»Ich komme gleich«, sagte sie, während sie müde die Hände hob und sich damit durchs Gesicht fuhr. Sie bückte sich nach ihren Kleidern, die sie am Abend zuvor unordentlich im ganzen Zimmer verstreut hatte, zog sich an und verschwand für eine Katzenwäsche im Bad. Wenige Augenblicke später verließ sie ihr Zimmer und wäre draußen auf dem Flur beinahe mit Frank zusammengeprallt, der mit vor der Brust verschränkten Armen vor der Tür stand und offenbar auf sie wartete.
»Na, das ging aber schnell«, bemerkte er. Er machte eine auffordernde Geste. »Können wir?«
Wieso wir?, dachte Leonie. Hatte er etwa vor, sie von jetzt ab auf Schritt und Tritt zu begleiten? Doch sie schluckte alles, was sie dazu sagen wollte, hinunter und beließ es bei einem finsteren Blick und einem Schulterzucken. Auch das würde sich erledigt haben, noch bevor die Schulglocke zur Mittagspause schrillte.
Das gestern so friedlich daliegende Anwesen hatte sich über Nacht radikal verändert. Überall waren Stimmen und Gelächter zu hören, Schritte und andere Geräusche, und sie sah zahlreiche Jungen und Mädchen, die herumstanden und redeten oder auch geschäftig von hier nach dort eilten. Da es sich um eine Art Berufsschule handelte, waren die Schüler zum allergrößten Teil älter als sie, und es gab keine nervigen Sextaner, aber der Lärmpegel hätte dennoch mit jedem Kindergarten mithalten können. Als sie das betraten, was Frank vorhin als Mensa bezeichnet hatte, musste Leonie sich beherrschen, um sich nicht demonstrativ die Ohren zuzuhalten.
Der Raum war nicht besonders groß und Leonie schätzte auf den ersten Blick, dass sich kaum mehr als vierzig oder fünfzig Schüler darin aufhielten. Dennoch gab es nur noch einen einzigen freien Tisch am Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, auf den Frank jetzt deutete. Er schüttelte zugleich den Kopf, als sie sich in die andere Richtung zur Essensausgabe wenden wollte. »Setz dich ruhig«, sagte er. »Ich bringe dir dein Frühstück.«
Leonie ersparte sich die Frage, woher er denn wissen wollte, was sie frühstückte. Sie war sicher, dass er es wusste. Sie nickte, lächelte so freundlich, wie sie es überhaupt nur fertig brachte, und ging dann mit entschlossenen Schritten an ihm vorbei zur Essensausgabe um sich ein Tablett zu nehmen. Frank runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Leonie wusste selbst, dass sie sich albern benahm, aber diesen kleinen Anflug von Trotz war sie sich einfach schuldig. Sie nahm sich eine Kanne Tee, frischen Orangensaft sowie Aufschnitt und zwei halbe Brötchen und balancierte mit ihrer Last vorsichtig zwischen den überfüllten Tischen hindurch zum Fenster.
Frank, der sich mit einer Tasse Kaffee begnügt hatte, folgte ihr in zwei Schritten Abstand, doch obwohl es an dem Tisch noch drei freie Plätze gab, machte er keine Anstalten, sich ebenfalls zu setzen, sondern trat ans Fenster, nippte an seinem Kaffee und tat so, als blicke er interessiert nach draußen. Leonie konnte ihm jedoch ansehen, dass seine Sinne in Wahrheit aufs Äußerste angespannt waren und er verstohlen, aber sehr aufmerksam nicht nur das Gelände vor dem Fenster, sondern auch alles hier drinnen im Auge behielt. Was immer sie von ihm gedacht hatte, der junge Mann verstand sich auf das, was er tat.
»Ist hier noch frei?«
Leonie sah fast erschrocken hoch und blinzelte dann verwirrt, als sie ins Gesicht ihrer neuen Schulleiterin blickte. Frau Bender stand, ebenfalls mit einem Tablett bewaffnet, vor ihrem Tisch und zog mit einer Bewegung, die langjährige Übung verriet, den Stuhl mit dem Fuß zurück und setzte sich ohne Leonies Antwort abzuwarten.
»Gerne«, sagte Leonie. »Nehmen Sie ruhig Platz. Nur keine Hemmungen.«
Theresa lächelte, schenkte sich einen Kaffee ein und hielt die Tasse mit beiden Händen vor den Mund, trank aber nicht, sondern sah Leonie nur aufmerksam über den Rand hinweg an. »Und? Wie war deine erste Nacht in der Verbannung?«
»Zu kurz«, antwortete Leonie unfreundlich. »Außerdem hatte ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden.« Sie blickte demonstrativ zu Frank hin, der ihre Worte gehört haben musste, denn sie hatte alles andere als leise gesprochen, und Theresa, deren Blick dem ihren gefolgt war, runzelte leicht überrascht die Stirn.
»Ich dachte, du wärst daran gewöhnt.«
»Es gibt Dinge, an die gewöhnt man sich nie«, erwiderte Leonie ruppig. Es kostete sie immer größere Mühe, weiterhin so unfreundlich zu bleiben. Am liebsten hätte sie Frau Bender zugelächelt und sich bei ihr für ihr Benehmen von gestern entschuldigt, aber sie war noch nicht so weit, über ihren eigenen Schatten zu springen. Sie war in einer Situation, in der sie einfach aufsässig sein musste, basta!
»Meine erste Stunde fängt erst um zehn an«, sagte die Schulleiterin. »Wenn du möchtest, führe ich dich noch ein bisschen herum.«
Leonie antwortete nicht gleich, sondern sah sich aufmerksam in der Mensa um. Der Lärmpegel schien deutlich abgenommen zu haben, seit sie hereingekommen war, aber sie vermochte nicht zu sagen, ob das an ihrer oder der Gegenwart der Schulleiterin lag. Was sie sagen konnte, war, dass sehr viele der anderen Schüler sie mit unverhohlener Neugier anstarrten. Leonie versuchte sich vergeblich einzureden, dass das ganz normal war, wenn eine neue Schülerin, noch dazu mitten im Jahr, ankam. Aber sie hatte auch nicht vergessen, was Theresa ihr gestern erzählt hatte. Sie war nicht irgendwer, sondern die Tochter eines berühmten Mannes, und sie konnte sich jetzt schon lebhaft vorstellen, wie die ersten Gespräche zwischen ihr und ihren neuen Mitschülerinnen und Mitschülern ablaufen würden. Sie war nicht besonders scharf darauf.
»Vielleicht«, sagte sie ausweichend. »Die Bibliothek würde mich interessieren. Ich meine die richtige. Nicht die in meinem Computer.«
»Gern«, antwortete Frau Bender. »Ich halte um zehn einen Videovortrag unten im Vorführraum. Der Stoff gehört zwar eigentlich zum zweiten Semester, aber ich würde mich freuen, wenn du kommst.« Sie zwinkerte ihr fast verschwörerisch zu. »Um ehrlich zu sein ist dieses Angebot nicht so ganz uneigennützig.«
»So?«, fragte Leonie. »Warum?«
»Es hat etwas mit dem letzten Buch deines Vaters zu tun«, antwortete Theresa. »Zumindest im weitesten Sinne: Es geht um den letzten großen Krieg.«
»Den Krieg?« Jetzt war Leonie ehrlich verwirrt. Kriege interessierten sie nun wirklich nicht. »Was hat das mit der Ausbildung eines Buchhändlers zu tun?«, wollte sie wissen. »Der letzte große Krieg ist doch Ewigkeiten her. Seither ist die Menschheit Gott sei Dank vernünftiger geworden.«
»Trotzdem sollte man dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte nicht vergessen«, antwortete die Schulleiterin. »Ganz davon abgesehen dass es eine Menge Bücher über dieses Thema gibt und du später vielleicht danach gefragt wirst. Und es scheint die Menschen ja zu bewegen - sonst hätten wohl kaum so viele den letzten Roman deines Vaters gelesen.«
Leonie hob die Schultern und gewann einen Moment damit, sich Tee einzuschenken. Das Geräusch, mit dem die aromatisch riechende Flüssigkeit in die Tasse floss, erinnerte sie unheimlicherweise an das Scharren von Federn auf Papier. »Mich interessiert es jedenfalls nicht«, sagte sie bestimmt. »Ich habe das Buch nicht einmal gelesen.«
»Das ist schade«, antwortete Theresa. »Ich hatte gehofft, dass du uns ein bisschen darüber erzählen könntest, wie dein Vater an das Thema herangegangen ist. Wie er recherchiert hat zum Beispiel.«
»Ich nehme an im Internet.« Leonie stand auf. »Können wir uns jetzt die Bücherei ansehen?«
Frau Bender blickte einen Moment lang irritiert auf ihr Frühstück hinab, das sie bisher nicht einmal angerührt hatte. Dann zuckte sie ganz leicht mit den Schultern, schob ihren Stuhl zurück und stand auf. »Warum nicht? Ich habe ohnehin gestern gesündigt und muss heute ein paar Kalorien sparen.«