Etwas berührte ihren Fuß, ganz sacht nur, kaum mehr als das Streicheln einer Feder, aber Leonie fuhr trotzdem erschrocken zusammen und hätte um ein Haar laut aufgeschrien.
Dann senkte sie den Blick und sie vergaß schlagartig ihren Schrecken. Ihre Augen wurden groß. »Conan?«, murmelte sie ungläubig.
Die winzige Maus hüpfte von ihrem Fuß hinunter, entfernte sich ein paar trippelnde Schritte, drehte sich dann um und blickte zu ihr hoch, und es gab nicht den geringsten Zweifeclass="underline" Es war Conan. Sie erkannte Conan nicht nur an seinem ganz und gar nicht mäusischen Benehmen, sondern auch an der dünnen Schramme auf der Nase, die von seinem Zusammenstoß mit Mausetod herrührte. Aber wie kam er hierher?
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, trippelte die Maus auf eines der Regale zu, kletterte mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt an dem nackten Metall hoch und drehte sich auf dem obersten Regalbrett wieder um, bevor er auffordernd zu ihr herabblickte.
»Das... das meinst du jetzt nicht ernst!«, ächzte Leonie.
Conan grinste sie an und nickte.
Leonie blinzelte. Es war keine Einbildung. Die Maus grinste sie tatsächlich an. Schadenfroh. Ganz eindeutig schadenfroh.
Draußen polterte es. Ein gedämpfter Schrei und dann eine wütende Stimme drangen durch die geschlossene Tür und Leonie warf ihre letzten Bedenken über Bord und trat an das Regal heran. Die gesamte Konstruktion begann zu ächzen und unter ihrem Gewicht zu zittern, als sie daran emporkletterte.
Die Stimmen, die durch die Tür drangen, wurden lauter. Leonie glaubte Theresa und Frank in dem Stimmengewirr zu erkennen, und auch wenn sie nicht ganz sicher war, trieb sie allein der Gedanke an ihren Bodyguard dazu an, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. Das gesamte Eisenregal begann zu wanken und Leonie sah sich schon rücklings zu Boden stürzen und unter einem tonnenschweren Trümmerberg begraben daliegen. Aber darauf kam es jetzt vermutlich auch nicht mehr an.
Mit einem entschlossenen Ruck zog sie sich ganz auf das oberste Regalbrett hinauf, wo Conan auf sie wartete, und hielt entsetzt den Atem an, als sich das gesamte Regal ächzend nach vorne neigte und dann mit einem hörbaren Knirschen wieder in seine ursprüngliche Position zurücksackte. Irgendetwas fiel aus dem Regal und zersplitterte mit einem Krachen auf dem Fußboden, das Leonies Meinung nach auf dem gesamten Schulgelände zu hören sein musste. Conan piepste, kitzelte mit seinen Barthaaren durch ihr Gesicht und trippelte wieder davon und Leonie drehte sich mühsam in dem schmalen Zwischenraum zwischen Regal und Decke um und versuchte hinter ihm herzukriechen. Conan flitzte schnurstracks auf die Wand zu und durch sie hindurch.
Die Stimmen wurden noch lauter, dann flog die Tür mit einem Knall auf und sie konnte hören, wie jemand hereinstürmte. Leonie kroch sofort hastig weiter. Irgendetwas Scharfkantiges schrammte schmerzhaft über ihre Rechte und hinterließ einen langen, blutigen Kratzer auf ihrem Handrücken, aber Leonie nahm auch darauf keine Rücksicht mehr, sondern bewegte sich nur umso schneller. Eingedenk dessen, was ihr gerade mit dem Notausgang passiert war, schloss sie schon einmal die Augen und versuchte sich gegen den Schmerz zu wappnen, mit dem ihr Schädel gegen die massive Ziegelsteinmauer prallen würde.
Sie schlug sich den Schädel an, und zwar so gewaltig, dass sie buchstäblich Sterne sah - allerdings nicht an der Wand, sondern einen guten Meter tiefer auf dem Boden des gemauerten Raumes, in den sie jäh hinabstürzte.
Einen Moment lang blieb sie einfach benommen liegen und wartete darauf, dass ihr Kopf aufhörte sich so anzufühlen, als wollte er jeden Augenblick explodieren. In ihren Ohren rauschte das Blut, und wie von weit, weit her hörte sie Stimmen, die heftig miteinander stritten. Irgendetwas raschelte und ein süßlicher, nicht einmal unangenehmer Geruch drang ihr in die Nase.
Leonie stemmte sich mühsam in die Höhe und blinzelte ein paarmal, bis die bunten Sterne vor ihren Augen allmählich verblassten. Sie musste nicht lange darüber nachdenken, wo sie war: Die Wände der niedrigen gewölbten Kammer, in die sie gestürzt war, bestanden aus roh vermauerten Ziegelsteinen und sie identifizierte das seltsame Aroma jetzt eindeutig als den typischen Geruch von Buchbinderleim. Sie war wieder im Archiv - wenn auch offensichtlich in einem Teil des unterirdischen Labyrinths, den sie zuvor noch nie kennen gelernt hatte.
Die Kammer war kreisrund und maß vielleicht sieben oder acht Meter, war dabei aber gerade so hoch, dass ein groß gewachsener Mann unter der Mitte der leicht gewölbten Decke aufrecht stehen konnte. Ein gutes Dutzend runder, halbmetergroßer Öffnungen war in regelmäßigen Abständen auf halber Höhe in den Wänden verteilt - durch eines dieser Zuflussrohre war Leonie hereingeschlittert - und genau in der Mitte der Kammer befand sich eine große, mit schweren Eisenstäben vergitterte Öffnung im Boden. Die Luft war warm und feucht, und je mehr sich ihre Augen an das schwache Licht gewöhnten, umso deutlicher sah sie die kleinen, hellgrün schimmernden Pfützen auf dem Boden und die glitzernden, hellgrünen Tropfen, die sich in den Fugen des morschen Mauerwerks festgesetzt hatten, an den Wänden herabliefen oder in dünnen Rinnsalen aus den Zuflüssen tröpfelten.
Ein eisiges Frösteln kroch Leonies Rücken herauf, als sie begriff, wo sie sich befand: Sie war wieder in einem Teil des unterirdischen Kanalsystems, durch das Theresa und sie geirrt waren, bevor sie in die Gefangenschaft des Archivars geraten waren. Dies hier musste wohl so etwas wie ein Sammelbecken sein, in das Abflussrohre aus verschiedenen Richtungen mündeten, um sich zu einem größeren Strom zu vereinen. Sie schauderte erneut - und heftiger -, als ihr klar wurde, was für ein Glück sie gehabt hatte, dass das System im Moment nicht in Betrieb war. Andererseits hätte Conan sie wohl kaum hierher geführt, wenn die Gefahr bestanden hätte, dass sie in kochendem Buchbinderleim ertrank...
Wo war die Maus überhaupt?
Leonie sah sich aufmerksam um, dann lauschte sie einen Moment lang noch konzentrierter, aber von Conan war weder etwas zu sehen noch zu hören. Leonie machte sich allerdings keine allzu großen Sorgen um ihren kleinen Freund - Conan konnte ganz gut auf sich selbst aufpassen, und bisher war dieses bemerkenswerte Tier eigentlich immer verlässlich aufgetaucht, wenn sie es wirklich gebraucht hatte. Möglicherweise hatte das Tierchen sie ja auch gar nicht hierher geführt, weil es ihr etwas Bestimmtes zeigen wollte, sondern war nur in das erstbeste Versteck gehuscht, um vor Frank in Sicherheit zu sein.
Sie wandte sich wieder dem Rohr zu, durch das sie hereingekommen war. Franks und Theresas Stimmen - sie konnte sie nun genau unterscheiden - waren deutlich auf der anderen Seite zu vernehmen, und als Leonie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie die beiden sogar sehen; wenn auch nur ihre Köpfe, auf die sie aus gut zwei Metern Höhe hinabblickte. Die beiden waren bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Sie stritten sich.
»Das wird Folgen haben, verlassen Sie sich darauf«, sagte Frank gerade. »Leonies Vater wird nicht begeistert sein, wenn ich ihm davon erzähle!«
»Wovon?«, gab Theresa spöttisch zurück. »Dass wir hier einen Kurzschluss hatten und das Licht ausgefallen ist?«
»Kurzschluss, dass ich nicht lache!« Frank wedelte aufgeregt mit etwas herum, das Leonie erst auf den zweiten Blick als die kleine Fernbedienung erkannte, die Theresa vorhin in der Hand gehabt hatte. »Den haben Sie damit fabriziert, und zwar mit voller Absicht!«
»Ach, und wie?«
»Das finde ich schon heraus«, versprach Frank düster. »Ich werde das Ding mitnehmen und gründlich untersuchen lassen.«