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»Womit?«

»Diese Bücher hier«, antwortete Theresa. »Es sind fast nur Klassiker. Große Literatur, Weltgeschichte, Physik und Philosophie...« Sie hob die Schultern. »Das ist genau der Geschmack deines Vaters, habe ich Recht? Keine seichte Unterhaltung. Nichts Überflüssiges.«

»Du meinst, er hat diese Bücherei nach seinem Geschmack erschaffen?«, fragte Leonie. Ihr Herz begann schon wieder zu klopfen. Sie kannte die Antwort auf ihre eigene Frage, und sie war viel komplizierter und viel schrecklicher als die, die sie in diesem Moment von Theresa hören wollte.

Theresas Antwort bestand jedoch nur aus einem schrillen, fast hysterischen Laut, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem kaum noch unterdrückten Schrei bestand. »Diese Bücherei?«, keuchte sie und schüttelte heftig den Kopf. »O nein, Leonie. Ich fürchte, das ist längst noch nicht alles. Komm mit!«

Leonie streckte die Hand nach ihr aus, wie um sie aufzuhalten, aber Theresa stürmte einfach an ihr vorbei und war schon fast beim Ausgang, als Leonie endlich aus ihrer Erstarrung erwachte und sich beeilte ihr zu folgen.

Schöne neue Welt

Frank lümmelte mit vor der Brust verschränkten Armen an der Wand neben der Tür und rauchte eine Zigarette, als sie die Bibliothek verließen. Theresa war auf den letzten Schritten wieder deutlich langsamer geworden, und als sie die Tür öffnete und ins Freie trat, schlenderte sie nicht nur fast gemächlich dahin, sondern hatte sich auch darüber hinaus wieder vollkommen in der Gewalt. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, fand Leonie, wirkte schon fast gelangweilt. Wie es schien, musste sie ihre etwas voreilig gefasste Meinung über Theresa wohl überdenken. Die junge Frau war anscheinend eine weitaus bessere Schauspielerin, als sie bisher angenommen hatte.

Trotzdem schrak Frank heftig zusammen, als er das Geräusch der Tür hörte, nahm hastig die Zigarette aus dem Mund und schien eine geschlagene Sekunde lang nicht zu wissen, was er damit anfangen sollte. Dann tat er etwas, von dem Leonie beim besten Willen nicht sagen konnte, ob sie es nun nur sonderbar oder eher ziemlich erschreckend finden sollte: Statt den brennenden Glimmstängel einfach wegzuwerfen, schloss er die Hand darum und drückte die Zigarette auf diese ziemlich drastische Weise aus. Und wenn sie jemals den Ausdruck schlechten Gewissens auf dem Gesicht eines Menschen gesehen hatte, dann jetzt.

Leonie wollte eine entsprechende Frage stellen, aber sie fing im letzten Moment einen warnenden Blick von Theresa auf und folgte ganz automatisch ihrem Beispiel, indem sie mit schnellen Schritten an Frank vorbeiging und so tat, als hätte sie gar nichts bemerkt. Noch etwas Sonderbares geschah: Obwohl Frank noch vor kaum einer Viertelstunde schon fast gewaltsam darauf bestanden hatte, nicht von ihrer Seite zu weichen, ließ er Theresa und ihr jetzt gute zehn Schritte Vorsprung, bevor er ihnen endlich folgte, und selbst das alles andere als schnell.

»Was war denn das für ein Manöver?«, fragte sie verstört. Theresa warf ihr einen neuerlichen warnenden Blick zu, antwortete aber trotzdem - wenn auch leise - auf ihre Frage: »Wir haben ihn beim Rauchen ertappt.«

»Und?«, fragte Leonie.

Ein leises, amüsiertes Lächeln spielte für einen Moment um Theresas Lippen. »Niemand in diesem Teil der Welt raucht«, antwortete sie betont. »Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.«

»Soll das heißen, es ist verboten?«, fragte Leonie ungläubig.

»Verboten?« Theresa sah sie einen Moment lang fast irritiert an, dann lächelte sie erneut und schüttelte hastig den Kopf. »Wo denkst du hin? Schließlich leben wir nicht in einem Polizeistaat. Aber es gilt als unanständig, in der Öffentlichkeit zu rauchen, und als äußerst unvernünftig, es überhaupt zu tun.«

»Aha«, antwortete Leonie. Sie verstand nichts mehr.

Theresa lächelte noch einmal auf eine sehr merkwürdige - und wie Leonie fand, nicht wirklich amüsierte - Art, warf noch einen raschen Blick über die Schulter zu Frank zurück und beschleunigte ihre Schritte dann noch einmal, sodass Frank schon hätte rennen müssen um sie noch einzuholen, bevor sie das Hauptgebäude erreichten; was er selbstverständlich nicht tat.

»Und jetzt?«, fragte Leonie, als Theresa die Tür zwar öffnete, aber keinerlei Anstalten machte, hindurchzutreten oder gar weiterzugehen.

Theresa signalisierte ihr mit einem raschen Blick, sich zu gedulden, öffnete die Tür noch weiter und machte dann eine übertrieben einladende Geste in Franks Richtung. »Beeilen Sie sich ein bisschen«, rief sie. »Meine Stunde fängt gleich an. Und Sie wollen sich doch bestimmt einen guten Platz sichern, von dem aus Sie Leonie gut im Auge behalten können.«

Frank schenkte ihr einen bösen Blick, schwieg aber und marschierte stolz erhobenen Hauptes an ihnen vorbei. »Die Lehrertoilette ist gleich die Treppe hinauf und dann links«, sagte Theresa amüsiert. »Dort gibt es auch einen Verbandskasten. Nur falls Sie Ihre verbrannte Hand versorgen wollen.«

Leonie starrte sie verwirrt an. Dass Theresa nicht begeistert über Franks Anwesenheit war, hatte sie mittlerweile akzeptiert, aber sie verstand immer weniger, warum sie scheinbar alles in ihrer Macht Stehende tat, um ihn zu provozieren. Frank setzte auch zu einer gebührend scharfen Antwort an, aber Theresa schnitt ihm mit einer raschen Handbewegung das Wort ab, noch bevor er es überhaupt ergreifen konnte.

»Keine Sorge«, meinte sie. »Ich werde niemandem etwas verraten. Um ehrlich zu sein gönne ich mir selbst ab und zu eine Zigarette, wenn ich sicher bin, dass es niemand sieht.«

Frank überlegte einen Moment lang sichtlich angestrengt. Dann hob er den Arm, blickte mit nachdenklich gerunzelter Stirn auf seine versengte Handfläche und nickte. »Ich kann mich darauf verlassen, dass Sie auf Leonie Acht geben?«

»Wie auf meine eigene Tochter«, antwortete Theresa. Ihre Hand strich dabei in einer raschen, fast unbewussten Geste über die dünne Silbernadel, die an einer Kette an ihrem Hals hing, und für einen kurzen Augenblick erschien ein sehr warmes, seltsames Lächeln in ihren Augen, das Leonie nicht verstand.

»Also gut«, sagte Frank. »Ich beeile mich.«

Er ging. Theresa sah ihm nachdenklich hinterher, bis er am oberen Ende der Treppe verschwunden war. »Irgendwie müssen wir deinen Schutzengel loswerden«, murmelte sie.

»Warum?«

Theresa schnaubte. »Was glaubst du wohl, mit wem dein Freund ständig telefoniert?«, fragte sie.

Leonie hob die Schultern, antwortete aber trotzdem: »Mit meinem Vater, nehme ich an. Oder mit Hendrik.« Sie maß Theresa mit einem langen Blick. »Warum fragst du?«

Statt einer Antwort sah Theresa noch einmal zum oberen Ende der Treppe hin, dann drehte sie sich mit einem plötzlichen Ruck um und ging mit so schnellen Schritten davon, dass Leonie sich sputen musste um zu ihr aufzuschließen. Sie hatte damit gerechnet, dass Theresa einen der Unterrichtsräume ansteuern würde - schließlich hatte sie ja gerade erst zu Frank gesagt, dass ihre Stunde gleich anfing -, aber sie eilte schnurstracks zur Mensa zurück.

Der Lärm, der aus dem Speisesaal drang, hatte deutlich nachgelassen. Leonie hörte jetzt nur noch ein gedämpftes Klappern und Klirren und das halblaute Murmeln einiger weniger Stimmen, sodass sie annahm, dass die meisten Schüler bereits in ihre Klassen gegangen und der Speisesaal nahezu verlassen war, aber das genaue Gegenteil war der Fall. Auch der letzte freie Tisch am Fenster, an dem Theresa und sie vorhin gesessen hatten, war nun besetzt, und vor der Essensausgabe hatte sich eine lange Schlange gebildet, die nahezu bis zur Tür reichte.

Allerdings hatte Leonie noch nie eine solche Schlange gesehen, zumindest nicht im Speisesaal einer Schule. Die Schülerinnen und Schüler standen in einer geordneten Zweierreihe da, geduldig und sehr ruhig, ohne zu drängeln oder zu schubsen, jeder mit einem Tablett bewaffnet, das er ordentlich vor sich hielt, bis er an der Reihe war. Niemand versuchte sich vorzudrängeln, niemand stänkerte oder ärgerte seinen Vordermann, niemand randalierte oder lachte auch nur übermäßig laut. Und das war längst noch nicht alles. Es dauerte einen Moment, bis Leonie auffiel, was hier wirklich nicht stimmte: Es waren die Schüler.