Ein ganzer Hagel von Pfeilen flog über Leonie hinweg und ging mit tödlicher Präzision auf den Aufseher nieder. Der Koloss warf die Arme in die Luft und nach hinten, wobei er gleich drei oder vier weitere Angreifer mit sich zu Boden riss. Und dann war der Gang plötzlich voller Männer in weiß-roten Hemden und Pickelhauben, die mit Schwertern, Hellebarden und Dolchen auf die Angreifer eindrangen und sie niederwarfen. Wie aus dem Boden gewachsen stand Leonies Vater vor ihr, aber er hielt jetzt kein Buch mehr in der Hand, sondern ein schlankes Schwert mit beidseitig geschliffener Klinge.
»Bist du verletzt?«, fragte er erschrocken.
Leonie schüttelte nur wortlos den Kopf und ihr Vater sah fragend zu Theresa hin. Sein Blick verdüsterte sich, als sie die Hand herunternahm und er die heftig blutende Wunde sah, die der Splitter in ihre Wange gerissen hatte.
»Verdammt noch mal, wie konnte das passieren?«, schnappte er wütend, während er zu Hendrik herumfuhr. »Wozu bezahle ich dich eigentlich? Meine Tochter hätte ums Leben kommen können!«
Hendrik richtete sich benommen auf. Er zitterte vor Schwäche am ganzen Leib und sein Blick war verschleiert. Leonie bezweifelte, dass er überhaupt begriff, was ihr Vater von ihm wollte. Rasch bückte sie sich nach Hendriks Schwert - es war nicht so schwer, wie sie erwartet hatte, sondern noch erheblich schwerer -, drückte es Hendrik in die Hand und drehte sich so um, dass sie den direkten Blickkontakt zwischen ihm und ihrem Vater unterbrach.
»Es ist nicht seine Schuld!«, rief sie. »Die Tür ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht! Er konnte sie nicht sehen, weil sie ganz einfach nicht da war!«
Ihr Vater sah sie eine Sekunde lang zweifelnd an und wandte sich dann an Theresa. »Stimmt das?«
Theresa nickte knapp und aus dem Ausdruck von Zorn auf Vaters Gesicht wurde blankes Entsetzen. »Dann... dann kann er...«
»Dasselbe wie du«, unterbrach ihn Theresa. »Nur vermutlich um etliches besser. Ich schätze, er hat eine Menge mehr Übung.« Sie hob scheinbar gleichmütig die Schultern, aber das täuschte Leonie nicht darüber hinweg, dass ihre Stimme beinahe verächtlich geklungen hatte.
Leonie verstand nicht genau, was Theresa damit meinte, aber ihr Vater schien es dafür umso besser zu begreifen. Er wurde blass, doch Leonie hatte das sichere Gefühl, diesmal mehr vor Schreck als vor Wut. Geschlagene zehn Sekunden lang starrte er einfach ins Leere, und Leonie konnte in dieser Zeit regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Dann nickte er. »Also gut. Kommt mit. Hendrik - deine Männer sollen den Eingang halten. Ich brauche Zeit.«
Hendrik nickte zwar wortlos, aber angesichts der Tatsache, dass er sich nur schwankend auf den Beinen hielt und kaum noch die Kraft hatte, sein Schwert zu heben, wirkte diese Geste eher lächerlich. Leonie wollte eine entsprechende Bemerkung machen, aber sie fing gerade noch rechtzeitig ein warnendes Kopfschütteln von Theresa auf, und ihr Vater wandte sich auch schon mit einem Ruck um und winkte sie gleichzeitig mit einer so befehlenden Handbewegung heran, dass sowohl Leonie als auch Theresa ganz automatisch gehorchten.
Sie gingen den Tunnel ein kurzes Stück in die Richtung zurück, aus der ihr Vater und die Soldaten gekommen waren, bis sie zu einer weiteren der niedrigen Türen gelangten, die es hier überall gab. Leonie hatte kein gutes Gefühl, als sie sich dicht hinter ihrem Vater unter dem niedrigen Türsturz hindurchbückte, aber sie erlebte eine Überraschung: Der Raum auf der anderen Seite erwies sich nicht nur als unerwartet groß, er war auch keine kahle Zelle mit nassem Stroh auf dem Boden und nackten Steinwänden, in die eiserne Ringe und Ketten eingelassen waren, sondern eher etwas, das sie als Studierzimmer bezeichnet hätte, wenn es sich dabei auch um eines handelte, das aus einer mindestens tausend Jahre zurückliegenden Vergangenheit stammen musste: Die Wände waren mit schwerem dunkelbraunem Holz vertäfelt und es gab eine Anzahl einfacher, aber sehr gemütlich aussehender Möbel und sogar einen großen offenen Kamin, in dem ein prasselndes Feuer behagliche Wärme verbreitete. Unmittelbar davor stand ein kostbarer geschnitzter Schreibtisch, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Dasselbe, das ihr Vater draußen unter dem Arm getragen hatte - aber Leonie erkannte es jetzt auch als das wieder, das sie in Vaters Safe gesehen hatte.
»Passt an der Tür auf«, befahl Vater, während er mit schnellen Schritten um den Schreibtisch herumeilte und in dem wuchtigen Stuhl dahinter Platz nahm.
Die Worte galten dem halben Dutzend Männer, die mit ihnen hereingekommen waren. Diejenigen von ihnen, die es nicht ohnehin schon getan hatten, zogen ihre Waffen und nahmen in einem dichten Halbkreis vor der Tür Aufstellung, während Leonie und Theresa Vater folgten.
»Was tust du da?«, fragte Leonie verwirrt. »Glaubst du wirklich, dass jetzt der richtige Moment...«
Ihr Vater brachte sie mit einer unwilligen Geste zum Schweigen. »Ich suche einen Weg hier raus.«
»Und du glaubst, der steht in diesem...« Leonie brach mitten im Satz ab. Ihre Augen weiteten sich ungläubig. »Wie hatte sie nur so dumm sein können?! ... Buch«, murmelte sie.
Ihr Vater reagierte nicht, sondern zog einen schweren schwarzgoldenen Füller aus der Jacke und schraubte scheinbar in aller Gelassenheit die Kappe ab.
»Das Buch...«, murmelte sie. »Ist es also... doch das? Ist... ist es das Buch, das der Archivar von uns haben wollte?«
»Nicht jetzt«, antwortete ihr Vater unwillig. Er sah sie nicht an, sondern blickte mit einem Ausdruck höchster Konzentration auf das aufgeschlagene Buch vor sich. »Bitte, Leonie! Du kannst mir später Vorwürfe machen, aber jetzt müssen wir einen Weg hier raus finden.«
»Das wäre nicht nötig, wenn du diesen Irrsinn erst gar nicht angefangen hättest«, bemerkte Theresa spitz. Fast zu Leonies Überraschung reagierte ihr Vater nur mit einem kurzen eisigen Blick in ihre Richtung, bevor er sich wieder über das Buch beugte. Der Stift senkte sich auf die eng beschriebenen, vergilbten Seiten und hob sich dann wieder, ohne sie berührt zu haben.
»Tu es nicht«, sagte Theresa beinahe flehend. »Es ist doch wirklich schon genug Schaden angerichtet worden, oder etwa nicht?«
Leonies Vater sah noch einmal auf und bedachte sie mit einem langen, schwer zu deutenden Blick. »Willst du sterben?«, fragte er ganz ruhig.
Noch bevor Theresa antworten konnte, erklang draußen auf dem Gang ein warnender Schrei und unmittelbar danach wieder das Klirren von Waffen. Vater schüttelte den Kopf, seufzte tief und machte einen raschen Federstrich, und Theresa zuckte zusammen und hob die linke Hand an die Wange, dorthin wo sie der Steinsplitter getroffen hatte. Ihre Haut war unversehrt, aber es war ein kleines Wunder, dass das winzige Geschoss sie nicht ernsthaft verletzt hatte. Die Sache hätte - wortwörtlich - ins Auge gehen können. Seltsamerweise lächelte Vater zufrieden, obwohl Leonie der Grund dafür rätselhaft blieb.
Der Kampflärm nahm an Intensität zu und Theresa sah nervös zur Tür hin und machte dann einen Schritt zurück. Sie fuhr sich abermals mit der Hand über die Wange, rieb die Finger aneinander und betrachtete sie nachdenklich.
Leonie beugte sich mit klopfendem Herzen vor und versuchte einen Blick auf die aufgeschlagenen Seiten des Buches zu werfen, was ihr auch gelang - aber sie konnte die winzige, verschnörkelte Handschrift trotzdem nicht entziffern.
»Also... stimmt es tatsächlich«, murmelte sie stockend und immer noch wie unter Schock. »Das... das ist das Buch, nicht wahr? Das Buch, das der Archivar von mir wollte!«