»Du bist Leonie?«, fragte er und streckte ihr die Hand entgegen. Leonie griff danach und nickte gleichzeitig und der Fremde fuhr mit einem knappen, aber sehr ehrlich wirkenden Lächeln fort: »Mein Name ist Frank. Du kennst mich noch nicht, aber dein Vater hat mich geschickt um dich abzuholen.«
»Sie arbeiten für Hendrik?«, erkundigte sich Leonie. Sie blickte weiter leicht irritiert auf den Berg von Gepäck, der neben Frank auf dem Bahnsteig aufgestapelt war und ihm fast bis zur Hüfte reichte. Sie hätte schwören können, allerhöchstens einen Koffer und eine Tasche mitgenommen zu haben.
Frank nickte, dann folgte er ihrem Blick und schien ihre Gedanken wohl zu erraten, denn er ließ die Fotografie in der Jackentasche verschwinden und machte dann eine wedelnde Geste mit der frei gewordenen Hand. »Die meisten Koffer waren hinten im Gepäckabteil. Ich habe sie schon heute Morgen zum Bahnhof gebracht, während du noch geschlafen hast - ich darf doch du sagen, oder?«
Leonie nickte, sah Frank aber weiterhin fragend und jetzt fast noch verwirrter an. Ihr Vater hatte nichts davon gesagt, dass sie jemand am Bahnhof abholen würde, sondern ihr ganz im Gegenteil noch den Zettel mit der Adresse und der Telefonnummer mitgegeben, bei der sie sich melden sollte, sobald sie in Frankfurt angekommen war. Sie stellte diese Frage laut.
»Ja, das stimmt«, antwortete Frank. »Dein Vater hat seine Pläne wohl kurzfristig geändert.« Ein leicht schiefes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. »Nicht dass ich mich beschweren will, aber ich bin wie der Teufel gefahren, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Es wäre deutlich einfacher gewesen, dich gleich mit dem Wagen herzubringen.«
»Und warum?«
Frank hob die Schultern und wandte sich in der gleichen Bewegung ab, um einen Gepäckwagen zu holen, der in ein paar Schritten Entfernung stand. »Ich habe nicht selbst mit ihm gesprochen«, antwortete er. »Hendrik hat mich angerufen. Ich soll dich in die Schule bringen und mich dann telefonisch melden, sobald du gut angekommen bist.«
»Schule?«
Frank kehrte mit dem Gepäckwagen zurück und hob die schweren Koffer sichtlich ohne die geringste Anstrengung hinauf. »Wie gesagt: Ich bin nur der Chauffeur. Aber wir können deinen Vater anrufen, wenn du möchtest.« Er zog ein flaches Handy aus der Jackentasche, das er ihr hinhielt. Leonie rührte jedoch keinen Finger um danach zu greifen, sondern starrte es nur verdutzt - und auch ein bisschen beunruhigt - an. Das Gerät ähnelte so sehr dem, das ihr Vater ihr vor der Abreise gegeben und das sie verloren hatte, dass sie sich für einen Moment allen Ernstes fragte, ob es dasselbe sei. Was natürlich vollkommen unmöglich war, denn das hätte ja nicht nur bedeutet, dass Frank mit im Zug gewesen war, sondern auch, dass er in ihr Abteil geschlichen und es ihr gestohlen hatte, während sie schlief. Sie zögerte noch einen kurzen Moment, aber dann schüttelte sie den Kopf und trat demonstrativ einen halben Schritt zurück.
»Vielleicht später«, sagte sie.
Frank steckte den Apparat mit einem Achselzucken wieder ein und lud das restliche Gepäck auf das Wägelchen, dann machte er eine auffordernde Kopfbewegung zum Ende des Bahnsteigs hin. »Wenn wir uns jetzt vielleicht beeilen könnten? Ich stehe direkt unter dem Halteverbotsschild, weißt du?«
Das entsprach der Wahrheit, aber was er nicht gesagt hatte, war, dass sich dieses Halteverbotsschild ganz am anderen Ende des Parkplatzes befand, nahezu fünf Minuten vom Haupteingang entfernt. Und all seine Hast war auch vergebens: Als sie ankamen, klemmte bereits eine kleine Plastiktüte mit einem Protokoll und dem schon vorbereiteten Zahlschein unter dem Scheibenwischer. Frank murmelte irgendetwas Unfreundliches, steckte die Tüte ein und öffnete die Beifahrertür, bevor er den Gepäckwagen nach hinten zum Kofferraum schob. Leonie zögerte jedoch einzusteigen. Der Wagen, zu dem Frank sie geführt hatte, war ein schwarzer Jaguar, ein flaches Geschoss auf vier Rädern, dessen Motor immer noch leise knackte und knisterte, was seine Behauptung zu unterstreichen schien, er wäre wie der Teufel gerast um pünktlich anzukommen.
Sie fuhren auf die Autobahn und verließen Frankfurt in nördlicher Richtung, und nachdem sie durch mehrere kleinere Ortschaften gefahren waren, hatten sie ihr Ziel erreicht. Der Gebäudekomplex lag an einer schmalen, steil bergauf führenden Straße und war hinter einer knapp zwei Meter hohen, weiß getünchten Mauer verborgen, in der ein großes schmiedeeisernes Tor prangte. Gleich dahinter gab es einen kleinen Parkplatz, der mehr als zur Hälfte leer war. Frank ignorierte ihn und fuhr weiter. Vor ihnen lag ein gutes halbes Dutzend ebenfalls weißer Gebäude, deren Architektur verriet, dass sie irgendwann aus den Sechziger- oder frühen Siebzigerjahren stammen mussten: Zur Linken erhob sich ein lang gestreckter, anderthalbgeschossiger Bau mit zahlreichen Türen, dafür nur sehr wenigen Fenstern, die übrigen Häuser waren typische Schulgebäude, mit Ausnahme eines einzeln stehenden viereckigen Blocks, durch dessen großzügige Glaswand hindurch man erkennen konnte, dass es sich um eine Bibliothek handelte. Frank fuhr auch daran vorbei und hielt vor dem letzten Gebäude in der langen Doppelreihe. Dahinter konnte Leonie einen kleinen Park erkennen, in dem es einen Sportplatz zu geben schien.
»Endstation«, sagte Frank fröhlich. Er stieg aus, rannte nahezu um den Wagen herum und riss die Beifahrertür auf, noch bevor Leonie auch nur Gelegenheit hatte, die Hand nach dem Türgriff auszustrecken. Sie fragte sich, ob es übertriebene Höflichkeit war oder er vielleicht einen gänzlich anderen Grund für diese Hast hatte. Aber was sollte dieser Grund sein?
Sie erwartete, dass ihr Chauffeur nun das Gepäck aus dem Kofferraum und von der Rückbank holen würde, aber er schüttelte auf ihren fragenden Blick hin nur den Kopf und deutete auf den Eingang des zweigeschossigen Gebäudes, vor dem sie angehalten hatten. »Ich hole deine Sachen später«, sagte er. »Jetzt gehen wir erst einmal zu Frau Bender.«
»Wer ist das?«, erkundigte sich Leonie.
Frank wirkte ein bisschen irritiert. »Ich dachte, dein Vater hätte dir alles erklärt«, antwortete er. Dann deutete er ein Achselzucken an, als wäre er für sich zu der Erkenntnis gelangt, dass ihn das nichts anginge. »Soviel ich weiß, ist das die Schulleiterin - jedenfalls ist sie diejenige, die sich um dich kümmern wird.«
Um dich kümmern... allein diese Formulierung ließ Leonies Laune schon wieder ein gutes Stück sinken. Natürlich war ihr klar, dass Frank nichts dafür konnte - er führte nur seine Befehle aus -, aber was bildete sich ihr Vater eigentlich ein? Die Zeiten, in denen sie ein kleines Mädchen gewesen war, das man an die Hand nehmen und vorsichtig durchs Leben führen musste, waren weiß Gott schon lange vorbei!
Sie betraten das Gebäude, dessen Innenarchitektur Leonie endgültig davon überzeugte, in einer Schule aus den Siebzigern zu sein, und ihr fiel erneut auf, wie still es hier war. Sie war als Erste eingetreten, aber nun blieb sie stehen und wartete, bis Frank an ihr vorbeiging und die nach oben führende Treppe ansteuerte. Er kannte sich offensichtlich hier aus, denn er ging ohne zu zögern ins zweite Stockwerk hinauf und bog dann nach links in einen langen, weiß gestrichenen Korridor, der keine Fenster hatte, sodass selbst zu dieser Tageszeit die Neonbeleuchtung unter der Decke brannte. Rechts und links zweigten zahlreiche dunkelgrau gestrichene Türen ab, und Leonie überkam ein seltsames Gefühl von Déjà-vu, während sie zwei Schritte hinter ihrem Bodyguard herging. Sie war noch niemals hier gewesen, nicht einmal in einem Gebäude, das diesem auch nur ähnelte, und trotzdem hatte sie das unheimliche Gefühl, dass diese Umgebung sie an irgendetwas erinnerte. Es war kein gutes Gefühl und es war auch keine gute Erinnerung. Aber sosehr sie ihr Gedächtnis anstrengte, sie kam nicht darauf.