Leonie wusste nicht, wer verwirrter dreinblickte: sie oder die Schulleiterin. Theresa starrte den Bodyguard einen Moment lang verständnislos an, dann drehte sie sich um und warf Leonie einen fragenden Blick zu, aber Leonie konnte nur hilflos mit den Achseln zucken. Sie war davon ausgegangen, dass Frank sie bloß hierher bringen und dann wieder zurück nach Hause fahren würde.
»Was soll das heißen?«, fragte die Schulleiterin schließlich. Sie klang nicht sehr begeistert.
»Das heißt, dass ich hier bleibe um auf Leonie aufzupassen«, antwortete Frank. »Hat man Ihnen das nicht gesagt?«
Frau Bender schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Und ich wäre auch niemals damit einverstanden gewesen. Das hier ist ein Internat, kein Hotel. Sie können nicht einfach...«
»Ich kann und ich werde«, unterbrach sie Frank, freundlich, aber auch in sehr bestimmtem Ton. Er hob die Hand, als die Schulleiterin widersprechen wollte. »Herr Kammer hat mir genaue Anweisungen gegeben. Es ist alles mit Ihrem Vorgesetzten abgesprochen. Ich werde hier bleiben und ein Auge auf Leonie werfen. Aber keine Sorge: Ich kann sehr diskret sein, wenn es sein muss. Ich werde Ihren Schulbetrieb bestimmt nicht durcheinander bringen.«
»Darum geht es doch gar nicht«, antwortete Frau Bender scharf. »Was soll das bedeuten? Wir brauchen hier keine Anstandsdame!«
»Das ist er auch nicht«, sagte Leonie. »Frank ist mein Leibwächter. Oder Bodyguard, wie man das heute nennt.«
»Leibwächter?« Theresas Augen wurden groß und ihr Gesicht verlor ein bisschen an Farbe. »Das bedeutet doch nicht etwa, dass...«
»Es gibt keinen Grund, besorgt zu sein«, unterbrach sie Frank. Er warf Leonie einen raschen, fast beschwörenden Blick zu, den Theresa bemerken musste, wenn sie nicht blind war, und er brachte zugleich auch das Kunststück fertig, ein beruhigendes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern, das durch und durch überzeugend wirkte. »Es ist eine reine Routinemaßnahme. Einer von uns begleitet Leonie ständig, müssen Sie wissen.«
»Wieso?«, fragte Frau Bender misstrauisch.
»Muss ich Ihnen wirklich erklären, was Leonie alles passieren kann?«, erwiderte Frank. »Leonie ist ein hübsches Mädchen und ihr Vater ist nicht nur berühmt, sondern auch ziemlich wohlhabend. Da könnte der eine oder andere schon mal auf eine dumme Idee kommen.«
»Ist denn schon mal jemand auf eine dumme Idee gekommen?«, wollte Theresa wissen.
»Nein«, versicherte Frank. »Wie gesagt: Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Und es ist alles mit Ihrem Vorgesetzten abgestimmt. Sie können gerne anrufen und sich überzeugen, wenn Sie das möchten.«
»Worauf Sie sich verlassen können.« Theresa fuhr auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Zimmer.
»Das hätten Sie mir, verdammt noch mal, sagen müssen!«, fuhr Leonie Frank an, kaum dass sie allein waren. Sie wechselte ganz bewusst zum förmlichen Sie, und Frank schien die Absicht dahinter auch zu begreifen, denn er fuhr leicht zusammen und in seiner Stimme war ein schuldbewusster Klang, als er antwortete.
»Ich dachte, dein Vater hätte das schon getan. Aber es besteht wirklich kein Grund zur Sorge.«
»Nein«, schnappte Leonie. »Deswegen sind Sie ja auch hier, nicht wahr?« Sie schnitt Frank mit einer wütenden Handbewegung das Wort ab, als er antworten wollte. »Was ist wirklich passiert? Wovor hat mein Vater solche Angst, dass er mich hierher ans Ende der Welt schickt?«
»Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme«, beharrte Frank. Er hob die Schultern. »Ich weiß selbst nichts Genaues. Ein Mitglied der Bande, die euch gestern Abend überfallen hat, ist anscheinend entkommen.«
»Meister Bernhard?«, meinte Leonie erschrocken.
Frank schüttelte den Kopf. »Nein. Ein Junge, soviel ich weiß.«
Ungläubig starrte Leonie ihn an. Maus? Laut und in übertrieben ungläubigem Ton fragte sie: »Der Junge? Soll das ein Witz sein? Der Knirps war doch höchstens zehn! Was soll der mir denn antun?«
»Darum geht es nicht«, erwiderte Frank. Er begann sich zu winden und Leonie sah ihm deutlich an, wie unangenehm ihm das Gespräch mittlerweile geworden war. »Solange die Behörden die Geschichte nicht vollends aufgeklärt haben, ist Vorsicht geboten. Immerhin könnte es sein, dass die Bande noch mehr Mitglieder hat. Die Polizei arbeitet auf Hochtouren. Ich bin sicher, sie werden den Fall in ein paar Tagen restlos aufgeklärt haben. Und falls es dir dann hier wirklich nicht gefällt, hat dein Vater bestimmt nichts dagegen, wenn du nach Hause kommst.«
Etwas sagte Leonie, dass dem nicht so war und dass ihr Vater sie nicht wegen des Überfalls gestern Abend weggeschickt hatte. Das hätte er sowieso getan und die Heimsuchung durch Bernhard und seine Bande war nur ein willkommener Vorwand gewesen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es hatte nicht nur mit Frank und diesem Internat zu tun, nicht nur mit dem Überfall und der Schulleiterin, die ihr auf so unheimliche Weise vertraut schien, sondern mit ihr und ihrem ganzen Leben.
Aber sie konnte einfach nicht sagen was.
Besuch von drüben
Schon am nächsten Morgen begann sie zu verstehen, was Frau Bender gemeint hatte. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit wurde sie nicht von selbst wach, sondern fand nur langsam und mit spürbarer Mühe in die Wirklichkeit zurück. Jemand klopfte ungeduldig an die Tür, und obwohl Leonie noch schlaftrunken war, wurde ihr doch im Nachhinein klar, dass das Klopfen schon seit einer geraumen Weile anhielt. Benommen setzte sie sich ganz auf, schwang die Beine aus dem Bett und murmelte: »Ja, ja. Ist ja schon gut! Ich komme.«
Das Klopfen brach tatsächlich ab, aber eine Sekunde später wurde die Türklinke langsam heruntergedrückt und die Tür selbst noch langsamer geöffnet und Frank lugte herein. »Es ist schon nach acht«, sagte er. »Frau Bender lässt dir ausrichten, dass du heute noch nicht zum Unterricht erscheinen musst, wenn du nicht willst. Aber unten in der Mensa gibt es Frühstück. Nach dem gestrigen Tag musst du ziemlich hungrig sein.«
Leonie hatte Mühe, sich an den gestrigen Tag zu erinnern. Die Bahnfahrt und ihr anschließender Transfer hierher hatten nur ungefähr bis Mittag gedauert. Den Rest des Tages hatte sie größtenteils damit verbracht, sich in eine unerträglich schlechte Laune hineinzusteigern und sich abwechselnd selbst Leid zu tun und wütend auf ihren Vater, auf Frank, auf Hendrik, auf Frau Bender und überhaupt die ganze Welt zu sein. Danach hatte sie den Computer eingeschaltet und ein wenig im Internet gesurft, ohne indes selbst genau zu wissen, was die bunten Bilder bedeuteten, die über den Monitor auf dem Schreibtisch flimmerten, und schließlich war sie ungewöhnlich früh zu Bett gegangen; müde von der Reise, aber auch in der vagen Hoffnung, dass die Welt am nächsten Morgen, wenn sie wieder ausgeruht und bei Kräften war, vielleicht ein bisschen freundlicher aussehen würde.
Beides war nicht der Fall.
Sie fühlte sich so zerschlagen, als hätte sie gar nicht geschlafen, und ihre Laune war während der Nacht nicht gestiegen, sondern noch weiter gesunken. Sie hatte nicht übel Lust, Frank mit wenig damenhaften Worten zu erklären, wohin er sich sein Frühstück stecken konnte, aber ihr wurde gottlob doch noch rechtzeitig klar, dass der junge Mann von allen hier vielleicht am wenigsten dafür konnte. Er machte nur seine Arbeit, und das Argument, dass ihn schließlich niemand gezwungen hatte, sie zu tun, zählte nicht - hätte er diesen Auftrag abgelehnt, hätte ihr Vater sicherlich jemand anderen gefunden, der ihn annahm. Und wenn sie ehrlich war, dann hätte sie es schlechter treffen können als mit ihm. Außerdem spielte es keine Rolle. Sie hatte weder vor ein halbes Jahr hier zu bleiben noch wenige Wochen. Nicht einmal einen einzigen Tag. Irgendwann in den Stunden, in denen sie allein in ihrem Zimmer gehockt und auf der Computertastatur herumgehämmert hatte, nur um ihre Finger zu beschäftigen, war ihr klar geworden, was sie zu tun hatte. Sie würde von hier verschwinden, und das noch heute. Wenn ihr Vater sie loswerden wollte, dann sollte er ihr das gefälligst ins Gesicht sagen.