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»Aber... aber das verstehe ich nicht«, sagte Leonie. Sie warf einen hilflosen Blick in Richtung ihrer Mutter, erntete aber nur ein Lächeln, das ihre Verwirrung eher noch steigerte. »Ich bin doch nur deine Enkelin. Mutter...«

»... ist damit einverstanden«, unterbrach sie Großmutter. »Es war sogar vielmehr ihre Idee als meine. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Es ist alles in Ordnung.«

Das hatte Leonie an diesem Morgen ein paarmal zu oft gehört, um sich noch damit zufrieden zu geben. »Aber das steht mir gar nicht zu!«, protestierte sie. »Und ich will es auch nicht.«

Fröhlich wollte etwas sagen, doch Großmutter brachte ihn mit einem raschen Blick zum Schweigen. »Das weiß ich«, sagte sie. »Und glaube mir, deine Mutter weiß es auch. Aber es ist in unserer Familie seit sehr langer Zeit Tradition, das Geschäft immer auf die jüngste Generation zu überschreiben. Und es ist der ausdrückliche Wunsch deiner Eltern, dass diese Tradition fortgeführt wird.«

»Außerdem ist es ohnehin nur eine Formsache«, fügte Fröhlich hinzu. »Bis zu deinem achtzehnten Geburtstag bist du zwar juristisch die Inhaberin des Geschäftes, aber deine Eltern sind als treuhändlerische Verwalter eingesetzt - und dasselbe gilt auch für das Vermögen.«

»Das heißt, ich kann euch nicht morgen rausschmeißen, den Laden verkaufen und das Geld mit Freunden verjubeln?«, fragte Leonie mit gespielter Enttäuschung.

Alle lachten - außer Fröhlich vielleicht, der unangenehm berührt wirkte. Schließlich räusperte er sich affektiert. »Wenn ich dann jetzt fortfahren dürfte?«

Er durfte.

Was folgte, war eine weitere halbe Stunde weitschweifigen Beamtendeutschs und dann eine Menge Unterschriften, Stempel und wieder Unterschriften. Leonie unterbrach Dr. Fröhlich nicht mehr und sie hörte auch kaum noch hin. Sie war viel zu erschlagen von dem, was sie gerade erfahren hatte. Sie sollte das elterliche Geschäft erben, und noch dazu Großmutters Vermögen, von dem sie zwar keine Ahnung gehabt hatte, das aber Fröhlichs Andeutungen zufolge beachtlich sein musste? Warum? Und vor allem: Warum jetzt? Großmutter war alt, aber doch nicht so alt, dass sie ernsthaft damit rechnen musste, nur noch kurze Zeit zu leben!

Nach einer kleinen Ewigkeit waren alle Papiere unterschrieben, alle Siegel angebracht und Fröhlich klappte seinen Ordner zu. »Damit ist es amtlich und beglaubigt. Ich leite die Papiere dann gleich heute noch an das zuständige Amtsgericht weiter.« Er wandte sich lächelnd an Leonie. »Meinen herzlichen Glückwunsch, junge Dame. Falls ich es noch erleben sollte, werden wir uns an deinem achtzehnten Geburtstag wiedersehen. Aber das ist dann nur noch eine reine Formsache. Das Schlimmste hast du hinter dir.«

Eine Formsache?, dachte Leonie, so wie die Formalität, die er gerade mit Großmutter besprochen hatte? Sie sagte nichts, aber der durchbohrende Blick, den sie Fröhlich zuwarf, schien viel sagend genug zu sein, denn der alte Notar hielt ihm nur einen kleinen Moment lang stand, bevor er sich mit einem nervösen Räuspern abwandte und schließlich erhob.

»Dann wäre ja im Moment alles erledigt«, sagte er. »Falls es keine weiteren Fragen gibt, werde ich meine Sekretärin anweisen, Ihnen ein Taxi zu bestellen.«

Plötzlich war die Stimmung im Raum unangenehm. Leonie sah, dass das Lächeln ihrer Großmutter für einen Moment entgleiste, und auch ihre Eltern wirkten mit einem Mal angespannt. Nach einer kühlen, förmlichen Verabschiedung verließen sie das Notariat.

Das Taxi, von dem Fröhlich gesprochen hatte, wartete schon. Der Fahrer hatte eine Parklücke, nur ein paar Schritte entfernt, gefunden, sodass es diesmal keinen Verkehrsstau gab. Leonie nahm auf der hinteren Bank Platz, zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter, während Großmutter - ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit - vorne neben dem Fahrer saß.

Und kaum hatte sich der Wagen in Bewegung gesetzt, da hielt es Leonie endgültig nicht mehr aus. »Ich will jetzt endlich wissen, was das zu bedeuten hat«, platzte sie heraus. »Was sollte das alles? Wieso gehört plötzlich mir das Geschäft und all das Geld?«

Der Fahrer warf ihr einen überraschten Blick über den Spiegel hinweg zu und auch ihre Mutter runzelte einen Moment lang missbilligend die Stirn; einen solchen Ton war sie von ihrer Tochter nun wirklich nicht gewohnt. Es war ihr Vater, der antwortete.

»Das ist doch nur eine reine Formsache. Juristische Finessen.« Er lächelte verkrampft. »Unter anderem auch, um dem Finanzamt ein Schnippchen zu schlagen, wenn du es genau wissen willst. Bei den heutigen Erbschaftssteuern muss man zu solchen Mitteln greifen, damit überhaupt noch etwas übrig bleibt.«

Das entsprach möglicherweise sogar der Wahrheit, aber es passte leider so gar nicht zu dem Gespräch zwischen Fröhlich und Großmutter, das Leonie belauscht hatte.

»Und warum so plötzlich?«, fragte sie. »Bis gestern Abend wusste ich von gar nichts und mit einem Mal bin ich... bin ich Millionärin oder so was.«

Die Augenbrauen des Fahrers im Spiegel rutschten noch ein gutes Stück weiter nach oben und Vater sagte: »Nein, nein. Ganz so wild ist es nun auch wieder nicht.«

»Sag es ihr«, verlangte Großmutter.

Leonies Vater zog die Brauen zusammen. »Aber...«

»Sag es ihr!«, forderte Großmutter noch einmal und in schärferem Ton. Wenn Leonie es recht bedachte, klangen ihre Worte eigentlich schon fast wie ein Befehl. Ihr Vater reagierte nicht, aber er sah plötzlich sehr unglücklich aus.

»Was sollst du mir sagen?«, fragte Leonie.

Ihr Vater wich ihrem Blick aus und Großmutter sagte: »Ich muss fort.«

»Wie bitte?«, entfuhr es Leonie.

»Ich werde euch... für eine Weile verlassen«, verkündete Großmutter. »Nicht für immer, aber doch für eine gewisse Zeit.«

»Was soll das heißen: für eine gewisse Zeit?«, hakte Leonie nach.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Großmutter unbehaglich. »Ein Jahr, vielleicht zwei.«

»Aber du kommst doch wieder?!«

»Selbstverständlich komme ich wieder«, versicherte Großmutter fast hastig. »Aber es kann eine Weile dauern und ich bin schließlich keine zwanzig mehr. Und dein Vater hat vollkommen Recht: So kompliziert, wie die Gesetze heutzutage sind, wäre es unverantwortlich, nicht gewisse... Vorkehrungen zu treffen.«

»Aber warum weiß ich nichts davon?« Leonie kämpfte plötzlich mit den Tränen, doch sie konnte selbst nicht genau sagen, ob es Tränen des Schmerzes oder der Wut waren. »Du musst weg - aber wieso und wohin und... und wann?«

»Ich habe noch einen Verwandten«, antwortete Großmutter. »Einen Bruder. Ich habe ihn schon seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen, dass ich seine Existenz beinahe vergessen hatte.«

Einen Bruder?, dachte Leonie. Es fiel ihr schwer, das zu glauben. In all den Jahren hatte Großmutter niemals von einem Bruder erzählt, sondern stets beteuert, dass sie und ihre Mutter ihre einzigen lebenden Verwandten waren.

»Vor ein paar Tagen kam ein Telegramm aus Kanada, wo mein Bruder lebt«, fuhr Großmutter fort. Sie sah Leonie bei diesen Worten nicht an, sondern blickte nach vorne aus dem Fenster. Was Leonie von ihrem Gesicht erkennen konnte, war das personifizierte schlechte Gewissen. »Es geht ihm nicht sehr gut. Er ist zwei Jahre älter als ich, musst du wissen, und er ist schon seit recht langer Zeit krank. Ich werde mich wohl für eine Weile um ihn kümmern müssen.«

»Und... und wann?«, fragte Leonie. In ihrem Hals saß plötzlich ein dicker, bitterer Kloß. »Ich meine: Wann musst du fort?«

»Schon heute«, sagte Großmutter leise. »Um genau zu sein: jetzt. Ich komme nicht mehr mit nach Hause, Leonie. Ich habe mein Gepäck schon gestern Abend zum Flughafen bringen lassen und mein Flugzeug geht in zwei Stunden.«

»In... zwei Stunden«, wiederholte Leonie ungläubig. Ihr Atem stockte. Sie drehte mit einem Ruck den Kopf und starrte ebenfalls aus dem Fenster. Sie hatte bisher nicht darauf geachtet, aber nun fiel ihr auf, dass sie sich nicht auf dem Weg nach Hause befanden, sondern in die entgegengesetzte Richtung fuhren. »Soll das heißen, dass...?«