Frank blieb am Ende des Korridors stehen, wartete, bis sie wieder zu ihm aufgeholt hatte, und klopfte dann an eine Tür. Ohne auf eine Antwort zu warten drückte er die Klinke herunter und trat ein.
Der Raum dahinter war eine Überraschung. Leonie hatte genau das erwartet, was das Äußere des Gebäudes und der lange Korridor zu suggerieren schienen: ein kahles Büro mit einfachen Kunststoffmöbeln und Schränken voller Aktenordner. Aber der Raum, in den sie nun traten, war behaglich eingerichtet und viel größer, als sie gedacht hätte. Hinter einem Schreibtisch vor einem großen Fenster an der Südseite saß eine junge Frau mit schwarzem, schulterlangem glattem Haar, die ein einfaches, aber sehr geschmackvolles Kostüm in fröhlichen Farben trug und bei ihrem Eintreten schon halb aufgestanden war. Plötzlich aber hielt sie mitten in der Bewegung inne. Sie hatte zuerst in Franks Richtung geblickt und leicht die Stirn gerunzelt, vielleicht weil er einfach hereingekommen war, ohne nach seinem Anklopfen auf die Bitte zum Eintreten zu warten, doch als sie Leonie sah, erschien ein Ausdruck in ihren Augen, der auch Leonie erstarren ließ.
»Theresa...?«
Die junge Frau blinzelte verwirrt, dann überwand sie ihre Überraschung, führte ihre Bewegung zu Ende und kam mit schnellen Schritten um ihren Schreibtisch herum. »Das ist richtig«, sagte sie. »Mein Name ist Theresa Bender. Und du musst... Leonie sein?« Sie fuhr ganz leicht zusammen und sah Frank ein wenig schuldbewusst an. »Verzeihung. Sie sind...?«
»Nennen Sie mich Frank«, antwortete er lächelnd. »Ich habe Leonie vom Bahnhof hierher gebracht. Herr Kammer hat Sie angerufen?«
»Ja, das hat er. Ich habe nur...« Die junge Frau schüttelte erneut den Kopf und sah für einen Augenblick so verwirrt und hilflos aus, dass sie Leonie regelrecht Leid tat. Dann sah sie auf die Armbanduhr und schrak noch einmal und heftiger zusammen. »Um Gottes willen - es ist ja schon so spät. Wo war ich nur mit meinen Gedanken?«
»Das macht überhaupt nichts«, sagte Frank. »Jetzt sind wir ja da.« Er deutete auf Leonie. »Warum machen Sie sich nicht näher miteinander bekannt und ich bringe indessen Leonies Gepäck in ihr Zimmer? Es ist doch alles dabei geblieben?«
Theresa Bender nickte. »Ja. Gleich das erste Zimmer unten neben dem Eingang.«
Frank entfernte sich, und Leonie sah ihm stirnrunzelnd nach, ehe sie sich mit einer betont langsamen Bewegung wieder zur Schulleiterin umwandte. »Woher weiß er, wo mein Zimmer ist?«, fragte sie.
»Er war letzte Woche schon einmal hier und hat sich alles zeigen lassen«, antwortete die Schulleiterin, während sie mit der kleinen silberfarbenen Nadel spielte, die an einer dünnen Kette um ihren Hals hing. »Ich habe nicht selbst mit ihm gesprochen, aber meine Assistentin hat ihm die Schule und dein Zimmer gezeigt.«
»Letzte Woche?«, vergewisserte sich Leonie. Aber wie konnte das sein? Ihr Vater hatte ihr doch erst an diesem Morgen gesagt, dass sie die Stadt verlassen sollte - aus Sicherheitsgründen und nur zur Vorsicht, wie er behauptete. Irgendetwas stimmte hier nicht.
»Du bist also Leonie«, begann Theresa. »Dein Vater hat mir eine Menge über dich erzählt.«
»Wie schön«, erwiderte Leonie spröde. »Mir dafür umso weniger über Sie - und diese ganze Schule.«
Sie sah, wie ihr Gegenüber ganz leicht zusammenfuhr, und begriff, dass ihr Ton unangemessen scharf gewesen war, was ihr mehr Leid tat, als sie sich im ersten Moment selbst erklären konnte. Und der Anblick der jungen Frau verwirrte sie auch mit jedem Augenblick mehr. Sie war niemals hier gewesen und hatte auch die dunkelhaarige Frau noch nie zuvor gesehen, dennoch kam sie ihr auf fast unheimliche Weise bekannt vor. Nein, bekannt war das falsche Wort. Vertraut.
»Er hat dir gar nichts erzählt?«, vergewisserte sich die Schulleiterin.
»Ich bin... ein bisschen überhastet aufgebrochen«, antwortete Leonie. Sie hatte etwas ganz anderes sagen wollen. Noch vor ein paar Sekunden hatte sie sich vorgenommen, ganz bewusst verletzend und aufsässig zu sein. Ihr Vater hatte sie nicht nur gegen ihren Willen hierher abgeschoben, er hatte sie - viel schlimmer noch - belogen, denn ihr Aufenthalt in dieser Was-auch-immer hatte ganz offensichtlich nichts mit dem Überfall vom vergangenen Abend zu tun, sondern war von langer Hand vorbereitet worden.
Möglicherweise - nein: wahrscheinlich - war diese Theresa daran ebenso schuldlos wie sie und auch nur jemand, den ihr Vater für seine Zwecke benutzte, aber das war ihr zumindest im Moment vollkommen egal. Und doch gelang es ihr nicht, wirklichen Zorn auf Theresa zu empfinden. Da war irgendetwas, was diese Fremde beinahe zu einer Freundin zu machen schien, das Gefühl, etwas Gemeinsames erlebt (vor allem überlebt) zu haben, und so absurd dieses Gefühl auch sein mochte, es war einfach zu stark um es zu ignorieren. Und umgekehrt schien es Theresa Bender ähnlich zu gehen. Sie gab sich alle Mühe, möglichst gefasst auszusehen, aber das wollte ihr nicht wirklich gelingen.
»Irgendetwas ist seltsam«, sagte Leonie plötzlich. »Ich habe das Gefühl, wir kennen uns.«
Theresa nickte. »Ja. Mir geht es genauso«, antwortete sie in nachdenklichem, fast erschrockenem Ton. Dann hob sie die Schultern und rettete sich in ein verlegenes Lächeln. »Vielleicht habe ich dich tatsächlich schon einmal gesehen.«
»Ich wüsste nicht wo.«
»Jetzt unterschätzt du dich aber, Leonie«, antwortete Theresa. »Genauer gesagt deinen Vater. Immerhin ist er ein sehr berühmter Mann.« Sie hob erneut die Schultern. »Wahrscheinlich habe ich dein Bild in der Zeitung gesehen oder auch im Fernsehen. Ich vermute, bei euch gehen die Journalisten nur so ein und aus.«
Leonie sah sie völlig verdattert an. Journalisten? Ihr Vater ein berühmter Mann? Ihr Vater war... der vermutlich erfolgreichste Schriftsteller der letzten dreißig Jahre, zumindest in diesem Land. Seine letzten acht Bücher hatten ausnahmslos wochenlang an der Spitze der Bestsellerlisten gestanden, und es verging kein Jahr, in dem Hollywood nicht mindestens einen seiner Romane mit gewaltigem Aufwand verfilmte. Es war nicht so, dass Journalisten und Fotografen sich bei ihnen die Klinke in die Hand gaben, denn ihr Vater legte Wert darauf, sein Privatleben möglichst zu schützen, aber selbstverständlich gab es immer wieder einmal Gelegenheiten, bei denen sie einem Reporter begegnete oder sich plötzlich vor einer laufenden Fernsehkamera wiederfand. Wie hatte sie das vergessen können?
»Na ja, die Reise war wohl ziemlich anstrengend«, sagte Theresa. Sie schien Leonie anzusehen, mit welcher Verwirrung sie ihre Worte erfüllt hatten. »Ich finde es zwar schade, dass dein Vater dir nichts über uns erzählt hat, aber das können wir ja jetzt nachholen.«
»Gute Idee«, murmelte Leonie. Zugleich hatte sie Mühe, sich überhaupt auf Theresas Worte zu konzentrieren. Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis. Es war doch nicht möglich, dass sie etwas so Wichtiges einfach vergaß. Und wenn sie das schon vergessen hatte, woher wollte sie dann wissen, dass ihr Vater nicht schon vor längerer Zeit mit ihr über diese Schule gesprochen hatte?
»Dann ist das hier so etwas wie ein... Internat?«, fragte sie, eigentlich nur um überhaupt etwas zu sagen.
Frau Bender schüttelte den Kopf. »Nicht direkt. Viele unserer Schüler und Schülerinnen wohnen tatsächlich hier, aber es ist nicht Bedingung. Und die meisten bleiben auch nur ein halbes Jahr. Dein Vater hat mir erzählt, dass du nach dem Abitur erst einmal eine Buchhändlerlehre machen möchtest, um das Geschäft von der Pike auf zu lernen, sozusagen.«
Leonie konnte sich nicht erinnern, so etwas Verrücktes auch nur gedacht zu haben, geschweige denn gesagt. Aber sie schwieg und die Schulleiterin fuhr fort: »Was wir anbieten, ist so etwas wie ein Crashkurs - wenn du das neumodische Wort entschuldigst. Nach sechs Monaten hier bist du durchaus in der Lage, eigenständig eine Buchhandlung zu leiten. Deine Eltern hatten früher eine Buchhandlung, habe ich Recht?«