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Dann öffnete sie die Augen und die Wirklichkeit hatte sie wieder. Das Quietschen war nichts weiter als das Geräusch der eisernen Laufräder des Zuges, die auf den Schienen zum Stehen kamen, und das Murmeln und Raunen wurde wieder zu der normalen Geräuschkulisse eines großen Bahnhofes, in den der ICE eingefahren war. Leonie blinzelte ein paarmal, um sich vollends aus ihrem verrückten Albtraum zu lösen, fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und zwang sich dann ganz bewusst, ein paar Sekunden lang konzentriert aus dem Fenster des Abteils zu sehen. Draußen bewegte sich tatsächlich eine große Menschenmenge scheinbar ziellos hin und her, aber das Chaos, das sie beobachtete, gehörte nicht zu einer apokalyptischen Schlacht, sondern zum normalen mittäglichen Verkehr auf einem Bahnhof. Eine Lautsprecherstimme verriet ihr, dass es sich um den Hauptbahnhof in Frankfurt handelte, und Leonie schrak heftig zusammen, eine gute Sekunde, bevor auch ihr Erinnerungsvermögen weit genug erwacht war, um ihr den Grund für dieses Erschrecken zu nennen: Auf der Fahrkarte, die Hendrik ihr in die Hand gedrückt hatte, stand Frankfurt. Sie war am Ziel.

Hastig sprang sie auf und streckte die Hand nach oben, um im gleichen Moment noch einmal und weit heftiger zu erschrecken. Ihr Gepäck war nicht mehr da. Das schmale Fach über den gegenüberliegenden Sitzen war leer.

Gute zwei oder drei Sekunden lang stand Leonie einfach da und starrte das leere Gepäckfach verständnislos an, während die Erkenntnis dessen, was dieser Anblick bedeutete, nur langsam in ihr Bewusstsein sickerte. Jemand hatte ihr Gepäck gestohlen! Das war die einzige Erklärung. Sie war eingeschlafen (was erstaunlich genug war, normalerweise schlief sie nie während einer Reise) und irgendjemand war hereingekommen und hatte die Gelegenheit genutzt, um ihren Koffer mitgehen zu lassen.

Die Abteiltür ging auf und Leonie fuhr auf dem Absatz herum und sagte noch in der Bewegung: »Mein Gepäck ist...«

»... schon draußen auf dem Bahnsteig«, führte der Schaffner den Satz für sie zu Ende. Sein rundliches Gesicht verzog sich zu einem gutmütig-verständnisvollen Lächeln. »Ich war vor zehn Minuten schon einmal hier um dir Bescheid zu sagen. Aber du hast so friedlich geschlafen, dass ich dich nicht wecken wollte. Ich habe dein Gepäck schon nach draußen bringen lassen.« Er machte eine Handbewegung auf den Bahnsteig hinter dem Fenster. »Jetzt solltest du dich aber allmählich beeilen. Wir haben nur fünf Minuten Aufenthalt. Und der nächste Stopp ist erst kurz vor Köln.«

»Geschlafen?«, wiederholte Leonie verstört. Natürlich hatte sie geschlafen. Das, woran sie sich zu erinnern glaubte, konnte nur ein Albtraum sein, aber es fiel ihr immer noch schwer, zu akzeptieren, dass ihre Fantasie in der Lage sein sollte, ihr einen derart üblen Streich zu spielen.

»Ja, ich...«

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, erkundigte sich der Schaffner. Er lächelte weiter, aber sowohl in seiner Stimme als auch in seinem Blick war plötzlich ein deutlicher Anteil von Sorge.

»Sicher«, sagte Leonie hastig. »Es ist alles in Ordnung. Ich... hatte einen blöden Traum, das ist alles.«

»Verstehe.« Der Schaffner nickte. »Ich habe oft Albträume. Mein Arzt meint, es liegt an meinem unregelmäßigen Lebenswandeclass="underline" die ständig wechselnden Schichten, zu wenig Schlaf und falsche Ernährung...« Er hob die Schultern, sah Leonie eine halbe Sekunde lang verwirrt an und rettete sich dann in ein verlegenes Lächeln. »Aber was rede ich. Das interessiert dich bestimmt nicht. Deine Sachen sind jedenfalls schon draußen und wir haben jetzt nur noch drei Minuten Aufenthalt. Außerdem glaube ich, dass dich jemand erwartet.«

»Mich?«, fragte Leonie verwirrt. Wer sollte auf sie warten?

Diesmal antwortete der Schaffner nur mit einem Achselzucken, um dann demonstrativ zurückzutreten und eine auffordernde Geste zu machen. Leonie warf noch einen letzten verwirrten Blick auf das leere Gepäckfach über sich, dann trat sie an dem Schaffner vorbei und wandte sich nach links, dem Ausgang zu, hielt dann aber noch einmal an und drehte sich mit einer fast erschrockenen Bewegung herum. Ihre Hände glitten über ihre Hosen- und Jackentaschen, während sie mit einem raschen Schritt bereits wieder ins Abteil zurücktrat.

»Was suchst du?«, fragte der Schaffner. »Hast du etwas verloren?«

»Mein Handy«, antwortete Leonie. Sie war vollkommen sicher, das Telefon, das Vater ihr gegeben hatte, in die rechte Jackentasche geschoben zu haben. Aber sie war leer. Ebenso wie die linke und ihre Hosentaschen.

»Dein Handy?«, wiederholte der Schaffner. »Hast du damit telefoniert?«

»Nein. Ich habe ein Spiel gespielt - glaube ich. Aber dann...« Leonie schüttelte hilflos den Kopf. Sie wusste nicht mehr, wo sie das Gerät hingelegt hatte. Noch vor fünf Sekunden hätte sie geschworen, es wieder eingesteckt zu haben, aber nun war es fort. Rasch ließ sie sich auf die Knie sinken und blickte unter die Sitze, stand dann wieder auf und fuhr mit den Fingern über die Polster und in die Ritze zwischen Rückenlehne und Sitz. Der Schaffner tat auf der anderen Seite des Abteils dasselbe, aber unglückseligerweise auch mit dem gleichen Ergebnis wie sie: Das Handy war nicht mehr da.

»Als ich vorhin hier war, habe ich kein Handy gesehen«, sagte er. Er klang beunruhigt, fast alarmiert, was Leonie im ersten Moment nicht verstehen konnte. »Bist du ganz sicher, dass...«

»Nein«, antwortete Leonie. Das war nicht die Wahrheit. Sie war ganz sicher, dass sie das Telefon noch gehabt hatte, bevor sie eingeschlafen war, aber sie verstand plötzlich den fast panischen Ausdruck in seiner Stimme. Auch wenn sie nicht ganz nachvollziehen konnte warum, fühlte er sich doch offensichtlich für sie verantwortlich, und der Umstand, dass man sie möglicherweise bestohlen hatte, während sie nichts ahnend in ihrem Abteil saß und schlief, machte ihm zu schaffen. Leonie auch, denn mit jedem Atemzug verstärkte sich in ihr das Gefühl, dass es mit dem Verschwinden dieses Telefons etwas ganz Besonderes auf sich hatte, aber sie war auch ebenso sicher, dass der Schaffner davon nichts wusste. Er war einfach nur ein netter Mann, der sich um sie sorgte. »Vielleicht habe ich es doch in den Koffer getan«, meinte sie, wobei sie versuchte möglichst überzeugend ein entschuldigendes Lächeln zu schauspielern. Dem Gesichtsausdruck ihres Gegenübers nach zu schließen gelang ihr das nicht besonders gut.

»Bist du sicher, dass...?«

»Es ist nur ein Handy«, unterbrach ihn Leonie. »Es wird schon wieder auftauchen. Und wenn nicht, geht die Welt auch nicht unter.« Sie hob demonstrativ den linken Arm und sah auf die Uhr. »Jetzt sollte ich mich aber beeilen. Köln soll ja eine schöne Stadt sein, doch leider habe ich hier eine Verabredung.«

Der Schaffner sah sie noch eine Sekunde lang unschlüssig an, aber dann machte sich so etwas wie vorsichtige Erleichterung auf seinem Gesicht breit und er wiederholte seine einladende Geste auf den Gang hinaus. Diesmal folgte ihr Leonie sofort und nur wenige Sekunden später verließ sie den Zug und trat auf einen der zahlreichen Bahnsteige des Frankfurter Hauptbahnhofs hinaus.

Ihr Gepäck war tatsächlich schon rausgebracht worden, und neben ihren vier Koffern und den beiden schier aus allen Nähten platzenden Reisetaschen (seltsam, sie konnte sich gar nicht erinnern, so viel mitgenommen zu haben) stand ein dunkelhaariger Mann in einem grauen Anzug, der ein postkartengroßes Foto in der Hand hielt, auf das er ab und zu hinabsah, um seinen Blick dann wieder suchend über die Reisenden schweifen zu lassen, die aus dem Zug stiegen. Als er Leonie bemerkte, hob er die andere Hand und winkte ihr zu. Leonie ging schneller. Sie hatte den Mann noch nie gesehen, aber irgendetwas sagte ihr, dass er vermutlich für Hendrik arbeitete, den Bodyguard, den Vater für sie engagiert hatte. Seine ersten Worte bestätigten ihre Vermutung.