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»So, nachdem wir nun endlich anfangen können«, begann Theresa mit einem giftigen Blick in Franks Richtung, »begrüße ich euch alle zu unserer heutigen Geschichtsstunde.« Sie hielt jetzt eine flache Fernbedienung an der Hand, mit der sie flüchtig auf den gewaltigen Bildschirm hinter sich deutete. Das Gerät erwachte mit einem kaum hörbaren elektrischen Knistern zum Leben. »Heute befassen wir uns mit einem der dunkelsten Kapitel unserer Vergangenheit, dem letzten großen Krieg. Aus diesem Grund habe ich einen Film vorbereitet, der eure Erinnerung auffrischen soll, bevor wir im zweiten Teil der Stunde über das Gehörte diskutieren.«

Zum ersten Mal überhaupt wurde hier und da ein leises Murren laut und Theresa hob besänftigend die Hand. »Ich weiß, dass vielen von euch dieses Thema nicht gefällt, und glaubt mir, mir selbst geht es ganz genauso. Dennoch ist es wichtig, darüber zu reden.«

»Aber warum?«, fragte einer der Schüler. »Das ist doch Ewigkeiten her! Niemand führt heute mehr Krieg!«

»Es gibt doch schon seit fünfzig Jahren keine Armeen mehr auf der Welt!«, fügte ein anderer Schüler hinzu.

Leonie drehte sich auf ihrem Stuhl um und reckte den Hals, um nach denjenigen Ausschau zu halten, die diesen Unsinn von sich gegeben hatten. Erstaunlicherweise schien sie allerdings die Einzige hier zu sein, der das aufgefallen war.

»Und einer dieser Gründe dafür«, fügte Theresa mit einem beifälligen Lächeln hinzu, »war der große Krieg von 1914 bis 1918, der vom Boden dieses Landes aus seinen Anfang nahm.«

»Der Erste Weltkrieg, ja«, sagte Leonie. Geschichte hatte sie nie sonderlich interessiert und Militärgeschichte schon überhaupt nicht. Aber das wusste ja nun wirklich jedes Kind.

Nun ja - fast jedes.

»Wieso der Erste!«, fragte das Mädchen, das neben ihr saß.

»Ganz genau, der Weltkrieg«, sagte Theresa beinahe hastig und warf Leonie einen raschen warnenden Blick zu. »Er setzte nahezu ganz Europa in Brand und Millionen fanden den Tod.«

»Und was war mit dem Zweiten Weltkrieg?«, fragte Leonie.

Ihre Nachbarin starrte sie an, als zweifele sie an ihrem Verstand, und Theresas Blick wurde geradezu beschwörend. »Der fand gottlob niemals statt«, sagte sie hastig. »Dieser letzte große Krieg war so entsetzlich und hat so viele Leben gekostet, dass der Rest der Menschheit endlich vernünftig wurde und es nie wieder zu einem solch schrecklichen Irrsinn kam. Bald darauf wurde die Kriegführung weltweit geächtet und vor zweiundfünfzig Jahren wurde die letzte reguläre Armee auf der Welt offiziell aufgelöst. Seit einem halben Jahrhundert herrscht nun Frieden auf der Welt. Aber gerade deshalb dürfen wir die schrecklichen Ereignisse nicht vergessen, die dazu geführt haben, dass die Menschen endlich Vernunft annahmen.«

Leonie starrte sie mit offenem Mund an. Waren sie jetzt in der Abteilung Science-Fiction und Fantasy angekommen? Was Theresa da erzählte, mochte ja ein schöner Traum sein, aber mehr auch nicht - und noch dazu war es ziemlich naiv.

Dennoch fuhr Theresa vollkommen unbeeindruckt fort. »Wir schauen uns jetzt gemeinsam einen Film an, über den wir später noch diskutieren werden.« Sie tippte auf die Fernbedienung. Mit einem kaum hörbaren Summen begannen sich schwarze Lichtschutzrollos vor die Fenster zu schieben und gleichzeitig übernahm sanftes, indirektes Licht die Beleuchtung. Theresa trat zwei Schritte zurück, warf Leonie einen weiteren verstohlenen Blick zu und drückte eine Taste auf ihrer Fernbedienung, woraufhin der riesige Bildschirm in grellem Weiß aufleuchtete und eine Sekunde später in Flammen aufging.

Natürlich explodierte er nicht wirklich. Vielmehr zuckte eine grelle Lichtexplosion über den wandgroßen Schirm, und gleichzeitig drang das Krachen und Dröhnen einer so ungeheuren Explosion aus den versteckt angebrachten Lautsprechern, dass Leonie spüren konnte, wie der Stuhl unter ihr zu zittern begann.

Dann fiel das Licht aus.

In der nächsten Sekunde wurde der Bildschirm schwarz und Theresa schrie mit schriller Stimme: »Feuer!«

Das Ergebnis war das blanke Chaos.

Schreie gellten durch den Raum. Jungen und Mädchen sprangen in die Höhe. Stühle wurden umgeworfen und schlitterten krachend über den Boden. Gleichzeitig erwachte der Bildschirm wieder zum Leben und begann Flammen und grelle Lichtblitze zu spucken, Explosionen grollten und ringsumher brach endgültig Panik aus.

Auch Leonie sprang in die Höhe und fuhr herum. Im ersten Moment hatte sie fast Mühe, sich zu orientieren. Das Grollen und Krachen dröhnte immer lauter. Der Bildschirm spie Flammen und stroboskopische orangeweiße Lichtexplosionen in den Raum, die die Bewegungen der durcheinander stürzenden Schüler in harte Einzelbilder zerhackten. Für eine oder zwei Sekunden drohte auch sie den Überblick zu verlieren. Um ein Haar hätte sie sich einfach der Menge angeschlossen, die hysterisch auf den Ausgang zurannte.

Es war Franks Anblick, der sie wieder in die Wirklichkeit zurückriss.

Auch er war erschrocken zusammengefahren, als die erste Explosion auf dem Bildschirm aufgeflammt war, aber er geriet keineswegs in Panik. Ganz im Gegenteil bewies seine Reaktion, was Leonie schon die ganze Zeit über vermutet hatte: dass er sich bestens auf seinen Job verstand. Statt das Nächstliegende zu tun - nämlich die Tür, an der er mit lässig verschränkten Armen gelehnt hatte, aufzureißen und hindurchzustürmen -, stieß er sich mit einer kraftvollen Bewegung davon ab und versuchte in ihre Richtung zu laufen.

Es blieb bei dem Versuch.

Franks Pech war, dass ihm gut dreißig Schülerinnen und Schüler entgegenströmten, die im Moment nichts anderes im Kopf hatten, als den Raum durch genau diese Tür zu verlassen. Er wurde einfach von der lebenden Flut ergriffen und mitgerissen. Das Letzte, was Leonie von ihm sah, waren seine hilflos rudernden Arme und der fassungslose Ausdruck auf seinem Gesicht, als er einfach auf den Flur hinausgestoßen wurde und dann verschwand. Beinahe hätte er ihr sogar Leid getan.

Aber nur beinahe.

Leonie riss sich fast gewaltsam in die Wirklichkeit zurück und fuhr wieder herum. Ihr Blick tastete hektisch über die Wand neben dem Bildschirm und suchte die Tür, von der Theresa gesprochen hatte. Im ersten Anlauf hatte sie Mühe, sie zu entdecken, und für einen winzigen, aber durch und durch grässlichen Moment drohte sie erneut in Panik zu geraten. Dann - endlich - bemerkte sie einen haarfeinen Spalt in der Tapete. Ohne auch nur noch einen Blick zum Ausgang zurückzuwerfen, stürmte sie los.

Es gab keine Klinke oder irgendeinen anderen Öffnungsmechanismus, aber die Tür sprang mit einem leisen Klicken auf, gerade als Leonie die Hand danach ausstrecken wollte. Dahinter lag ein schmaler, lang gestreckter Raum, an dessen Wänden sich deckenhohe Metallregale entlangzogen, die mit allem möglichen Krempel voll gestopft waren, sodass nur ein schmaler Gang in der Mitte frei blieb. Am gegenüberliegenden Ende befand sich eine weitere, nackte Metalltür mit einem kleinen Notausgang-Schildchen darüber. Leonie durchquerte den Raum mit schnellen, weit ausgreifenden Schritten und hätte sich fast die Hand verstaucht, als sie ohne innezuhalten auch durch die nächste Tür stürmen wollte.

Sie war verschlossen.

Leonie stolperte einen Schritt zurück, betrachtete eine Sekunde lang verdutzt ihre geprellte Hand und dann ein wenig länger und eindeutig mehr als nur ein wenig fassungslos die verschlossene Tür. Wieso ging dieses vermaledeite Ding nicht auf? Ganz davon abgesehen, dass sie es gewohnt war, dass sich alle Türen vor ihr öffneten, war es eindeutig ein Notausgang, der gar nicht verschlossen sein durfte.

Ihr blieb keine Zeit, sich über die Ungerechtigkeit des Schicksals aufzuregen. Fast verzweifelt fuhr sie herum und starrte die Tür an, durch die sie hereingekommen war. Noch war sie verschlossen, aber es konnte nur Augenblicke dauern, bis ihr Schutzengel seine Glieder entwirrt hatte und wieder in den Vorführraum stürmte um nach ihr zu suchen. Und wenn er auch nur halb so gut war, wie Leonie annahm, dann würde er höchstens ein paar Sekunden brauchen, um die getarnte Tür neben der Bildschirmwand zu entdecken.