich erreichen. Und es hat lange gedauert, bis ich meine Männer alarmiert hatte. Es tut mir Leid. Aber es ging einfach nicht schneller.«

Das hatte Leonie nicht gemeint. Für Theresa und sie waren viele Tage vergangen, für Hendrik jedoch nur wenige Stunden. Was nichts anderes bedeutete, als dass er sich noch immer in dem gleichen Zustand vollkommener Erschöpfung befand, in dem er aus dem Käfig geflohen war. Beim Anblick seines blassen, von kaltem Schweiß bedeckten Gesichts fragte sich Leonie, woher er überhaupt noch die Kraft nahm, sich auf den Beinen zu halten.

Sie wartete einen Moment - vermutlich länger, als gut war -, dann forderte sie Hendrik mit einer entsprechenden Geste auf weiterzugehen. Auf den letzten Stufen war sie es, die Hendrik stützte, nicht umgekehrt. Der Kampflärm unter ihnen wurde lauter und in das helle Klirren der Waffen mischten sich immer öfter gellende Schmerzensschreie.