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»Was hast du?«, fragte Frau Bender alarmiert.

Es kostete Leonie große Mühe, den Kopf zu schütteln, und noch viel mehr Mühe, ihren Blick endlich von der unheimlichen Skulptur loszureißen. Sie versuchte ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen, aber es misslang ebenso kläglich wie das Theresas gerade eben. »Nichts«, behauptete sie. »Sie haben Recht. Die Figur ist nicht besonders gut. Ich muss wohl...«

Sie sprach nicht weiter, sondern ließ den Satz in einem hilflosen Achselzucken enden, und zu ihrer Überraschung gab sich die Schulleiterin damit sogar zufrieden. Dennoch war sie deutlich nervös, als sie sich wieder umwandte und mit schnellen Schritten weiterging. Leonie folgte ihr, und selbstverständlich erlaubte sich ihre eigene Fantasie den derben Scherz, ihr vorzugaukeln, dass sich die Figur des Scriptors auf ihrem Pappsockel bewegte, gerade als sie an ihr vorüberging. Aber Leonie widerstand der Versuchung, sich erschrocken zu ihr umzudrehen, sondern schritt nur schneller aus, um wieder zu Theresa aufzuschließen. Möglicherweise stimmte hier wirklich etwas nicht, aber wenn, dann war sie es, nicht diese alberne Pappfigur, über die sie sich Gedanken machen sollte.

»Das ist also unsere Bibliothek«, begann Frau Bender und vollführte dabei jene fahrigen Gesten, die die eigene Nervosität überspielen sollten und sie stattdessen nur noch unterstrichen. »Wir sind wirklich ziemlich stolz darauf. Ich glaube, es ist die größte im Umkreis von sicherlich hundert Kilometern. Du findest hier alles, was du auch in deiner Online-Bibliothek im Computer hast, und bestimmt noch eine ganze Menge mehr.« Sie schien darauf zu warten, dass Leonie auf eine ganz bestimmte Art auf diese Worte reagierte, aber als sie keine Antwort bekam, hob sie leicht enttäuscht die Schultern und fuhr fort: »Lass dich nicht von dem scheinbaren Durcheinander hier abschrecken. Wir haben ein sehr ausgeklügeltes Computersystem, mit dessen Hilfe wir jedes Buch innerhalb kürzester Zeit finden.«

Leonie antwortete immer noch nicht. Ihre Blicke glitten verwirrt über die ordentlich in Reih und Glied dastehenden Buchrücken. Irgendetwas stimmte damit nicht. Sie konnte nicht sagen, was es war, aber das Gefühl war einfach zu deutlich um es zu ignorieren. Sie war mit Büchern aufgewachsen und liebte sie, und auch wenn die kleine elterliche Buchhandlung, in der sie manchmal ausgeholfen hatte, nicht einmal annähernd mit dieser ungeheuren Menge von Titeln mithalten konnte, die sich rings um sie herum bis unter die Decke stapelten, so war sie doch den Anblick vieler Bücher gewöhnt. Aber das hier...

Und dann wusste sie es. Alle diese Bücher sahen gleich aus.

Natürlich gab es Unterschiede: Manche Bände waren schmal, manche dick, es gab Taschenbuchausgaben und schwere, in Leder gebundene Prachtbände und dennoch ähnelten sie sich alle auf geradezu unheimliche Weise. Die Buchrücken waren schwarz oder dunkelbraun oder blau und Farbe und Typographie der Titel und Autorennamen nahezu überall identisch. Sie vermisste das bunte Durcheinander von Formaten, Farben und Schriftarten, das sie aus der heimatlichen Buchhandlung kannte. Es war, als hätte jemand versucht, alle diese vollkommen unterschiedlichen Bücher in ein einheitliches Aussehen zu pressen, als stammten sie alle aus der Werkstatt des gleichen, streng auf Ordnung bedachten Buchbinders.

»Sind das alles... Sonderausgaben?«, fragte sie.

Frau Bender verstand nicht einmal ihre Frage, das sah Leonie ihr deutlich an. »Wie meinst du das?«

Leonie hob hilflos die Schultern. »Ich meine: Lassen Sie Ihre Bücher extra neu einbinden, damit man gleich erkennt, dass sie in diese Bibliothek gehören?«

»Wie?«, blinzelte Theresa.

»Ich meine nur...« Leonie sprach auch jetzt nicht weiter, sondern drehte sich plötzlich auf dem Absatz um, ging ein paar Schritte zurück und blickte in den benachbarten, ebenfalls aus Bücherregalen bestehenden Gang. Der Anblick unterschied sich nicht im Geringsten von dem, in dem Frau Bender und sie standen. Da waren Hunderte und Aberhunderte gleichfarbiger, gleichformatiger und ähnlich beschrifteter Bücher. Es war unheimlich.

»Was ist los mit dir?«, fragte Frau Bender, als Leonie zu ihr zurückkehrte.

»Nichts«, sagte Leonie. Sie raffte sich zu einem Lächeln auf. »Es tut mir Leid. Ich habe nicht gut geschlafen. Anscheinend bin ich heute nicht unbedingt in Hochform.«

Die Schulleiterin sah sie einen Moment lang misstrauisch an, aber dann breitete sich ein verständnisvoller Ausdruck auf ihrem Gesicht aus. »Ich an deiner Stelle wäre das wahrscheinlich auch nicht. Aber deshalb sind wir ja hier, nicht wahr - damit du auf andere Gedanken kommst. Wie ist es: Willst du unser Computersystem auf die Probe stellen? Nenn mir irgendein Buch, und ich garantiere dir, dass ich es innerhalb von zwei Minuten finde. Wenn nicht, fahre ich heute Abend mit dir in die Stadt und lade dich zum Essen ein.«

»Goethe«, antwortete Leonie.

Theresas Stirn legte sich in Falten. »Willst du mich beleidigen?«, fragte sie gutmütig. »Dafür brauche ich keinen Computer. Zwei Gänge links, das erste Regal.«

»Also gut«, sagte Leonie. »Stephen King. Atlantis.«

Damit schien sie Frau Bender schon in größere Verlegenheit zu bringen - aber das war ja schließlich der Sinn der Aktion gewesen. Leonie war auch bei ihrem Vater schon mehrmals mit ihrer Vorliebe für fantastische Literatur angeeckt, und es hätte sie fast gewundert, wenn die Schulleiterin anders als mit einem missbilligenden Stirnrunzeln reagiert hätte. Offenbar war es auch an dieser Schule wie an jeder anderen: Zwischen dem Geschmack der Lehrer und dem ihrer Zöglinge klaffte ein Spalt, so breit wie der Grand Canyon. Frau Bender verschenkte von den angestrebten zwei Minuten jedoch nur einen Atemzug, dann drehte sie sich um und trat mit schnellen Schritten an eines der allgegenwärtigen Computerterminals, die Leonie schon beim Eintreten bemerkt hatte. Mit geschickten, sehr schnellen Bewegungen tippte sie den Namen des Autors und des Buches ein und wartete darauf, dass der Computer die Antwort ausspuckte.

Er tat es nicht. Der Bildschirm blieb leer.

»Das ist seltsam.« Sie drehte den Kopf und warf Leonie einen fragenden Blick über die Schulter hinweg zu. »Bist du sicher, dass der Autor so heißt?«

Beinahe hätte Leonie laut aufgelacht. Hatte Theresa nicht vor wenigen Minuten erst behauptet, dass das hier die am besten sortierte Bücherei im weiten Umkreis wäre? Sie nickte.

Frau Bender tippte noch einmal - diesmal langsamer - Titel und Autorennamen ein, bekam aber auch jetzt kein Ergebnis. »Tja, dann hast du mich wohl erwischt«, sagte sie. »Von diesem Autor haben wir nichts. Wer soll das sein?«

»Niemand«, antwortete Leonie verstört. »Versuchen Sie...« Sie überlegte einen Augenblick. »Konsalik«, sagte sie schließlich.

Theresa tippte auch diesen Namen in die Tastatur des Computers, aber der Monitor weigerte sich noch immer eine Antwort auszuspucken.

»Und du bist sicher, dass diese beiden Leute wirklich Bücher geschrieben haben?«, erkundigte sich Frau Bender. »Ich meine: Eigentlich müssten wir sie hier haben, wenn nicht, dann müsste der Computer zumindest einen Querverweis auf andere Quellen ausspucken.«

Statt direkt zu antworten trat Leonie neben sie und fing an, nicht annähernd so schnell wie ihre Schulleiterin zuvor, aber mit deutlich größerer Sorgfalt, weitere Namen und Buchtitel in den Computer einzugeben. Sie arbeitete sich von Konsalik über Simmel, Grisham, Barbara Wood und Dean Koontz bis zu Michael Ende und schließlich J. K. Rowling vor, ohne dass der Computer auch nur einen einzigen Titel ausgespuckt hätte. Allmählich begann ihr die Sache unheimlich zu werden.

»Was suchst du eigentlich?«, fragte Theresa nach einer Weile. Die zwei Minuten, die sie vorhin so vollmundig versprochen hatte, waren längst verstrichen, aber daran dachte Leonie schon gar nicht mehr.