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Leonie fuhr mit einem so plötzlichen Ruck herum, dass etliche der gemurmelten Gespräche im Raum verstummten und ihre zukünftigen Mitschüler die Köpfe in ihre Richtung drehten und sie ansahen. Hier und da erschien ein fragender Ausdruck in einem Augenpaar, eine Stirn wurde verwirrt gerunzelt, eine Hand mit einer Gabel oder einem Glas hielt mitten in der Bewegung inne. Aber es waren ausnahmslos nur Überraschung und Erstaunen, die sie in den Gesichtern der Jungen und Mädchen las, nichts von all dem, was man erwartet hätte, wenn eine neue Schülerin an einer Schule erschien und sich gleich an ihrem allerersten Morgen kräftig danebenbenahm. Da war kein Spott, keine Häme, keine abfällige Bemerkung und kein derber Scherz auf ihre Kosten. Sie blickte nur in freundliche (und übrigens auch nur gut aussehende) und allenfalls etwas verwirrte Gesichter. Und so ganz nebenbei hatte sich auch das Aussehen der Anwesenden geändert: Die Jungen und Mädchen waren ohne Ausnahme ordentlich gekleidet und frisiert, und es erschien Leonie schon beinahe selbstverständlich, dass niemand mit vollem Mund sprach oder mit dem Essen herummanschte.

Leonie japste nach Luft.

»Ja«, murmelte Theresa. »Genau dasselbe wollte ich auch gerade sagen.« Etwas lauter und an die versammelten Schüler gerichtet fügte sie hinzu: »Die Teilnehmer der Geschichte-AG denken bitte daran, in fünf Minuten in den Vorführraum zu kommen.«

Hastig drehte sie sich um, drängelte Leonie beinahe gewaltsam aus dem Raum und zog die Tür hinter sich zu. »Das sind...«, begann sie, schüttelte den Kopf und brach mit einem hilflosen Schulterzucken und sichtlich nach Worten ringend ab.

»Zombies?«, schlug Leonie vor.

Theresa lächelte zwar, aber es wirkte ein wenig gequält. »Ich hätte es etwas anders formuliert«, erwiderte sie. »Eine Klasse, von der jeder Lehrer auf diesem Planeten träumt, zum Beispiel.«

»Sag ich doch«, bestätigte Leonie. »Zombies.«

Diesmal wirkte Theresas Lächeln schon etwas echter. Aber es hielt nur einen Atemzug, dann schüttelte sie abermals den Kopf und wurde schlagartig wieder ernst. »Heute Morgen waren sie noch nicht so.«

»Du meinst, bevor Frank mit meinem Vater telefoniert hat.«

»Zum Beispiel«, bestätigte Theresa. Plötzlich wirkte sie nicht mehr ernst, sondern sehr besorgt. »Erinnerst du dich an die Bibliothek? Das, was du darüber gesagt hast?«

»Dass sie mir vorkommt, als hätte mein Vater sie eingerichtet? Klar.« Leonie nickte und dann konnte sie selbst spüren, wie jedes bisschen Farbe aus ihrem Gesicht wich. Sie keuchte. »Du meinst doch nicht...«

Das Geräusch rasch näher kommender Schritte ließ sie verstummen, und noch während sie sich umdrehte, fing sie einen warnenden Blick von Theresa auf. Sie war nicht erstaunt, als sie Frank erkannte, der mit schnellen Schritten auf sie zuhielt. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Hand zu verbinden, sondern nur ein aufgeweichtes Papiertuch darumgewickelt, um sie zu kühlen. Leonie vermutete, dass er sich eine hübsche Brandblase eingehandelt hatte.

»Ich dachte, Sie wären schon in Ihrem Klassenzimmer«, sagte er stirnrunzelnd.

»Wir sind auf dem Weg dorthin.« Theresa machte eine Kopfbewegung hinter sich. »Ich habe nur ein paar Nachzügler eingesammelt.« Mit einer demonstrativen Bewegung wandte sie sich zu Leonie um und sah sie beschwörend an. »Können wir?«

Für zwei oder drei Sekunden war Leonie einfach fassungslos. Nach allem, was sie gerade herausgefunden hatten, wollte Theresa ihr einen Film zeigen?

»Er wird dich interessieren, glaub mir«, fügte Theresa hinzu, laut und mit einem aufgesetzten Lächeln, aber auch mit einem noch beschwörenderen Blick. Sie hatte irgendetwas vor, das war Leonie klar, aber sie wusste nicht was. Sie nickte.

»Wollen Sie uns vielleicht begleiten?« fragte Theresa jetzt Frank mit zuckersüßer Stimme. »Wir haben genügend freie Plätze unten im Vorführraum und ein wenig Bildung hat noch niemandem geschadet.«

»Ich weiß«, antwortete Frank gelassen. »Es ist erst zwei Jahre her, dass ich meinen Magister in Germanistik und angewandter Psychologie gemacht habe.«

»Das überrascht mich jetzt wirklich«, bemerkte Theresa. »Ich dachte, in Ihrem Job braucht man eher Fertigkeiten wie Kung-Fu und Fahrgeschick.«

»Oh, darin bin ich auch ziemlich gut«, versicherte Frank. »Aber ein Psychologiestudium ist manchmal ganz nützlich. Es erleichtert es einem zum Beispiel ungemein, zu erkennen, wann man belogen wird.«

Theresa sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und setzte zu einer entsprechenden Antwort an, aber Leonie reichte es. Ihrer Meinung nach übertrieb Theresa mittlerweile hoffnungslos - letztendlich tat Frank nur seine Arbeit, und man konnte ihm schwerlich vorwerfen, dass er gut darin war -, und darüber hinaus war jetzt wirklich nicht der richtige Moment, eine private Fehde auszutragen. Mit einem entschlossenen Schritt trat sie zwischen Frank und Theresa und fragte: »Wohin müssen wir?«

Fast schien es, als würde sich Theresas Zorn nun auf Leonie entladen, dann aber seufzte sie nur und signalisierte ihr mit einem entsprechenden Blick, dass sie verstanden hatte. Die Sache war damit noch nicht vorbei, das war Leonie klar, aber zumindest für den Moment hatte Theresa wohl eingesehen, dass Diplomatie in diesem Fall eher zum Ziel führen würde. Sie machte eine entsprechende Handbewegung. »Dort entlang. Gleich die zweite Tür links.«

Der Vorführraum war ein großes, überraschend helles Zimmer mit weiß gestrichenen Wänden und großen Fenstern, durch die man auf den gepflegten parkähnlichen Garten blickte. Es gab keinen Filmprojektor und anstelle einer Leinwand hing ein mindestens vier Meter langer und etwa halb so breiter Flachbildschirm an der Wand. Leonie war einigermaßen überrascht. Sie hatte in einer Buchhändlerschule keinen so riesigen und sicherlich sehr kostspieligen LCD-Monitor erwartet. Gut zwei Dutzend Schüler saßen in einem lockeren Halbkreis auf einfachen, aber nichtsdestoweniger sehr bequem aussehenden Plastikstühlen vor der Bildwand. Die ohnehin nur gemurmelten Gespräche im Raum verstummten abrupt, als Leonie, Frank und Theresa eintraten. Und hätte Leonie noch irgendwelche Zweifel daran gehabt, dass sie sich denselben Zombieschülern gegenübersah, die ihr auch schon in der Mensa begegnet waren, sie wären spätestens in diesem Moment beseitigt gewesen. Es gab einfach keine Schulklasse auf der Welt, die spontan applaudierte, wenn ihre Lehrerin hereinkam und der Unterricht begann.

Außer hier.

»Such dir irgendwo einen freien Platz«, sagte Theresa. »Wo immer du willst. Es gibt keine Sitzordnung.« Sie drehte sich zu Frank um. »Und Sie...«

»Ich bleibe hier an der Tür und verhalte mich mucksmäuschenstill, keine Sorge«, unterbrach sie Frank. »Die werden nicht einmal merken, dass ich da bin.«

»Das will ich hoffen«, erwiderte Theresa düster. Sie wedelte ungeduldig mit der Hand. »Bitte setz dich, Leonie, wir sind sowieso schon spät dran.« Als Leonie an ihr vorbeiging, raunte sie ihr zu: »Der Platz ganz links, direkt am Fenster. Neben dem Bildschirm ist eine Tür.«

Leonie ging zu dem bezeichneten Platz und ließ sich darauf nieder, und auch Frank verließ allem zum Trotz, was er gerade gesagt hatte, seinen Posten neben dem Eingang und begann mit einer kurzen, aber sehr gründlichen Inspektion des Raumes. Theresa sah ihm mit unübersehbarem Ärger zu, verbiss sich aber jeglichen Kommentar und schwieg, bis Frank endlich zufrieden war und zur Eingangstür zurückkehrte - um sich mit demonstrativ vor der Brust verschränkten Armen dagegenzulehnen.