Выбрать главу

Er hatte aufgehört zu schreiben und blickte mit vollkommen unbewegtem Gesicht zu der unheimlichen Erscheinung hoch. Als er Leonies Bewegung registrierte, löste er seinen Blick für einen winzigen Moment von dem unsichtbaren Gesicht unter der Kapuze, um ihr zuzulächeln, wandte sich dann aber sofort wieder dem Archivar zu.

DAS BUCH.

Die Worte hämmerten mit solcher Wucht in ihren Gedanken, dass Leonie taumelte und gestürzt wäre, hätte sie sich nicht instinktiv an der Schreibtischkante festgehalten. Ihre Knie zitterten und sie spürte, wie die Kraft immer schneller und schneller aus ihrem Körper wich, fast als reiche die bloße Nähe des unheimlichen Geschöpfes, um ihr jegliche Kraft zu rauben. Ihre Angst hatte eine Qualität erreicht, für die sie nicht einmal Worte fand, denn wenn es überhaupt etwas gab, was sie mit Sicherheit über diese schreckliche Kreatur in ihrem schwarzen Mantel sagen konnte, dann dass das, was sie ihr antun würde, tausendmal schlimmer sein musste als der Tod.

»Lass sie in Ruhe«, sagte ihr Vater ruhig. Er stand auf. Der Archivar wandte sich langsam in seine Richtung, aber seine fordernd ausgestreckte Hand wies nach wie vor auf Leonie.

DAS BUCH.

»Sie kann es dir nicht geben, weil es mir gehört«, erklärte ihr Vater. »Also lass sie in Ruhe! Das hier ist eine Sache zwischen uns.«

Er setzte sich wieder. Seine Hand, die noch immer den altmodischen Füller hielt, senkte sich auf die aufgeschlagene Seite, und Leonie schob es auf die Panik, die in ihren Gedanken tobte, dass sie den Eindruck hatte, den Archivar fast erschrocken zusammenfahren zu sehen. Es musste ein Irrtum sein. Es gab nichts in diesem Universum, was dieser monströsen Erscheinung Angst machen konnte.

»Keine Angst«, sagte ihr Vater, leise, in verändertem Ton und nunmehr ganz an sie gewandt. »Er wird dir nichts tun. Er braucht dich.«

Der Archivar starrte sie an. Noch einmal - zum letzten Mal - erklang seine unmenschliche, fordernde Stimme in ihren Gedanken, dann wich er, rückwärts gehend, bis zur Tür zurück und hob den Arm.

Der Befehl galt seinen Kriegern. Derjenige, der Hendrik niedergeschlagen hatte, setzte einen gewaltigen, in einem schweren eisernen Stiefel steckenden Fuß auf Hendriks Brust um ihn niederzuhalten. Ein zweiter packte Theresa und riss sie so brutal in die Höhe, dass sie einen kleinen Schmerzensschrei ausstieß, während sich ein drittes Geschöpf unmittelbar vor Leonie aufbaute und eine knappe, aber drohende Handbewegung machte, an deren Bedeutung es keinen Zweifel gab. Die übrigen Krieger gingen langsam um den Schreibtisch herum und auf ihren Vater zu. Sie machten sich nicht die Mühe, ihre Waffen zu ziehen - wozu auch? Jedes einzelne der unheimlichen Geschöpfe war weit über zwei Meter groß, hatte die Schulterbreite eines Riesen und Hände, die aussahen, als könnten sie damit so mühelos Zaunpfähle zerbrechen, wie Leonie ein Streichholz umgeknickt hätte. Ihr Vater sah ihnen ruhig entgegen, und gerade als der erste Aufseher die Hand nach ihm ausstreckte um ihn zu packen, machte er einen blitzschnellen Federstrich.

Die Wand hinter Leonies Vater teilte sich und spie ein halbes Dutzend Armbrustschützen aus. Noch bevor das gepanzerte Ungeheuer seine Bewegung auch nur halb zu Ende bringen konnte, feuerten sie ihre Waffen ab, und der Koloss taumelte, von drei oder vier eisernen Armbrustbolzen zugleich getroffen, zurück und riss ein paar seiner Kameraden mit sich zu Boden. Die, die ihm entgingen, wurden von den restlichen Armbrustschützen getroffen und stürzten ebenfalls.

Und in der gleichen Sekunde verwandelte sich die Kammer in ein Tollhaus. Plötzlich waren überall Türen, die krachend aufsprangen oder gleich in Stücke gerissen wurden, und Dutzende von Männern in den weiß-rot gestreiften Hemden, schimmernden Brustharnischen und Helmen der Stadtgarde stürmten herein. Sie bewegten sich unglaublich schnell, und obwohl Leonie viel zu überrascht und verwirrt war, um wirklich Einzelheiten zu erkennen, hatte sie doch das Gefühl, dass diese Männer weit größer und muskulöser waren als die, die Hendrik begleitet hatten, und den Aufsehern in Kraft und Wildheit keineswegs nachstanden.

Schwerter und Hellebarden blitzten, Armbrustbolzen und Pfeile flogen und binnen weniger Augenblicke waren die Krieger des Archivars niedergemacht; einschließlich derer, die Hendrik und Theresa festhielten.

Auch an Leonies Ohr zischten gleich drei Pfeile vorbei (einer davon tatsächlich so dicht, dass sie die Berührung seiner Federn spüren konnte!), die sich knirschend durch die Rüstung des Aufsehers neben ihr bohrten und das gigantische Geschöpf zurücktaumeln ließen. Aus einem blinden Reflex heraus schlug die Bestie noch im Zusammenbrechen nach ihr. Leonie reagierte blitzartig, duckte sich unter dem Hieb, der ihr vermutlich den Kopf von den Schultern gefegt hätte, und wollte herumfahren, aber Hendrik packte sie noch in der Bewegung am Arm und riss sie so grob zu Boden, dass sie vor Schmerz keuchte. Sie wollte sich losreißen, doch Hendrik zerrte sie im Gegenteil mit noch größerer Kraft mit sich, griff mit der anderen Hand nach Theresa und stieß sie beide unsanft in eine Ecke des Raumes, um mit gespreizten Beinen und abwehrbereit erhobenen Armen vor ihnen Aufstellung zu nehmen.

Aber es gab nichts mehr, wovor er sie hätte schützen müssen. Der Kampf war noch nicht vorbei, denn auf der anderen Seite des Zimmers waren plötzlich neue und größere Türen aus dem Nichts entstanden, durch die Krieger des Archivars hereinstürmten, doch man musste keine große Erfahrung in solchen Dingen haben um zu sehen, wie aussichtslos der Angriff war. Für jeden Aufseher und Redigator, der hereinkam, tauchten drei, vier, fünf Männer der Stadtwache auf, und Leonie sah nun, dass sie sich nicht getäuscht hatte: Jeder einzelne dieser mittelalterlich anmutenden Soldaten war ein wahrer Riese, gegen den selbst Hendrik schmächtig und klein wirkte.

Die Krieger des Archivars fielen beinahe so schnell, wie sie hereinstürmten, und nicht einer kam auch nur in Theresas und ihre Nähe. Obwohl sie ununterbrochen Nachschub erhielten, wurden sie doch unbarmherzig zurückgetrieben, sodass sich der Kampf rasch auf den Bereich vor der Tür verlagerte und es nicht einmal eine Minute dauerte, bis die ersten Männer der Stadtgarde hinaus auf den Gang drängten, um die Angreifer weiter zurückzuschlagen.

Ungläubig sah Leonie zu ihrem Vater hin. Er saß in fast lässiger Haltung hinter dem gewaltigen Schreibtisch und beobachtete die bizarre Schlacht mit einer Miene, deren Ausdruck zwischen Verachtung und höchster Aufmerksamkeit schwankte. Irgendwann senkte er seinen Stift auf das Buch und schien wieder etwas durchzustreichen oder hinzuzufügen; Leonie war viel zu weit entfernt und viel zu aufgeregt um sagen zu können, ob er tatsächlich schrieb oder es ihr nur so vorkam.

»Großer Gott, nein!«, murmelte Theresa. »Leonie, mach bitte, dass er aufhört. Weiß er nicht, was er da anrichtet?«

»Immerhin hat er uns das Leben gerettet«, sagte Hendrik, aber Theresa sah ihn nur auf eine Art an, die Leonie einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ.

»Da wäre ich nicht so sicher«, erwiderte sie.

Leonie sah abwechselnd Theresa und ihren Vater mit wachsender Verwirrung an. Sie verstand nicht wirklich, wovon Theresa sprach, aber ihre Worte berührten doch etwas in ihr, das sie erneut schaudern ließ; als wäre tief in ihr ein geheimes Wissen, das ihr trotz allem noch immer verborgen blieb, dessen Bedeutung und Tragweite sie aber dennoch spürte. Zögernd blickte sie wieder zum Ausgang hin. Der Kampf tobte noch immer mit unverminderter Wucht, das hörte sie jetzt mehr, als sie es sah - nur hier und da wehrten sich noch einige Aufseher erbittert gegen die immer größer werdende Übermacht und auch an ihrem Schicksal gab es keinen Zweifel. Der Großteil der so scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Krieger jedoch hatte die Kammer bereits verlassen, und so gewaltig der Kampflärm draußen auch war, so schnell entfernte er sich zugleich. Die Krieger des Archivars wehrten sich erbittert, aber sie wurden offensichtlich sehr schnell zurückgedrängt.