»Bis zum... Tod meiner Großmutter, ja«, antwortete Leonie stockend. Ein dünner, aber sehr tiefer Schmerz bohrte sich in ihre Brust, und obwohl es nun schon so viele Jahre her war, musste sie für eine Sekunde dennoch mit aller Kraft gegen die Tränen ankämpfen. Sie war noch ein Kind gewesen, als ihre Großmutter und kurz danach zuerst ihr kleiner Bruder und dann ihre Mutter gestorben waren, und dennoch erinnerte sie sich an jene schreckliche Zeit so deutlich, als läge sie erst wenige Tage zurück und nicht Jahre. Auch Frau Benders Stirn umwölkte sich für einen Moment, auch wenn sie nun wirklich nicht wissen konnte, woran Leonie in diesem Moment dachte, und es war regelrecht zu spüren, wie sich die Stimmung änderte.
»Du hast sie sehr gemocht, wie?«, fragte sie plötzlich.
Es war seltsam: Wenn schon nicht die Frage an sich, so stand der Schulleiterin doch der vertrauliche Ton, in dem sie sie stellte, ganz und gar nicht zu. Und dennoch empfand Leonie in diesem Moment nichts als ein Gefühl tiefer, bedingungsloser Freundschaft. Sie musste an sich halten, um nicht auf die junge Frau zuzutreten und sie in die Arme zu schließen. »Ja«, sagte sie leise. »Sie hat mir sehr viel bedeutet.« Wieder spürte sie, wie ihr heiße Tränen in die Augen schießen wollten. Mit aller Macht kämpfte sie sie zurück und zwang sich mit beinahe noch größerer Anstrengung, das Thema zu wechseln. »Aber Sie irren sich. Wir haben die Buchhandlung noch.«
»Das wundert mich«, sagte die Schulleiterin. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie dein Vater noch Zeit dafür hat.«
»Hat er auch nicht«, antwortete Leonie mit einem etwas verkrampften Lächeln. »Wir haben zwei Angestellte, die sich darum kümmern. Es lohnt sich nicht wirklich. Mein Vater gibt es nicht zu, aber ich glaube, dass es ein reines Zuschussgeschäft ist.«
»Und er führt sie trotzdem weiter?«
»Sie hat meiner Mutter sehr viel bedeutet«, erklärte Leonie. Aber das war vielleicht das Verrückteste von allem: Von ihrer Großmutter zu sprechen hatte sie fast an den Rand ihrer Beherrschung gebracht. Wenn sie an ihre Mutter dachte, empfand sie allenfalls ein Gefühl sachter Trauer und eine Art stillen Zorn, der nicht ihrer Mutter, sondern dem Schicksal galt, das aus unerfindlichen Gründen beschlossen hatte, sie ihr so früh wegzunehmen. »Ich kann mich nicht selbst daran erinnern, aber Vater hat ein paarmal erzählt, wie sehr sie daran gehangen hat. Sie hat sie auch dann noch weitergeführt, als mein Vater längst erfolgreich war und sie das Geld nicht mehr brauchten.«
»Und jetzt möchte er, dass du sie übernimmst, wenn es so weit ist«, vermutete Frau Bender.
Leonie hob nur die Schultern. Also gut, irgendetwas war mit ihrem Gedächtnis nicht in Ordnung, und es war keineswegs so, dass diese Vorstellung sie nicht beunruhigte. Aber trotz der verrückten Gefühle, die sie hatte, war diese Frau letzten Endes eine Wildfremde für sie und würde es auch bleiben, denn Leonie hatte nicht vor, lange hier zu verweilen, und es gab Dinge, die waren zu persönlich, um sie mit einer Fremden zu teilen.
»Es kann auf jeden Fall nicht schaden«, fuhr die Schulleiterin fort. »Selbst wenn du nur ein paar Wochen bleibst, lernst du bestimmt eine Menge interessanter Dinge, und wer weiß, vielleicht findest du ja hier die eine oder andere Freundin.« Sie blinzelte ihr zu. »Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Und danach führe ich dich ein bisschen herum. Heute ist Sonntag, deswegen ist fast niemand hier, aber ab morgen früh wird es richtig hektisch. Wenn es also irgendetwas gibt, was du wissen möchtest, dann fragst du mich besser heute danach.«
Es gab eine Menge Dinge, die Leonie wissen wollte, aber sie stand der falschen Person gegenüber, um diese Fragen zu stellen. Dazu kam, dass Frau Bender sie mehr und mehr verwirrte. Das unheimliche Gefühl, ihr nicht nur schon mal begegnet zu sein, sondern sie durch und durch zu kennen, wurde mit jedem Augenblick stärker statt schwächer. Und auch wenn sie es nicht wagte, eine entsprechende Frage zu stellen, so spürte sie doch, dass es der jungen Frau umgekehrt ganz ähnlich erging. Sie hatte das Selbstbewusstsein und die professionelle Höflichkeit aller Menschen, die eine Position wie die ihre innehatten, aber unter dieser scheinbaren Gelassenheit spürte Leonie doch, wie nervös und unsicher sie war.
Sie verließen das Büro und gingen den Weg zurück, den Leonie vorhin mit Frank gekommen war. Der Jaguar stand nicht mehr vor der Tür, sondern parkte mit offen stehender Kofferraumklappe vor einem der anderen Gebäude, und gerade als Leonie und ihre Begleiterin sich ihm näherten, trat Frank heraus, um den letzten Koffer zu holen. Obwohl schwer beladen, ließ er es sich nicht nehmen, ihnen die Tür aufzuhalten.
Frau Bender ging vor - Leonie zwang sich mit einiger Anstrengung, sie auch in Gedanken nicht Theresa zu nennen. Davon abgesehen dass es ihr möglicherweise wieder laut herausrutschen könnte, was peinlich gewesen wäre, hätte sie sich irgendwann die Frage stellen müssen, woher sie den Vornamen der jungen Frau gekannt hatte, bevor Frau Bender sich vorgestellt hatte. Und irgendetwas sagte ihr, dass ihr die Antwort auf diese Frage gar nicht gefallen würde.
Die Schulleiterin führte sie in ein kleines, aber behaglich eingerichtetes Zimmer, das nun endgültig wie ein Schülerzimmer in einem etwas altmodischen Internat aussah. Es gab ein doppelstöckiges Bett, einen Schreibtisch und einen überraschend großen Kleiderschrank, und das einzige Zugeständnis an das Jahrhundert, in dem sie lebten, hing an der Wand neben der Tür: einer jener übergroßen Flachbildschirme, wie sie in den letzten Jahren überall Einzug gehalten hatten.
Der Schreibtisch war leer bis auf einen großen Monitor und eine drahtlose Tastatur, und auf dem großen Bücherregal, das den Rest der vorhandenen Wandfläche einnahm, stand nur eine einsame CD-Box.
»Ich dachte, das hier ist eine Buchhändlerschule«, rutschte es Leonie heraus.
Frau Bender hob die Schultern und lächelte flüchtig; es wirkte ein bisschen schuldbewusst. »Wir haben auch das eine oder andere richtige Buch hier«, sagte sie spöttisch. »Das Zimmer steht seit einer Weile leer. Normalerweise bringen die Schüler ihre eigenen Bücher mit, aber du kannst dir auch in der Bibliothek ausleihen, was immer du willst. Das hier«, sie machte eine Kopfbewegung auf den Computer, »ist Lehrmaterial. Du bist online mit unserem Hauptrechner verbunden. Du kannst dir jedes Buch auf den Bildschirm holen oder auch im Internet surfen.« Sie lächelte. »Ich werde in der Öffentlichkeit leugnen, so etwas jemals gesagt zu haben, aber manchmal ist das wirklich praktischer als stundenlang in verstaubten Bibliotheken nach etwas zu suchen, was man dann doch nicht findet.«
Leonie erwiderte nichts darauf - was hätte sie auch sagen sollen? Selbst ihr Vater, der schließlich vom Schreiben altmodischer Bücher lebte, recherchierte zumeist im Internet und ging nie ohne mindestens einen Laptop aus dem Haus, meistens sogar mit mehreren.
»Wohne ich allein hier?«, fragte Leonie mit einer Geste auf das Etagenbett.
»Im Moment ja«, antwortete die Schulleiterin. »Wir sind nicht voll belegt. Außerdem hat dein Vater darum gebeten, dir ein eigenes Zimmer zu geben.«
»Und der Tochter eines so berühmten Mannes wird auch schon mal eine Extrawurst gebraten, wie?«, fragte Leonie spitz.
Frau Bender hob nur die Schultern. »Sagen wir: Die großzügige Spende, die dein Vater uns hat zukommen lassen, hat nicht unbedingt geschadet.« Sie lachte. »Aber keine Angst, du wirst bestimmt nicht über Langeweile klagen. Lass dich nicht von dem täuschen, was du jetzt hier siehst. Es gibt Tage, da wünsche ich mir regelrecht nur halb so viele Schüler und Schülerinnen zu haben.«
»Und außerdem bist du auch nicht ganz allein«, fügte Frank hinzu, der in diesem Moment mit dem großen Koffer beladen hereinkam, den er mit einem dumpfen Knall neben dem Schrank abstellte. »Mein Zimmer ist gleich nebenan. Wenn irgendwas ist, brauchst du nur gegen die Wand zu klopfen oder zu rufen. Ich bin in einer Sekunde hier.«