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Aber wie lange noch?, dachte Leonie schaudernd. Selbst wenn sie die Verwundeten mitzählte, blieben Hendrik vielleicht noch zwölf oder fünfzehn Männer; so gut wie nichts gegen die gewaltige Armee, über die der Archivar gebot.

»Haltet sie auf«, rief Vater. »Nur noch einen Augenblick. Ich bin gleich so weit.« Er sah nicht einmal hoch, sondern fuhr fort, mit dem schweren Füllfederhalter in dem aufgeschlagenen Buch zu schreiben.

»Ich hoffe, er weiß, was er tut«, murmelte Theresa gepresst. »Ein Fehler und alles ist aus.«

»Hast du nicht gerade gesagt, dass wir hier sowieso nicht mehr rauskommen?«, fragte Leonie.

»Wir?« Theresa schien im ersten Moment nicht zu wissen, wovon Leonie sprach. Dann schüttelte sie den Kopf. »Das habe ich nicht gemeint«, sagte sie düster.

Leonie verzichtete darauf, nachzubohren, aber sie wäre wohl auch gar nicht dazu gekommen. Das Handgemenge an der Tür hörte für einen Moment auf, aber nur um schon im nächsten Augenblick erneut und mit doppelter Wucht loszubrechen. Genau wie bei dem Hinterhalt im Gang war es vermutlich nur die schmale Tür, welche die Hand voll Verteidiger davor bewahrte, schlichtweg überrannt zu werden. Zwei, drei gewaltige Krieger versuchten einzudringen und spießten sich selbst an den Hellebarden der Verteidiger auf, wodurch sie ihren nachdrängenden Kameraden gleichzeitig den Weg versperrten, und hätten die Gardisten gegen menschliche Gegner gekämpft, hätten sie sich auf diese Weise vielleicht sogar noch eine Weile halten können.

Aber ihre Gegner waren keine Menschen, und so wenig, wie sie Gnade oder Mitleid kannten, kannten sie Furcht oder auch nur Rücksicht sich selbst gegenüber. Es gelang den Gardisten, zwei oder drei Aufseher zurück in den Gang zu schleudern, und fast schien es, als hätte das Schicksal der riesigen Geschöpfe den Kampfeswillen ihrer Kameraden draußen gebrochen, doch dann warf sich eine weitere gepanzerte Kreatur mit ausgebreiteten Armen und einem gewaltigen Brüllen durch die Tür herein. Wie ihre Vorgänger wurde auch sie von den drohend vorgereckten Spitzen der Hellebarden empfangen und spießte sich selbst daran auf, aber die ungestüme Wut ihres Angriffs schleuderte auch zwei oder drei Verteidiger zu Boden. Vielleicht für eine Sekunde oder weniger gerieten ihre Reihen ins Wanken, und diese winzige Zeitspanne reichte, um den Kampf endgültig zu entscheiden. Ein weiterer Aufseher drängte herein, dann noch einer und noch einer. Auch sie teilten das Schicksal ihres Vorgängers und rannten offenen Auges in ihr Verderben, aber ihr selbstmörderisches Opfer zerbrach den Verteidigungsring endgültig. Vier, fünf, sechs, schließlich ein Dutzend Krieger stürmten herein und trieben die Verteidiger erbarmungslos und so schnell zurück, dass es nicht einmal zu einem echten Kampf kam. Hendriks Männer vermochten dem Vormarsch der gepanzerten Ungeheuer vielleicht ein wenig von seinem Schwung zu nehmen, aber nicht ihn wirklich aufzuhalten. Die Männer der Stadtgarde wurden regelrecht niedergerannt.

Auch Leonie fühlte sich roh gepackt und herumgerissen, aber es war nur Hendrik, der Theresa und sie in Richtung Schreibtisch stieß, sich aber auch zugleich schützend vor sie stellte und mit einer entschlossenen Bewegung sein Schwert hob, um sie vor den heranrückenden Kriegern zu verteidigen. Es war allenfalls eine symbolische Geste. Es kam Leonie diesmal nicht nur so vor: Sie sah ganz deutlich, dass Hendrik all seine Kraft brauchte, um das schwere Claymore auch nur zu heben.

Die Situation war so absurd, dass sie nicht einmal richtig erschrak. Was sie erlebte konnte einfach nicht wahr sein. Großer Gott - sie war ein junges, modernes Mädchen, das am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts lebte und mit Dingen wie DVD-Recordern, Internet und computergesteuerten, vollautomatischen Küchen aufgewachsen war, und ihre unheimlichste Begegnung vor diesem Abenteuer war die mit den Kochkünsten ihrer Tante gewesen, die sie gottlob nur alle paar Jahre einmal besuchte - und jetzt sollte sie von einem Ungeheuer, das geradewegs einem Film von Steven Spielberg entsprungen sein konnte, mit einem Schwert erschlagen werden? Das war lächerlich!

Unglückseligerweise war es nicht nur lächerlich, sondern auch wahr. Hendrik hatte sie zusammen mit Theresa so dicht gegen den Schreibtisch gedrängt, dass sie die harte Kante in den Nieren spüren konnte, und sich zusammen mit den zwei oder drei Männern der Stadtgarde, die als einzige noch auf den Beinen standen, schützend vor ihnen aufgebaut. Und noch während Leonie versuchte zu begreifen, was sie sah, rollte eine neue Welle der unheimlichen Angreifer heran. Erst einer, dann der zweite und schließlich der dritte Soldat fielen unter der ungestümen Wut der Ungeheuer, und dann war es nur noch Hendrik, der zwischen ihnen und dem sicheren Tod stand. Theresa schrie auf, während Leonie selbst stumm und wie gelähmt dastand und den riesigen gepanzerten Kreaturen entgegenblickte, als reiche es, die Gefahr einfach nur zu verleugnen, um ihr zu entgehen.

Auf eine sonderbare Art distanziert, als erlebe sie das alles nicht wirklich, sondern nur im Traum, beobachtete sie, wie Hendrik sein Schwert hochriss und ein riesiger Aufseher ihm die Waffe bereits mit dem ersten Hieb aus der Hand schleuderte; sie flog davon und Hendrik taumelte, von der schieren Wucht des Schlages getrieben, rückwärts gegen Theresa und riss sie mit sich zu Boden. Ein zweiter Aufseher stürmte heran und zog seine Waffe, um zu Ende zu bringen, was sein Kamerad begonnen hatte, und dann, im allerletzten Moment, war es ihr, als wäre die Zeit stehen geblieben: Das halbe Dutzend gigantischer, in schwarzes Eisen und reißende Stacheln gehüllter Gestalten, das sie umgab, erstarrte mitten in der Bewegung, und für einen winzigen, aber spürbaren Moment wurde es fast unheimlich still.

Jeder Laut erlosch. Selbst ihr Herzschlag schien für einen Augenblick auszusetzen; der einzige noch hörbare Laut war ein sonderbar helles, hektisches Kratzen, wie von Metall, das über raues Papier glitt.

Und dann geschah etwas, das ihr im allerersten Moment noch viel unglaublicher vorkam: Statt zu Ende zu bringen, wozu sie gekommen waren, senkten die monströsen Angreifer mit einem Mal ihre Waffen und zogen sich langsam ein paar Schritte zurück. Unmittelbar vor der Tür bildete sich eine Lücke in ihrem bisher undurchdringlichen Kreis, durch die eine hoch gewachsene Gestalt in einem schwarzen Kapuzenmantel schritt.

Ganz langsam kam der Archivar auf sie zu. Leonie konnte sein Gesicht unter der schwarzen Kapuze jetzt genauso wenig wie zuvor erkennen, spürte nur wieder die Berührung seines Blickes wie die einer rauen Hand und wie immer krümmte sich etwas in ihr unter der bloßen Nähe dieses... Dinges. Wenn sie jemals daran gezweifelt haben sollte, so war sie nun sicher, keinem Geschöpf Gottes gegenüberzustehen, keinem wie auch immer gearteten Wesen, das in dieser oder irgendeiner anderen vorstellbaren Welt lebte. Die Kreatur kam ihr so nahe, dass sie sie mit dem ausgestreckten Arm hätte berühren können, und erneut wehte ein körperloser, eisiger Hauch zu Leonie herüber, so fremdartig und böse, dass sie ein leises, angsterfülltes Wimmern nicht unterdrücken konnte.

DAS BUCH.

»Aber ich weiß doch nicht, was du meinst«, schluchzte sie leise.

Aber das stimmte nicht. Spätestens Theresas Worte hatten ihr klar gemacht, dass sie es in Wahrheit die ganze Zeit über gewusst hatte - so wie der Archivar vom ersten Augenblick an in ihren Gedanken gelesen hatte. Irgendetwas in ihr hatte lediglich mit Erfolg verhindert, dass dieses Wissen tatsächlich in ihr Bewusstsein drang, aber nun, einmal ausgesprochen, konnte sie es nicht mehr verleugnen. Es war das Buch ihrer Großmutter, das dieses Ungeheuer von ihr verlangte, das Buch, das sie in Vaters Safe gesehen hatte und das nun aufgeschlagen auf dem Schreibtisch hinter ihr lag. Zitternd und so mühsam, als koste sie diese winzige Bewegung alle Kraft, die sie aufbringen konnte, drehte sie sich um und sah ihren Vater an.