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»Was hast du denn nur?«, fragte sie. »Und wie kommst du hierher?«

»Helfen«, wimmerte der Scriptor. Zitternd streckte er die Hände nach ihr aus, und obwohl es noch keine fünf Minuten her war, dass Leonie schon die pure Nähe dieses Wesens mit schierer Todesangst erfüllt hatte, zögerte sie jetzt nicht, ihrerseits den Arm auszustrecken und die fast zum Skelett abgemagerten Finger des Scriptors vorsichtig zu ergreifen. »Du musst uns helfen«, jammerte das Geschöpf. »Sie töten uns. Sie töten uns alle!«

»Aber ich... ich verstehe nicht«, murmelte Leonie. Ihr Herz hämmerte immer stärker, doch die Furcht, die sich nun wie eine eisige Hand um ihr Herz schloss und es langsam und unbarmherzig zusammenzudrücken begann, war von einer gänzlich anderen Art als noch vor ein paar Augenblicken und hatte vollkommen andere Gründe. Sie hörte die Schritte ihrer Schulleiterin hinter sich (ihrer Schulleiterin? Theresa?), aber statt sich zu ihr umzuwenden, beugte sie sich nur noch weiter vor und schlug die Kapuze des Scriptors zurück. Was sie sah, hätte ihr um ein Haar noch einen Schreckensschrei entlockt.

Die Scriptoren, die sie kannte, waren alles andere als Schönheiten - um genau zu sein waren sie die mit Abstand hässlichsten zweibeinigen Kreaturen, die ihr jemals unter die Augen gekommen waren -, doch dieses Geschöpf bot einen Anblick des Jammers. Es war ebenso hässlich wie seine Brüder, aber sein Gesicht war noch viel weiter abgemagert und schien tatsächlich nur aus einem mit rissiger, graugrüner Haut überzogenen Totenschädel und einer Nase wie eine scharfe gebogene Messerklinge zu bestehen. Die Augen waren tief in die Höhlen zurückgesunken und bar jeden Glanzes und der lippenlose, breite Mund hatte nahezu alle Zähne verloren. Scriptoren dufteten schon normalerweise nicht unbedingt nach Rosenwasser, aber dieses Geschöpf verströmte einen Gestank, der Leonie fast den Magen umdrehte; den Gestank nach Krankheit und Tod.

»Um Gottes willen, was... was ist das?«, stammelte Theresa hinter ihr.

Leonie beachtete sie gar nicht, sondern beugte sich noch weiter über den Scriptor, hielt seine zitternden Finger nun mit der rechten Hand fest und strich ihm mit der Linken tröstend über die Stirn. Allein die Berührung jagte ihr schon wieder einen eisigen Schauer über den Rücken. Seine Haut fühlte sich an wie heißes Sandpapier. »Was ist nur mit dir geschehen?«, flüsterte sie.

Irgendetwas, das schon im Erlöschen begriffen war, flackerte noch einmal in den Augen des Scriptors auf und er stemmte sich mit einer schier unvorstellbaren Kraftanstrengung halb auf die Ellbogen. »Sie vernichten uns«, flüsterte er. »Du musst uns helfen. Du musst sie aufhalten oder auch... auch ihr werdet am Ende... alle...«

Seine Stimme versagte. Er stieß noch ein letztes qualvolles Röcheln aus, dann lief ein heftiges Zittern durch seinen ausgemergelten Körper und er erschlaffte endgültig in Leonies Armen. Unendlich behutsam und nur mit größter Mühe die Tränen unterdrückend, ließ Leonie das kleine Geschöpf zu Boden gleiten, und sie fühlte sich dabei, als wäre es ein alter, lieb gewonnener Freund gewesen, keine von genau den Kreaturen, die Theresa und ihr nach dem Leben getrachtet hatten, und schlimmer noch, als wäre sein Schicksal ihre Schuld.

Sie hörte, wie Theresa hinter ihr scharf die Luft einsog und erneut dazu ansetzte, eine Frage zu stellen, doch in diesem Augenblick geschah etwas Furchtbares: Leonie spürte, wie irgendeine unheimliche Veränderung mit dem leblosen Körper des Scriptors vor sich ging und zog hastig die Hände zurück. Und das keinen Augenblick zu früh, denn plötzlich lief ein heftiges Beben durch den Leib des Scriptors und dann begann er sich auf schreckliche Weise zu verändern. Sein Gesicht fiel ein und wurde zu einer hellgrünen, brodelnden Masse, die Finger sanken herab und auseinander wie plötzlich leere Handschuhe und zerschmolzen einen Augenblick später ebenfalls und dann sank der ganze Mantel raschelnd in sich zusammen. Es geschah unglaublich schnelclass="underline" Kaum eine halbe Minute, nachdem es begonnen hatte, hatte sich der Leib des Scriptors in eine hellgrüne, blubbernde Pfütze verwandelt, die sonderbarerweise intensiv nach Marzipan roch. Aber das Zischen und Brodeln hielt an und eine weitere halbe Minute später waren auch die letzten Überreste des Scriptors verschwunden. Vor Leonie und Theresa lag jetzt nur noch ein leerer, zerschlissener schwarzer Mantel.

»Großer Gott, was war das?«, murmelte Theresa.

Leonie ließ noch einen weiteren Augenblick vergehen, in dem sie reglos und von einem entsetzlichen Gefühl der Schuld gepeinigt dasaß und auf das leere Kleidungsstück hinabsah, dann richtete sie sich langsam auf und drehte sich noch langsamer zu Theresa um.

»Weißt du das wirklich nicht, Theresa?«

Ihre Schulleiterin sah sie verwirrt an. »Theresa?«, wiederholte sie. »Nimm es mir nicht übel, Leonie, aber ich glaube nicht, dass wir uns...« Sie verstummte. Ein sonderbarer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht, ähnlich dem von vorhin, als sie über die verschwundenen Buchtitel und Autorennamen gesprochen hatten, aber viel intensiver, erschrockener jetzt. Sie sah Leonie an, dann den leeren Mantel des Scriptors, dann wieder Leonie, und ganz langsam begann ein Entsetzen in ihren Augen zu erwachen, wie Leonie es niemals zuvor im Blick irgendeines Menschen gesehen hatte. »Aber das kann doch nicht... nicht sein«, flüsterte sie.

»Du musst dich erinnern«, sagte Leonie. Ihr selbst erging es kaum besser als Theresa. Ganz plötzlich waren die Erinnerungen wieder da. Sie wusste wieder, wer sie war, wo sie war, wie sie hierher gekommen und was zuvor passiert war. Aber sie verstand nichts von all dem wirklich.

»Was geschieht mit mir?«, murmelte Theresa. Sie begann am ganzen Leib zu zittern. »Was... was ist hier los?«

»Du musst dich erinnern«, wiederholte Leonie. Obwohl ein nicht kleiner Teil von ihr die junge Frau noch immer als Schulleiterin und Respektsperson betrachtete und sich mit geradezu verbissener Kraft an diese Realität klammerte, die nichts mit ihrem wirklichen Leben zu tun hatte, trat sie entschlossen auf Theresa zu, ergriff ihre linke Hand und legte die andere auf ihre Schulter. »Erinnere dich!«, sagte sie fast beschwörend. »Du kannst es, genau wie ich. Du hast die Gabe. Du musst die Welt so sehen, wie sie wirklich ist!«

Ganz instinktiv streifte Theresa ihre Hand ab und machte einen halben Schritt zurück, blieb dann aber wieder stehen. Erneut änderte sich der Ausdruck in ihren Augen; aus dem Entsetzen wurde ein gequälter Blick, der das auszudrücken schien, was auch Leonie spürte.

»Aber warum?«, murmelte sie. Mit einiger Mühe riss sie ihren Blick von Leonies Gesicht los, drehte sich halb um ihre eigene Achse und sah sich mit immer wilder werdenden Bewegungen in der Bibliothek um. »Das kann er doch nicht wirklich getan haben«, flüsterte sie. »Das... das ist unvorstellbar. So verrückt kann doch kein Mensch sein!«

Leonie verstand nicht wirklich, was sie meinte, aber Theresa gab ihr auch keine Gelegenheit, eine entsprechende Frage zu stellen, sondern war mit zwei schnellen Schritten beim nächstbesten Bücherregal und begann wahllos Bücher von den Brettern zu nehmen, um sie aufzuschlagen und dann hastig wieder zurückzustellen, manche auch einfach fallen zu lassen. Sie trat an das nächste Regal, um dort ebenso zu verfahren, dann an ein drittes und schließlich viertes, bevor sie stehen blieb und sich wieder zu Leonie umdrehte, um sie nun wieder eindeutig entsetzt anzublicken. »Du hattest Recht«, sagte sie.