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Leonie verstand die Spitze sehr wohl, tat aber so, als hätte sie die Bemerkung nicht gehört, und ging mit schnellen Schritten zum Ausgang. Die Schulleiterin folgte ihr und selbstverständlich schloss sich ihnen auch Frank wie ein Schatten an. Nachdem sie die Mensa verlassen hatten, blieb Leonie stehen und drehte sich zu ihm herum. »Jetzt übertreib es bitte nicht«, sagte sie. »Ich habe nicht vor, nach Frankfurt zu fahren und mich dort im Bahnhofsviertel herumzutreiben. Wir gehen lediglich in die Bücherei.«

Der junge Mann wirkte für einen Moment unschlüssig. Dann aber traf ihn ein eisiger Blick aus Theresas Augen, die immer noch keinen Hehl aus ihrem Unmut über seine bloße Anwesenheit machte, und er gab sich mit einem Achselzucken geschlagen. »Also gut«, meinte er. »Ich komme mit, aber ich warte draußen vor der Tür.«

Leonie gab auf und auch Theresa hatte wohl eingesehen, dass sie nicht mehr erreichen würden, denn sie beließ es bei einem Achselzucken und wandte sich ohne ein weiteres Wort ab, um ihren Weg fortzusetzen. Sie verließen das Haus und gingen über den ruhig daliegenden Hof zu jenem Gebäude hin, das Leonie schon am Vortag als Bibliothek identifiziert hatte. Leonie fiel auf, wie erstaunlich ruhig es war; sie selbst hatte keine Erfahrung mit dem Leben in einem Internat, aber in den normalen Schulen, die sie bisher besucht hatte, war es zehn Minuten vor Beginn des Unterrichts immer hoch hergegangen. Der Hof war jedoch fast menschenleer. Sie sah nicht einen einzigen ihrer neuen Mitschüler, und nachdem sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, verklang auch die Geräuschkulisse aus der Mensa. Hätte nicht hier und da Licht gebrannt und hätten nicht deutlich mehr Autos als gestern auf dem kleinen Parkplatz gestanden, man hätte meinen können, das Schulgelände wäre vollkommen verlassen. Doch als sie sich dem Bibliotheksgebäude näherten, glaubte sie eine flüchtige Bewegung aus den Augenwinkeln wahrzunehmen; sie wandte schnell den Kopf in diese Richtung, entdeckte jedoch niemanden. Sie musste sich getäuscht haben.

Obwohl hinter den großen Glasscheiben des Büchereigebäudes Licht brannte und sie auch das Flimmern des einen oder anderen Computermonitors wahrnahm, war die Tür verschlossen. Die Schulleiterin zog eine Magnetkarte aus der Tasche, die sie durch den Schlitz des entsprechenden Lesegeräts an der Wand zog, und tippte anschließend noch eine fünfstellige Ziffernkombination in die kleine Tastatur darunter, was Frank zu einer spöttischen Bemerkung veranlasste.

»Ihre Bücherei ist besser gesichert als Fort Knox, wie?«, grinste er.

Frau Bender nickte. »Wir haben ein paar sehr wertvolle Bücher hier«, sagte sie ernst, erntete aber auch jetzt nur ein Achselzucken und einen fast mitleidigen Blick.

»Wer stiehlt denn Bücher?«, fragte Frank.

»Möglicherweise jeder, der auch in der Lage ist, sie zu lesen«, erwiderte die Schulleiterin spitz. Franks Grinsen entgleiste ein wenig, doch bevor er zu einer entsprechenden Antwort ansetzen und möglicherweise nun einen Streit vom Zaun brechen konnte, mischte sich Leonie ein und trat ganz bewusst zwischen ihn und Theresa, um auch den Blickkontakt zwischen den beiden zu unterbrechen.

»Du hattest versprochen hier draußen zu warten«, sagte sie.

Sie konnte dem jungen Bodyguard ansehen, dass er dieses vielleicht etwas voreilig gegebene Versprechen längst bereute. Aber sie gab ihm keine Gelegenheit, es zurückzunehmen, sondern drehte sich rasch um und bedeutete der Schulleiterin mit einem schon fast beschwörenden Blick weiterzugehen. Sie folgte ihr, schloss rasch die Tür hinter sich und fragte dann leise, damit Frank die Worte auf der anderen Seite der Tür nicht verstehen konnte: »War das unbedingt nötig?«

»Was?«, fragte Frau Bender.

»Ihn so zu provozieren«, antwortete Leonie. »Er hat Ihnen nichts getan, oder?«

»Er hat hier nichts verloren«, erwiderte Theresa. »Das hier ist eine Schule, kein Hochsicherheitstrakt.«

»Er tut nur seine Arbeit«, erwiderte Leonie. Gleichzeitig fragte sie sich, warum sie Frank eigentlich verteidigte. Sie konnte Theresa sehr gut verstehen. Noch gestern hatte sie Franks bloße Anwesenheit derart in Wut versetzt, dass sie am Schluss fast selbst über sich erschrocken war.

Sie gingen weiter. Der schmale Korridor, durch den Frau Bender sie führte, bestand fast zur Gänze aus Glas, sodass sie erkennen konnte, dass die Bücherei weit größer war, als es von außen den Anschein hatte. Es gab mindestens ein Dutzend, aus beidseitig gefüllten Bücherregalen gebildete Gänge, in denen Tausende, wenn nicht Zehntausende sorgsam geordneter Bände standen. Sonderbarerweise erfüllte sie der Anblick mit einem durch und durch unguten Gefühl, obwohl sie doch mit Büchern aufgewachsen war und sie über alles liebte. Dennoch fiel es ihr zunehmend schwerer, der Schulleiterin zu folgen und nicht auf ihre innere Stimme zu hören, die mit immer größerem Nachdruck darauf beharrte, auf der Stelle kehrtzumachen und dieses Gebäude zu verlassen. Ihr Herz begann zu klopfen. Was war nur mit ihr los? Leonie überkam ein Gefühl von Unwirklichkeit, das ebenso grundlos wie absurd sein mochte, dennoch aber mit fast jedem Augenblick stärker wurde.

Schließlich betraten sie etwas, das wie die Miniaturausgabe eines römischen Amphitheaters aussah - ein großer Dreiviertelkreis, dessen Stufen zu hoch waren, um sie bequem hinabsteigen, und zu niedrig, um bequem daraufsitzen zu können -, und Leonie blieb wie vom Donner gerührt stehen.

»Was hast du?«, fragte Frau Bender.

Leonie antwortete nicht, denn sie hatte ihre Worte gar nicht gehört. Sie starrte aus ungläubig aufgerissenen Augen auf die kindsgroße Figur, die auf einem kleinen Podest auf der anderen Seite des Raumes stand.

Es war ein Scriptor.

Selbst über die große Entfernung hinweg konnte man erkennen, dass er grob und mit nicht besonders großer Kunstfertigkeit aus Pappmaschee gefertigt worden war - die Proportionen stimmten nicht. Die Linien waren zu grob und das Gesicht unter der weit nach vorne gezogenen Kapuze war nur die schlechte Karikatur eines Gesichtes, das an sich schon wie die Karikatur eines Gesichtes aussah.

Dennoch bestand nicht der geringste Zweifel daran, was diese Figur darstellen sollte.

»Was... was ist das?«, murmelte sie.

Die Schulleiterin wandte kurz den Blick und machte dann eine Bewegung, die eine Mischung aus einem Kopfschütteln und einem hilflosen Achselzucken zu sein schien. »Unsere Kunst-AG hat vor einem halben Jahr einen Wettbewerb veranstaltet«, erläuterte sie. »Diese Skulptur hat gewonnen. Und ich...« Plötzlich verstummte sie. Statt weiterzusprechen sah sie Leonie auf eine völlig neue, verstörte Weise an, dann drehte sie sich zu der Figur um und betrachtete sie mit schräg gehaltenem Kopf und sehr nachdenklich. Leonie starrte weiterhin auf die hässliche Pappgestalt und sah das Gesicht der Schulleiterin nur aus den Augenwinkeln, dennoch entging ihr nicht, wie sehr sich der Ausdruck darauf plötzlich änderte. Aber dann schüttelte Frau Bender heftig den Kopf und wandte sich wieder ganz Leonie zu.

»Also gut, ich gebe zu, es ist kein großes Kunstwerk«, sagte sie mit dem vollkommen missglückten Versuch eines spöttischen Lächelns. »Aber so schrecklich ist es nun auch wieder nicht, oder?«

Leonie schwieg, und das war vielleicht die schlimmste Antwort, die sie ihr geben konnte. Die Figur stellte einen Scriptor dar! Leonie wusste nicht, was ein Scriptor war, so wenig wie sie wusste, warum ihr der bloße Gedanke daran so furchtbare Angst einjagte, aber es war eben so. Das Gefühl des Unwirklichen wurde stärker. Plötzlich musste sie wieder an die Bewegung denken, die sie draußen bemerkt hatte, und ein kurzer eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Vielleicht war es nicht nur Einbildung gewesen. Vielleicht war dort wirklich etwas, ebenso wie hier drinnen etwas war, das sie nicht sehen konnte, dafür aber umso deutlicher spüren, und das sie mit einer immer größer werdenden Furcht erfüllte. Etwas hier war falsch.