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Theresa nickte zögernd. Ebenso wie Leonie blickte sie nervös auf das Buch auf dem Schreibtisch und - zumindest kam es Leonie so vor - noch deutlich nervöser auf den schweren, altmodischen Füllfederhalter, den ihr Vater in der Hand hielt, aber sie sagte nichts, sondern gab Leonie mit einem verstohlenen Wink zu verstehen, dass sie ihr folgen sollte, und zog sich dann ein paar Schritte zurück; ganz bestimmt nicht rein zufällig gerade weit genug, dass Vater sie nicht mehr verstehen konnte, als sie mit gesenkter Stimme antwortete.

»Ja. Das ist es. Das ist...«, Leonie hatte das sichere Gefühl, dass sie etwas Bestimmtes sagen wollte und sich im allerletzten Moment eines Besseren besann, wodurch sie für einen winzigen Augenblick ins Stocken geriet, »... das Buch deiner Großmutter.«

Es dauerte einen Moment, bis Leonie überhaupt begriff, was Theresas Antwort wirklich bedeutete. »Moment mal«, sagte sie. »Soll das heißen, dass dieses... dass dieses Buch das Leben meiner Großmutter verkörpert?«

»So könnte man es ausdrücken«, meinte Theresa. Sie wirkte bedrückt. »Das Buch, in dem das Leben deiner Großmutter aufgezeichnet ist.«

»Das ist das Buch, das der Archivar von mir haben wollte?«, vergewisserte sich Leonie. »Weswegen er uns in diese Falle gelockt und dich um ein Haar umgebracht hätte?«

Theresa nickte.

»Aber warum?«, fragte Leonie verstört. »Es... es ist doch nur ein Buch. Und er hat Millionen davon. Milliarden sogar.«

»So einfach ist das leider nicht«, erwiderte Theresa.

»Dann erklär es mir«, verlangte Leonie.

Theresa warf einen beunruhigten Blick zur Tür hin, bevor sie antwortete. Der Kampflärm war mittlerweile deutlich näher gekommen. Leonie dachte kurz an die gewaltige Masse von Kriegern zurück, die sie unten in der Halle gesehen hatte, und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste nicht, wie viele Männer Hendrik und ihr Vater zu ihrer Unterstützung mitgebracht hatten, aber ganz egal, wie viele es waren, es waren auf keinen Fall genug. Hendrik würde die Krieger des Archivars allenfalls ein paar Minuten aufhalten können, und auch das nur mit viel Glück.

»Das ist nicht so einfach«, sagte Theresa noch einmal. Sie sah nervös (oder ängstlich?) zu Vater hin. »Es spielt im Grunde keine Rolle, ob er ein Buch hat oder alle, verstehst du?«

»Sicher«, erwiderte Leonie und schüttelte heftig den Kopf.

Theresa lächelte flüchtig. »Ja. Ich habe auch lange gebraucht, um es zu verstehen. Und um ehrlich zu sein, bin ich bis heute nicht sicher, dass ich es wirklich verstanden habe.« Sie hob unglücklich die Schultern. »Vielleicht können wir es nicht verstehen... jedenfalls gibt es im Grunde nur ein einziges Buch.«

»Unsinn«, widersprach Leonie. »Du musst dich täuschen. Ich habe den Schreibsaal mit eigenen Augen gesehen! Allein dort waren es Tausende von Büchern! Und noch unendlich viel mehr standen oben in den Regalen!«

»Und trotzdem ist es immer dasselbe«, beharrte Theresa. »Versuche nicht es zu verstehen. Es ist eben so.«

Leonie versuchte es trotzdem - aber das einzige Ergebnis war, dass sich ihre Verwirrung noch steigerte. Unsicher sah sie zu ihrem Vater hin. Er saß scheinbar vollkommen reglos über das Buch gebeugt da, und auf seinem Gesicht lag nicht nur ein Ausdruck höchster Konzentration, sondern auch ein Netz feiner, glitzernder Schweißperlen. Die Hand, die den Füller hielt, zitterte sichtlich, und allein in den wenigen Augenblicken, die Leonie ihn ansah, senkte er die Spitze des Schreibgerätes drei- oder viermal auf das Buch hinab und zog sie dann wieder zurück, ohne irgendetwas geschrieben zu haben. Wenn Leonie ihren Vater jemals nervös gesehen hatte, dann jetzt.

»Es muss doch irgendeinen Ausgang geben«, sagte sie in fast verzweifeltem Ton.

»Keinen, den wir nehmen könnten«, antwortete Theresa. Sie versuchte aufmunternd zu lächeln, aber es geriet eher zur Grimasse.

Ein gellender Schrei drang vom Gang herein. Leonie fuhr erschrocken herum und auch der Kopf ihres Vaters flog mit einem Ruck in den Nacken. Einen Moment später erscholl ein zweiter, noch gellenderer Schrei, und aus dem Ausdruck von Sorge auf dem Gesicht ihres Vaters wurde etwas, von dem sich Leonie weigerte, es als das zu erkennen, was es ganz zweifelsfrei war - Verzweiflung -, weil dieses Eingeständnis ihre eigene Angst noch mehr geschürt hätte.

»Es... es muss einfach einen Ausgang geben«, murmelte sie. »Ich habe es schon einmal geschafft.« Immer verzweifelter sah sie sich um.

Und dann war die Tür da, von einem Lidschlag auf den anderen, genau wie damals, als sie zusammen mit ihren Eltern in der Zelle gesessen hatte: eine schmale holzverkleidete Tür, die in der dunklen Holzvertäfelung der Wände nur auffiel, wenn man wirklich ganz genau hinsah. Leonie sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und deutete auf die Tür, aber Theresas Reaktion fiel vollkommen anders aus, als sie erwartet hatte: Die junge Frau lächelte nur traurig und machte eine Geste in die entsprechende Richtung, die irgendwie resigniert wirkte. Leonie sah sie noch einen Moment lang verwirrt an, aber dann ging sie mit raschen Schritten hin und riss die Tür auf.

Dahinter lag eine massive Wand aus dunkelroten Ziegeln.

»Spar dir die Mühe«, sagte Theresa traurig. »Und wenn du noch hundert Ausgänge finden würdest - auf diese Weise kommen wir hier bestimmt nicht raus.«

»Aber wieso?« Leonie trat einen Schritt zurück und musterte hilflos die dunkelbraune, fugenlos vertäfelte Wand vor sich. »Du hast doch selbst gesagt, dass wir...«

»Ich weiß, was ich gesagt habe«, unterbrach sie Theresa. »Aber wir sind hier in seinem ureigensten Reich. Du und ich, wir können die Wirklichkeit zwar erkennen, aber nur er kann sie verändern. Wenigstens hier.«

Wieder wehte ein Schrei vom Gang herein, gefolgt von einem dumpfen Krachen und einem Brüllen, das ganz bestimmt nicht aus einer menschlichen Kehle stammte, und nur einen Augenblick später taumelte ein blutüberströmter Soldat der Stadtgarde herein und brach nach wenigen Schritten zusammen. Schon im nächsten Moment folgte ihm Hendrik. Er bot einen kaum besseren Anblick als der Krieger vor ihm und er war nun so erschöpft, dass er nur zwei oder drei Schritte weit taumeln konnte, ehe er kraftlos gegen die Wand sank.

»Sie brechen durch«, keuchte er. »Wir können sie nicht aufhalten. Es sind einfach zu viele.«

Leonies Vater sah nur für eine halbe Sekunde auf und senkte den Blick dann wieder auf die eng beschriebenen Seiten des Buches vor sich. Seine Hand zitterte, als er die goldene Spitze des Füllfederhalters ansetzte und dann mit einer plötzlich entschlossenen Bewegung etwas durchzustreichen und neu zu schreiben begann.

Nervös sah Leonie auf die Stelle, wo vor einem Moment die Tür erschienen und kurz darauf wieder verschwunden war. Und dann fuhr sie so heftig zusammen, dass Theresa ihr einen raschen alarmierten Blick zuwarf.

»Wieso kann ich mich daran erinnern?«, fragte sie. »Wenn er die Wirklichkeit verändern kann, wieso weiß ich dann, dass dort gerade eine Tür war und jetzt nicht mehr?«

Theresa lächelte. Aus irgendeinem Grund schien sie die Frage zu freuen. »Weil du die Gabe hast«, sagte sie in beinahe stolzem Tonfall.

»Aber bisher...«

»... war sie noch nicht vollkommen in dir erwacht«, unterbrach sie Theresa. »Aber bald ist es so weit. Nicht mehr lange und sie wird dir vollkommen zur Verfügung stehen.«

Wenn wir dann noch am Leben sind, dachte Leonie schaudernd. Das kurze Gespräch mit Theresa hatte nur wenige Sekunden gedauerte; dennoch hatte diese winzige Zeitspanne gereicht, um die Situation an der Tür dramatisch zu verändern. Hendrik hatte sich zumindest weit genug erholt, um sich zu Vaters Schreibtisch zu schleppen, und hinter ihm drängten weitere Kämpfer der Stadtgarde herein. Die Männer waren ausnahmslos verletzt, einige von ihnen so schwer, dass sie kaum noch gehen konnten. Hinter ihnen versuchten riesenhafte Gestalten sich hereinzudrängen, die aber von den Gardisten zurückgetrieben wurden.