»Romantitel«, sagte sie. »Unterhaltungsromane, wie sie jedermann liest.«
»Belletristik also«, nickte Theresa. »Die Auswahl ist naturgemäß nicht allzu groß, aber die wichtigsten Titel haben wir selbstverständlich hier. Die Physiker, zum Beispiel, von Dürrenmatt.« Sie tippte dasselbe in die Computertastatur ein und weniger als eine Sekunde später erschien eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben auf dem Monitor. »Siehst du«, sagte sie triumphierend. »Gang sieben, Regal zwei, drittes Fach von links.«
»Aha«, machte Leonie.
»Suchst du noch mehr? Umberto Eco, Franz Kafka...« Theresa brach ab, als sie Leonies fast erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte. »Was hast du?«
»Nichts«, antwortete Leonie. »Außer vielleicht, dass man meinen könnte, mein Vater hätte Ihre Bibliothek ausgestattet. Er hält nicht viel von Unterhaltungsromanen.«
»Dein Vater hat nicht das Geringste damit zu tun«, versicherte Theresa. »Ehrlich gesagt war ich ziemlich erstaunt, als er vor ein paar Wochen angerufen hat. Ich hätte nicht erwartet, dass er überhaupt von unserer Existenz weiß.«
»Das ist es ja gerade«, murmelte Leonie.
Schaudernd sah sie sich um. Anders als vorhin machte sie sich nun die Mühe, etliche der Titel auf den Buchrücken zu entziffern, und was sie las, das verstärkte das unheimliche Gefühl noch, das von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie begann langsam an den Regalen entlangzugehen, und mit jedem Schritt, den sie tat, mit jedem Buchtitel, den sie las, wurden die Schauer kälter, die in immer rascherer Folge über ihren Rücken liefen. Theresa hatte nicht übertrieben: Die Bibliothek war tatsächlich gut sortiert. Sie fand eine große Sammlung an Gedicht- und Essaybänden, philosophische, theologische, naturwissenschaftliche und schöngeistige Schriften, aber nur sehr wenige Romane und selbst deren Auswahl beschränkte sich auf die absoluten Klassiker der Weltliteratur. Was sie gerade zu Theresa gesagt hatte, war eigentlich mehr als Scherz gemeint gewesen, doch mit einem Mal begannen ihr ihre eigenen Worte fast Angst zu machen: Es war tatsächlich so, als wäre diese ganze gewaltige Bibliothek nach dem persönlichen Geschmack und Gutdünken ihres Vaters ausgestattet worden.
Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie blieb stehen, fuhr auf dem Absatz herum und ging dann mit schnellen Schritten zu Theresa zurück, die stehen geblieben war und ihr verwirrt hinterher geblickt hatte. »Wie war das mit den Querverweisen?«, fragte sie mit einer Geste auf den Computer. »Das System kennt auch Bücher, die nicht hier sind?«
»Sicher.«
»Dann hätte es die Namen finden müssen, die ich genannt habe.«
»Falls es sie gibt«, antwortete Frau Bender. »Aber um ehrlich zu sein: Ich habe auch noch nie von diesen Autoren gehört.«
»Das ist lächerlich«, erwiderte Leonie. »Michael Ende. Die unendliche Geschichte. Sie müssen doch wenigstens davon gehört haben!«
Theresa schüttelte den Kopf, dann aber stockte sie mitten in der Bewegung und ein sonderbarer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Etwas wie Schrecken, als wäre ihr plötzlich etwas wieder eingefallen, das sie längst vergessen gehabt hatte. »Ich...«, begann sie, brach dann ab und schüttelte fast hilflos den Kopf. Zwei, drei Sekunden lang sah sie Leonie noch verstört an, dann fuhr sie mit einer plötzlichen Bewegung herum und wandte sich wieder ihrem Computer zu. Leonie konnte nicht erkennen, was sie in die Tastatur eingab, aber das Ergebnis auf dem Bildschirm war jedes Mal dasselbe: nichts.
»Das verstehe ich nicht«, murmelte sie. »Ich...«
Theresa fuhr mit einem erstickten Schrei und so heftig zurück, dass sie gegen Leonie prallte und sie vermutlich von den Füßen gerissen hätte, wären sie nicht gemeinsam gegen eines der schweren Bücherregale in ihrem Rücken gestolpert. Leonie war im ersten Moment viel zu verwirrt, um auch nur zu begreifen, was geschah. Mit einiger Mühe fand sie ihr Gleichgewicht wieder, und mit etwas mehr Mühe löste sie sich aus der Umarmung ihrer Schulleiterin, die sich ganz instinktiv an sie geklammert hatte - und dann schrie sie ebenfalls.
Eine dürre, von pergamentener, grauer Haut überzogene Hand war hinter dem Schreibtisch erschienen, auf dem der Computer stand, und hatte sich mit solcher Kraft in die Platte gekrallt, dass sich die langen Fingernägel in das weiche Holz gruben. Noch während Leonie aus hervorquellenden Augen auf das unwirkliche Bild starrte, erschien eine zweite, wie skelettiert aussehende Hand und die Kapuze eines schwarzen, zerknautschten Mantels wurde zurückgeschoben, unter der ein hakennasiges, abgrundtief hässliches Gesicht aus blutunterlaufenen Augen zu ihnen heraufblickte.
Und das war eindeutig zu viel! Sowohl Leonie als auch ihre Schulleiterin fuhren gleichzeitig mit einem Schrei herum und stürmten los. Mit einem Dutzend weit ausgreifender, gehetzter Schritte erreichten sie den Lesesaal - und Leonie, die die Spitze übernommen hatte, blieb so abrupt stehen, dass Theresa nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte und gegen sie prallte. Sie fiel. Mit wild rudernden Armen brachte Leonie das Kunststück fertig, das Gleichgewicht zu halten und nur relativ sanft auf das rechte Knie herabzusinken, und doch bemerkte sie in diesem Moment kaum etwas von dem kleinen Unglück, denn sie starrte vollkommen fassungslos auf den Sockel, auf dem die Skulptur des Scriptors gestanden hatte.
Sie war verschwunden.
»Lauft nicht weg«, wimmerte ein dünnes Stimmchen hinter ihnen.
Langsam, mit hämmerndem Herzen und am ganzen Leib vor Angst zitternd, drehte sich Leonie um. Sie wusste, was sie sehen würde, noch bevor sie die Bewegung zu Ende gebracht hatte, und dennoch musste sie die Hand vor den Mund schlagen, um nicht vor Schrecken und Furcht erneut aufzuschreien, als sie die kindsgroße, in einen schwarzen Umgang gehüllte Gestalt erblickte, die hinter dem Computertisch hervorhumpelte.
»Lauft nicht weg«, wimmerte der Scriptor. »Ihr müsst... uns helfen.«
Leonie vollführte einen ungeschickten, stolpernden Schritt zurück und wäre beinahe über Theresa gestürzt, die sich genau in diesem Moment hinter ihr wieder in die Höhe arbeitete, und die unheimliche Gestalt in dem schwarzen Kapuzenmantel schleppte sich weiter auf sie zu. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Scriptor. Er ging weit nach vorne gebeugt, sodass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, aber seine Bewegungen waren so langsam und unsicher, als brauchte er jedes bisschen Kraft, das er in sich fand, um sich überhaupt noch auf den Beinen zu halten, und statt des schrillen, aufmüpfigen Keifens, das die Stimmen der Scriptoren normalerweise kennzeichnete, waren seine Worte in einem so jämmerlichen Ton hervorgestoßen, dass es Leonie schier das Herz brach. Ein Teil von ihr hatte immer noch Angst vor diesem grotesken Geschöpf, das von seinem Sockel herabgestiegen und zum Leben erwacht zu sein schien, aber zugleich empfand sie auch ein so tiefes Mitleid mit dieser gepeinigten Kreatur, dass sie fast ohne ihr eigenes Zutun einen Schritt in ihre Richtung machte, bevor sie zitternd wieder stehen blieb.
»Was... was ist das?«, schluchzte Theresa.
Leonie reagierte nicht darauf. Die Angst war immer noch da, aber sie begann zunehmend zu verblassen wie ein Fernsehbild, das langsam von einem anderen, bedeutsameren überlagert wurde und nicht ganz verschwand, aber an Wichtigkeit verlor.
Sie machte einen weiteren Schritt in Richtung des Scriptors, dann noch einen und schließlich eilte sie dem hilflos hin und her torkelnden Geschöpf entgegen und erreichte es gerade noch rechtzeitig um es aufzufangen, als es mit einem schmerzerfüllten Wimmern endgültig zusammenbrach.
Leonie hatte nicht erwartet, dass das kleine Geschöpf sonderlich schwer sein würde; aber als sie es auffing, da hatte sie das Gefühl, kaum mehr als einen leeren Mantel in den Armen zu halten. Vor lauter Überraschung hätte sie den Scriptor nun beinahe doch fallen lassen, dann griff sie umso kräftiger zu, und vielleicht sogar ein wenig zu kräftig, denn der Scriptor stieß einen hellen Schmerzensschrei aus und versuchte mit schwächlichen Bewegungen sich aus ihrer Umarmung zu befreien. So behutsam sie konnte, ließ Leonie das kleine Geschöpf ganz zu Boden gleiten und fiel neben ihm auf die Knie. Es wurde ihr nicht selbst bewusst, aber plötzlich war jegliche Angst verschwunden und sie empfand nur noch Mitleid mit dieser gequälten Kreatur.