Neben ihr sog Theresa scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, und sie bemerkte aus den Augenwinkeln, dass sich auch Hendrik mit einem Ruck aufrichtete und anspannte. Seine Hand glitt ganz automatisch zum Schwert und schloss sich um den Griff der wuchtigen Waffe und Theresa wich ganz instinktiv einen halben Schritt von der steinernen Brüstung zurück.
»Wir sollten jetzt besser gehen«, sagte Hendrik. Theresa nickte nervös, während Leonie einfach dastand und die unheimliche Gestalt auf der anderen Seite der Halle weiter anstarrte. Es war sonderbar: Der Anblick machte ihr jetzt vielleicht mehr Angst denn je; ihr Herz hämmerte, ihre Knie zitterten, und ihr Mund fühlte sich plötzlich so trocken und ausgedörrt an, als hätte sie seit Tagen nichts mehr getrunken. Dennoch gelang es ihr jetzt zum allerersten Mal, dem Blick dieser schrecklichen, unsichtbaren Augen standzuhalten. Etwas hatte sich geändert. Sie wusste nicht, was es war, aber irgendetwas war anders als noch vor wenigen Minuten, als sie dem Archivar das letzte Mal gegenübergestanden hatte.
»Kommt!«, rief Hendrik. Er wandte sich nach links und machte zwei, drei Schritte, bevor ihm auffiel, dass weder Theresa noch Leonie sich auch nur von der Stelle rührten. Abrupt blieb er wieder stehen und drehte sich unwillig um. »Wir müssen weg!«, sagte er in drängendem Ton. »Ich weiß nicht, wie lange die Männer sie aufhalten können. Sie werden zurückkommen!«
»Das Gefühl habe ich eigentlich nicht«, antwortete Theresa. In ihrer Stimme war etwas, das Leonie dazu brachte, ihren Blick von der schwarzen Gestalt auf der anderen Seite der Halle zu lösen und zu Theresa hinzusehen. Das Gesicht der jungen Frau wirkte gefasst, fast ausdruckslos, aber es hatte nun auch noch das allerletzte bisschen Farbe verloren, und Leonie hätte gar nicht sehen müssen, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte und verkrampft dastand, um zu begreifen, wie es hinter dieser Maske aussah.
»Wie meinst du das?«, fragte Hendrik.
»Bist du blind?« Theresa trat wieder an die Brüstung heran und deutete mit einer erregten Handbewegung nach unten. »Siehst du nicht, was dort vor sich geht?«
Hendrik nickte wortlos.
»Das muss aufhören!«, rief Theresa erregt. »Das darf nicht geschehen! Wir müssen ihn aufhalten!«
»Das wird wohl kaum nötig sein«, sagte eine spöttische Stimme hinter ihnen. Theresa fuhr erschrocken herum und blickte einen Moment lang verdattert in das Gesicht von Leonies Vater, der - wieder einmal - vollkommen lautlos hinter ihnen aufgetaucht war. Er wurde von gleich vier Männern der Stadtwache flankiert und trug etwas Großes, Schwarzes unter dem linken Arm, das Leonie im ersten Moment für das Buch hielt, in dem er gerade geschrieben hatte, das aber irgendwie... falsch aussah. »Ich weiß dein Angebot zu schätzen«, fuhr er fort, »aber die Männer werden mit diesen Bestien fertig, keine Angst. Ich glaube nicht, dass sie es noch einmal schaffen, hier heraufzukommen.«
»Das habe ich nicht gemeint!«, schnappte Theresa.
»Ach?«, machte Leonies Vater spöttisch. Theresa wollte etwas darauf erwidern, aber er schnitt ihr mit einer herrischen Geste das Wort ab und drehte sich mit einer ebenso abrupten, zornig wirkenden Bewegung auf dem Absatz um und funkelte Hendrik an. »Hatte ich dir nicht befohlen sie wegzubringen?«
Hendrik schrumpfte unter seinem scharfen Ton sichtbar zusammen, und das - wie es Leonie vorkam - nicht nur im übertragenen Sinne. Zum allerersten Mal fiel ihr auf, dass ihr Vater tatsächlich ein gutes Stück größer war als der hoch gewachsene, breitschultrige Hendrik und eine Kraft und Selbstsicherheit ausstrahlte, vor der wohl jeder zu den Dimensionen eines Zwerges zusammengeschrumpft wäre. »Verzeihen Sie«, sagte Hendrik hastig. »Ich wollte nicht...«
»Es ist mir ziemlich gleich, was Sie wollten, Hendrik«, fiel ihm Vater ins Wort. »Das hier ist ein Schlachtfeld. Frauen haben hier nichts zu suchen. Und meine Tochter schon gar nicht. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
Hendrik nickte hastig und senkte den Blick, aber diese Antwort schien Leonies Vater nicht zu genügen. Über seinen Augenbrauen erschien ein tiefes, ärgerliches Stirnrunzeln. Ohne noch etwas zu sagen holte er das, was Leonie bisher für ein Buch gehalten hatte, unter dem linken Arm hervor und klappte es auf. Leonie erkannte endlich, was es wirklich war, und ihre Augen weiteten sich ungläubig und Theresa stieß einen kleinen, halb überraschten, halb aber auch eindeutig entsetzten Schrei aus.
»Nein!«, keuchte sie. »Das darfst du nicht! Du weißt ja nicht mehr entdecken.« Vielleicht hatte die Menschenmenge Hendrik auf dem Bahnsteig draußen einfach verschlungen, vielleicht hatte ihm auch diese für ihn unheimliche, fremde Umgebung so große Angst eingeflößt, dass er einfach auf dem Absatz kehrtgemacht und sein Heil in der Flucht gesucht hatte, kaum dass Leonie im Zug saß. Sie strengte noch einen Moment lang die Augen an, um ihn in der Menschenmenge draußen auf dem Bahnsteig doch noch irgendwo zu sehen, dann ließ sie sich mit einem resignierten Seufzen im Sitz zurücksinken.
Kaum hatte sich der ICE in Bewegung gesetzt, da ging auch schon die Abteiltür auf und der Schaffner trat ein, um ihren Fahrschein zu kontrollieren. Nachdem er ihn mit einer in der futuristischen Atmosphäre des Zuges geradezu antiquiert anmutenden Zange entwertet hatte, hob er noch einmal den Kopf und ließ seinen Blick demonstrativ über die anderen Sitze und das Display mit der Anzeige Reserviert schweifen.
»Ich sitze auf dem richtigen Platz«, sagte Leonie. »Ich habe reserviert - hier.« Sie wedelte mit ihrer Fahrkarte, aber der Schaffner beachtete sie nicht einmal.
»Ja, so könnte man es sagen«, antwortete er. »Aber genau genommen sind alle Plätze reserviert.«
»Ich verstehe kein Wort«, erwiderte Leonie. »Mein Vater hat die Fahrkarte für mich gekauft.«
»Hat er nicht«, antwortete der Schaffner, korrigierte sich aber dann sofort wieder: »Oder doch, genau genommen hat er alle Fahrkarten für dieses Abteil gekauft.«
»Wie bitte?«, ächzte Leonie.
»Er wollte wohl, dass du unterwegs deine Ruhe hast«, vermutete der Schaffner. »Na ja, das geht mich nichts an. Ich kontrolliere jetzt die anderen Abteile. Soll ich dir auf dem Rückweg etwas aus dem Speisewagen mitbringen? Ein Getränk vielleicht?«
Leonie lehnte dankend ab und der Schaffner hob enttäuscht die Schultern und ging. Leonie blieb völlig verwirrt zurück. Ihr Vater hatte gleich das ganze Abteil für sie reservieren lassen, nur damit sie ihre Ruhe hatte? Was sollte denn dieser Unsinn nun wieder? Ihr Vater war zwar niemand, der sich seines Wohlstandes schämte, aber so damit herumzuprotzen hatte auch noch nie zu seinen Eigenarten gehört. Leonie fand auf diese Frage ebenso wenig eine Antwort wie auf so viele andere, die sie sich in den letzten Tagen gestellt hatte. Schließlich schüttelte sie den Gedanken ab, zuckte demonstrativ mit den Schultern, obwohl sie allein im Abteil war, und wandte sich wieder dem Fenster zu.
Die Schule der Buchhändler
Sie musste wohl eingeschlafen sein, denn ihr nächster bewusster Eindruck war der wenig sanfte Ruck, mit dem der Zug zum Stehen kam, und ein leises, aber so schrilles metallisches Quietschen, dass es in den Ohren schmerzte. Noch absurder war die Assoziation, die dieses Geräusch in ihr wachrief: Das Erste, woran sie dachte, war die Klinge eines Schwertes, die an einer eisernen Rüstung abprallte und dabei Funken schlug, und das dumpfe an- und abschwellende Murmeln und Raunen, das von draußen hereindrang, wurde in ihren Ohren zum Getöse einer apokalyptischen Schlacht, die irgendwo nicht weit entfernt von ihr tobte. Und so bizarr und völlig verrückt diese Gedanken auch waren, machten sie ihr für einen Moment doch solche Angst, dass ihr Herz wie wild zu klopfen begann.