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Fragend sah sie Hendrik an, und als er ihren Blick mit einem angedeuteten Nicken beantwortete, ging sie an ihm vorbei und trat zu ihrem Vater hin. Auf halbem Wege wurde sie von Theresa überholt, die heftig mit beiden Armen gestikulierte und ganz so aussah, als könne sie sich nur mit Mühe beherrschen, sich nicht einfach auf Vater zu stürzen und ihm den Stift zu entreißen.

»Was tust du da?«, fragte sie. »Das darfst du nicht! Du weißt nicht, was du anrichtest! Du...«

»Nicht jetzt«, schnitt ihr Vater das Wort ab. »Bitte, Theresa. Was immer du mir zu sagen hast - tu es später.«

»Später ist es zu spät«, antwortete Theresa erregt. Sie machte tatsächlich Anstalten, nach dem Buch zu greifen, aber Leonies Vater streckte rasch die Hand aus und hielt ihren Arm mit stählernem Griff fest.

»Nicht jetzt, habe ich gesagt!«, sagte er eisig.

»Aber...«

»Hendrik!« Leonies Vater machte eine entsprechende Geste mit der freien Hand. »Das hier ist nicht der richtige Ort für zwei junge Frauen. Bitte bring meine Tochter und unseren Gast dorthin, wo sie in Sicherheit sind.«

»Ich bitte dich, hör auf!«, flehte Theresa. Sie versuchte sich loszureißen, aber Leonies Vater schien die Bewegung nicht einmal zu spüren. Ohne die geringste Mühe hielt er sie fest, bis Hendrik, der nun plötzlich wieder so frisch und ausgeruht wirkte, als käme er gerade aus einem Erholungsurlaub, hinter sie getreten war und ihr fast sanft die Hand auf die Schulter legte.

»Bitte sei vernünftig«, sagte er. »Ich möchte dir nicht wehtun.«

Theresa fuhr mit einer wütenden Bewegung herum und funkelte ihn an. »Aber ich wette, du würdest es, wenn du müsstest, wie?«, schnappte sie.

Hendriks Antwort bestand nur aus einem bedauernden Achselzucken, an dessen Bedeutung es aber keinen Zweifel geben konnte. Theresa funkelte ihn noch einen Moment lang herausfordernd an, dann jedoch konnte Leonie regelrecht sehen, wie alle Kraft aus ihr wich und sie innerlich aufgab. Widerstandslos trat sie zurück und folgte Hendrik, als er sie behutsam in Richtung Ausgang schob.

»Was bedeutet denn das nur?«, murmelte Leonie. Als ob sie es nicht gewusst hätte! Aber es war so wie mit dem Wissen um das Buch: Auch wenn sie es die ganze Zeit über geahnt hatte, so weigerte sie sich doch selbst jetzt noch, diese Ahnung zu der Gewissheit werden zu lassen, die sie im Grunde längst war. Dennoch fuhr sie fort: »Bitte, Vater! Ich...«

»Nicht jetzt«, unterbrach sie ihr Vater. Das Bedauern in seiner Stimme klang echt, doch sie sah auch die Entschlossenheit in seinem Blick, die ihr klar machte, wie sinnlos jedes weitere Wort wäre. »Hendrik wird euch in Sicherheit bringen. Hier ist es gefährlich. Unterschätze dieses Wesen nicht. Es wird nicht so schnell aufgeben.«

»So wenig wie du, wie?«, fragte Theresa böse. »Allmählich beginne ich mich zu fragen, vor wem wir mehr Angst haben sollten!«

Vater ignorierte sie. Er sah weiter abwechselnd das aufgeschlagene Buch vor sich und seine Tochter an und deutete dann auf Hendrik. »Bitte geh jetzt mit ihm. Ich werde dir später alles erklären und auch all deine Fragen beantworten. Aber jetzt ist einfach nicht der richtige Moment dazu.« Er schloss mit einem kurzen, aber eindeutigen Blick in Hendriks Gesicht und Leonie gab endgültig auf. Sie kannte ihren Vater gut genug um zu wissen, wie sinnlos jedes weitere Wort in diesem Augenblick gewesen wäre. Schweigend trat sie neben Hendrik und Theresa und ging zusammen mit ihnen aus dem Raum.

Auch draußen auf dem Gang war der Kampf vorbei. Überall lagen erschlagene Aufseher, Redigatoren und unterschiedlich große Gestalten in schwarzen Kapuzenmänteln, aber es dauerte einen Moment, bis Leonie auffiel, dass nicht einer der reglos daliegenden Körper das Weiß-Rot und Kupfer der Stadtgarde trug. So unglaublich das angesichts dessen schien, was sie selbst mit den monströsen Kriegern des Archivars erlebt hatte - der erbitterte Kampf hatte offensichtlich auf Seiten der Verteidiger nicht ein einziges Opfer gefordert!

Sie hatte erwartet, dass Hendrik sich nach links wenden würde, fort von der Richtung, in die sich die Schlacht verlagert hatte, aber zu ihrer Überraschung deutete er nach rechts, von wo noch immer das Klirren von Waffen und das wütende Getöse des Kampfes an ihr Ohr drang. Auch Theresa wirkte überrascht, doch sie zuckte nur leicht mit den Achseln und setzte sich dann gehorsam in Bewegung.

Sie kamen an weiteren erschlagenen und sterbenden Kriegern des Archivars vorbei, und kurz bevor sie auf die Galerie hinaustraten, musste Hendrik einige der riesigen Körper mühsam zur Seite räumen, damit Theresa und sie nicht gezwungen waren, über sie hinwegzuklettern; hier schien der Widerstand besonders heftig gewesen zu sein.

Hendrik deutete nach links, doch Theresa wandte sich mit einem demonstrativen Ruck in die entgegengesetzte Richtung und trat an die Brüstung heran. Bevor Leonie ihr folgte, sah sie sich rasch und aufmerksam um und das gespenstische Bild wiederholte sich: Auch hier lagen Dutzende, wenn nicht Hunderte erschlagener Krieger des Archivars, doch sie gewahrte nicht einen einzigen von Hendriks Männern. So erleichtert Leonie auch war, dass der Kampf offensichtlich keine Menschenleben gefordert hatte, so wenig verstand sie zugleich, was sie erblickte: Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wozu diese Kolosse fähig waren und wie gnaden- und rücksichtslos sie kämpften. Es war einfach unvorstellbar, dass nicht ein einziger von Hendriks Männern gefallen oder zumindest verwundet sein sollte. Dann trat sie neben Theresa an die Brüstung und vergaß den unheimlichen Anblick sofort, denn das Bild, das sich ihr bot, als sie in die Halle hinabsah, war noch viel entsetzlicher.

Unter ihnen wogte eine erbitterte Schlacht. Dort mussten Hunderte und Aberhunderte riesiger, gepanzerter und in stachelbewehrtes schwarzes Eisen gehüllter Gestalten sein, die sich gegen eine mindestens ebenso große Anzahl von Männern der Stadtgarde verteidigten, die erbarmungslos auf sie losgingen. Der Kampf ging so schnell hin und her, dass es Leonie im ersten Moment nicht nur schwer fiel, Freund und Feind auseinander zu halten - obwohl sich die Männer der Stadtwache in ihren bunten Uniformen und kupferfarben schimmernden Harnischen und Helmen deutlich von den ausnahmslos in Schwarz gekleideten Kriegern des Archivars abhoben -, sondern sie auch nicht sagen konnte, wer in dieser verbissenen Schlacht die Oberhand gewann.

Und obwohl der Anblick sie mit blankem Entsetzen erfüllte, zwang sie sich, noch einmal und genauer hinzusehen, und was sie sah, schien der Beweis für das unheimliche Gefühl zu sein, das sie hier drinnen und auch schon draußen im Gang gehabt hatte: Der Kampf wurde auf beiden Seiten mit gnadenloser Härte geführt, wobei weder die menschlichen Angreifer noch die unheimlichen Verteidiger Rücksicht auf sich selbst oder gar ihre Gegner zu nehmen schienen, und doch waren es ausnahmslos die Krieger des Archivars, die fielen. Leonie beobachtete mehrere Male, wie Gardisten von Schwert- oder Keulenhieben getroffen oder auch einfach von einer der gigantischen Kreaturen angesprungen wurden, und doch stürzten sie allerhöchstem zu Boden, um sich sofort wieder aufzurichten, und meistens nicht einmal das. Hätte Leonie nicht gewusst, dass es vollkommen unmöglich war, sie hätte geschworen, dass die Männer, die ihr Vater zu Hilfe gerufen hatte, unverwundbar waren.

Aber waren Türen, die aus dem Nichts auftauchten, und Schächte im Boden, die einfach verschwanden, nicht ebenso unmöglich?

Das schreckliche und intensive Gefühl, angestarrt zu werden, riss Leonie aus ihren Gedanken.

Es war der Archivar. Er befand sich auf gleicher Höhe mit ihnen auf der Galerie, wenn auch auf der gegenüberliegenden Seite der Halle. Wie ein Feldherr, der sich zu einem erhöhten Aussichtspunkt begeben hatte, um den Verlauf der Schlacht zu beobachten, aber anders als Hendrik, Theresa und Leonie selbst, blickte er nicht nach unten, sondern starrte sie an. Über die große Entfernung hinweg war es noch viel aussichtsloser als sonst, sein Gesicht erkennen zu wollen, doch Leonie konnte auch jetzt seinen Blick wie eine unangenehme körperliche Berührung spüren. Und obwohl er nun so viel weiter entfernt war, kam es ihr erneut so vor, als pralle irgendetwas in ihr vor dieser Berührung zurück.