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Oben auf der Galerie angekommen wurde es schlimmer, nicht besser. Die Kämpfe, die sie von unten aus beobachtet hatte, waren für den Moment zum Erliegen gekommen, aber ihre Spuren waren unübersehbar. Zahlreiche Aufseher und Scriptoren lagen erschlagen auf dem Boden, doch dazwischen gewahrte Leonie auch etliche reglose Gestalten im kupferverzierten Weiß-Rot der Stadtgarde. Die Überlebenden hatten sich vielleicht dreißig oder vierzig Schritte entfernt verschanzt und schossen mit Armbrüsten und Bogen über die Brüstung in die Halle hinab. Etliche von ihnen waren verletzt, und es waren deutlich weniger, als sie bisher angenommen hatte; vielleicht zwei Dutzend, wenn überhaupt.

Leonie schrie vor Erleichterung auf, als sie unter ihnen ihren Vater erblickte, und rannte los. Inmitten der Stadtgarde war er unschwer auszumachen - er überragte die meisten um ein gutes Stück, und er war der Einzige, der keine Uniform trug, sondern schwarze Jeans, einen gleichfarbigen Rollkragenpullover und einen ebenfalls schwarzen, fast bodenlangen Ledermantel. In der linken Armbeuge hielt er etwas, das wie ein flaches Buch aussah, auch wenn Leonie irgendetwas daran falsch vorkam.

Als er ihren Schrei hörte, fuhr er herum und wollte ihr entgegeneilen, aber mehrere Krieger vertraten ihm hastig den Weg und einer der Männer hielt ihn sogar an der Schulter zurück Vater riss sich mit einer rüden Bewegung los, blieb aber dennoch stehen, und Leonie beschleunigte ihre Schritte noch mehr, sodass Hendrik nun endgültig hinter ihr zurückfiel.

»Leonie!« Auf den letzten Metern eilte Vater ihr nun doch entgegen und schloss sie so heftig in die Arme, dass sie den Boden unter den Füßen verlor und ein kleines Stück in die Höhe gerissen wurde. »Ich bin ja so froh, dich zu sehen! Bist du in Ordnung?«

Leonie machte sich mit einiger Mühe los und trat einen halben Schritt zurück. Ihr Vater lachte erleichtert und ließ sich halb in die Hocke sinken, damit sich ihre Gesichter auf gleicher Höhe befanden. Seltsam - Leonie war bisher gar nicht aufgefallen, dass ihr Vater so groß war. »Geht es dir auch wirklich gut?«, fragte er. »Ich meine: Haben sie dir etwas getan?«

»Es geht mir gut«, antwortete Leonie betont, »und sie haben uns nichts getan. Aber ihr hättet wirklich keine halbe Minute später kommen dürfen.« Sie sah zu Theresa hin, die nur zwei Schritte entfernt dastand und ihren Vater und sie abwechselnd und mit unterschiedlichem Gesichtsausdruck musterte. Auch Vater sah in dieselbe Richtung und in seinen Augen blitzte es kurz und zornig auf. Doch als er sich erneut an Leonie wandte, lächelte er wieder erleichtert.

»Gut. Aber darüber können wir später reden. Jetzt müssen wir hier verschwinden, und das möglichst schnell.« Er stand mit einem Ruck auf und drehte sich in der gleichen Bewegung um. »Hendrik! Wie weit sind deine Leute?«

Leonie bemerkte erst jetzt, dass auch Hendrik mittlerweile zu ihnen aufgeholt hatte. Er beantwortete Vaters Frage jedoch nicht gleich, sondern machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in einem der Gänge, die gleich zu Dutzenden auf die Galerie mündeten. Schon nach einem Augenblick kehrte er zurück und schüttelte stumm den Kopf.

»Verdammt«, sagte Vater.

»Was ist los?«, fragte Leonie alarmiert. Sie konnte nicht sagen, ob der Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters Schrecken, blankes Entsetzen war oder vielleicht eine Mischung aus beidem.

»Der Rückweg«, antwortete ihr Vater. »Sie haben uns den Rückweg abgeschnitten. Wir müssen einen anderen suchen.« Er starrte einen Moment konzentriert auf das Buch hinab, das er bisher unter dem Arm getragen hatte, und wandte sich wieder an Hendrik. »Ich brauche ein wenig Zeit. Einen Ort, an dem wir uns verteidigen können.«

»Hier entlang.« Hendrik deutete ohne zu zögern hinter sich.

Vater nickte zustimmend, und Hendrik und die meisten seiner Männer begannen sich unverzüglich in den Gang zurückzuziehen, auf den er gerade gedeutet hatte. Auch Leonie wollte ihnen folgen, doch dann begab sie sich stattdessen an Theresas Seite, die an die Brüstung herangetreten war und in die Tiefe starrte.

Ein eisiger Schauer rann Leonie über den Rücken, als sie dasselbe tat. Die Halle unter ihnen wimmelte von Kriegern. Leonie vermochte nicht zu sagen, wo sie so plötzlich hergekommen waren, aber ihre Zahl hatte sich mindestens verdoppelt, wenn nicht verdreifacht. Und sie hatte das unheimliche Gefühl, dass es immer noch mehr und mehr wurden. Den Archivar selbst konnte sie nicht mehr sehen, aber sie konnte seine Anwesenheit spüren.

Leonie schrak heftig zusammen, als sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte. Aber es war nur Hendrik, der noch einmal zurückgekehrt war, um Theresa und sie zu holen. »Komm jetzt«, sagte er. »Und sprich mit deinem Vater. Wir werden versuchen sie aufzuhalten, aber ich weiß nicht, wie lange uns das gelingt. Was immer er vorhat, er sollte es besser schnell tun.«

Die Schlacht um das Archiv

Noch bevor Leonie und Theresa den Raum erreichten, in den sich ihr Vater und der Großteil der Stadtwache zurückgezogen hatten, begriff sie, was Hendrik gemeint hatte. Hendrik trieb Theresa und sie unbarmherzig vor sich her und hinter ihm zogen sich die letzten Männer der Stadtgarde zurück, rückwärts gehend und ihre Armbrüste und Bogen im Anschlag, und dennoch wären sie um ein Haar in einen Hinterhalt geraten.

Der Weg war nicht besonders weit - vielleicht zwei, drei Dutzend Schritte -, und Leonie war hundertprozentig sicher, dass es in der Wand vor ihnen noch keine Tür gegeben hatte, als sie um die Ecke gebogen waren, doch jetzt war eine Tür da, die mit einem solchen Knall auf- und gegen die Wand flog, dass Steinsplitter und Funken spritzten und Theresa mit einem Schmerzensschrei die Hand an die Wange hob.

Es war die schiere Größe des Angreifers, die ihnen beiden vermutlich das Leben rettete. Die gewaltige Kreatur, die Leonie schon aus dem Zug und später aus dem Leimtopf kannte, brach mit einem ungeheuren Brüllen aus der wie durch Zauberei aus dem Nichts aufgetauchten Tür hervor und griff mit ihren schrecklichen Klauenhänden nach ihnen, und obwohl Hendrik unglaublich kaltblütig reagierte und Theresa blitzschnell zurückriss, hätte das Monster sie wohl erreicht, wäre es mit seiner gewaltigen Schulterbreite nicht einfach in der Tür stecken geblieben.

Hendrik stieß Theresa so unsanft zurück, dass sie gegen die Wand prallte und um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte, sprang dem Ungeheuer entgegen und zog gleichzeitig sein Schwert; kein schlankes Rapier, wie er es bisher bevorzugt hatte, sondern ein wuchtiges Claymore, das Leonie vermutlich nicht einmal mit beiden Händen hätte heben können.

Die zweischneidige Klinge bereitete dem Leben des Ungeheuers ein rasches Ende, aber hinter ihm drängten weitere Angreifer heran. Hendrik beging nicht den Fehler, die erschlagene Kreatur zurückzustoßen, sondern versetzte ihr im Gegenteil einen Tritt, der sie regelrecht in der Tür verkeilte, und zerrte Leonie und Theresa im gleichen Moment mit sich. Irgendwie schafften sie es an der Tür vorbei, doch nur einen Augenblick später wurde die tote Kriegerkreatur zurückgerissen und an ihrer Stelle drängte eine ganze Horde Aufseher und Scriptoren aus dem Gang heraus.

»Lauft!« Hendrik versetzte ihr einen Stoß mit der flachen Hand, der Leonie vorwärts taumeln ließ, fuhr in der gleichen Bewegung herum und schwang seine gewaltige Klinge. Der erste Aufseher, der heranstürmte, bezahlte seinen Mut mit dem Leben, und Hendrik warf in seinem Ungestüm auch noch einen zweiten Krieger zu Boden, aber dann war er mit seinen Kräften endgültig am Ende. Hendrik führte einen ungeschickten Schwerthieb gegen einen dritten Krieger, den dieser aber ohne sonderliche Mühe parierte, und Hendrik wankte unter der Wucht seines eigenen Schwerthiebes zurück und sank stöhnend auf ein Knie herab. Irgendwoher nahm er die Kraft, noch einmal das Claymore hochzureißen und den wuchtigen Keulenhieb des Aufsehers mit der breiten Klinge abzufangen, aber der Schlag riss ihm nicht nur die Waffe aus der Hand, sondern schleuderte ihn auch rücklings zu Boden. Hendrik prallte so hart auf, dass Leonie regelrecht hörte, wie ihm die Luft aus den Lungen getrieben wurde, das Schwert schlitterte klirrend davon und landete unmittelbar vor ihren Füßen, und der Aufseher hob mit einem triumphierenden Brüllen seine Keule, um seinem Gegner endgültig den Garaus zu machen.