»Also, wenn Sie kaputte Fernbedienungen sammeln«, antwortete Theresa spöttisch, »dann kann ich Ihnen noch eine ganze Menge...«
»Schluss jetzt!« Frank schrie fast. Wütend trat er an den Notausgang heran und riss ein paarmal ebenso ungeduldig wie vergebens an der Klinke. »Ich gebe Ihnen eine letzte Chance: Sie sagen mir, wo Leonie ist, und bringen mich zu ihr und die ganze Sache bleibt unter uns.«
»Und wenn nicht?«, erkundigte sich Theresa in fast fröhlichem Ton.
»Dann sehe ich mich gezwungen, Leonies Vater anzurufen und ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass Sie seiner Tochter zur Flucht verholfen haben«, antwortete Frank. »Glauben Sie mir: Dass Sie Ihren Job verlieren, dürfte danach Ihr allerkleinstes Problem sein.«
»Zur Flucht verholfen.« Theresa schüttelte den Kopf und lachte leise. »Großer Gott, das klingt ja, als wäre sie eine Schwerverbrecherin.«
»Sie haben keine Ahnung, in welcher Gefahr sich das Mädchen befindet, wie?«, fragte Frank, plötzlich sehr leise, aber auch sehr ernst.
»Nein«, antwortete Theresa. »Warum erzählen Sie es mir dann nicht?«
»Sagen Sie mir dann, wo sie ist?«
»Ich weiß es nicht, verdammt noch mal«, antwortete Theresa zornig - was vermutlich sogar der Wahrheit entsprach.
Frank seufzte. »Also gut. Sie haben es nicht anders gewollt.« Er steckte die Fernbedienung ein, sah Theresa noch einmal durchdringend an und fuhr dann auf dem Absatz herum. Leonie hörte, wie die Tür hinter ihm zuknallte. Sie zögerte nur noch einen Moment, dann hob sie entschlossen die Arme und schob sich mit einiger Mühe durch das schräg ansteigende Rohr wieder auf das Regal auf der anderen Seite hinaus.
Im ersten Moment bemerkte Theresa sie nicht einmal. Sie stand an der Tür zum Vorführraum und zerrte wütend an der Klinke, wobei sie die wüstesten Beschimpfungen gegen Frank ausstieß.
»Er hat uns eingeschlossen, habe ich Recht?«
Theresa fuhr erschrocken herum und hob die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Ihre Augen traten vor Unglauben ein Stück weit aus den Höhlen. »Leonie!«, ächzte sie. »Wo kommst du denn...?« Sie brach ab. Ihre Augen weiteten sich noch mehr, während ihr Blick über die scheinbar massive Ziegelsteinmauer hinter Leonie tastete. Leonie drehte den Kopf, um ihrem Blick zu folgen, und als sie es tat, verstand sie den ungläubigen Ausdruck in Theresas Augen sehr viel besser. Von hier aus betrachtet wirkte die Mauer vollkommen massiv. Von den Knien abwärts verschwanden ihre Beine einfach in der Mauer!
Theresa seufzte. Sie runzelte die Stirn und nickte. »Ich verstehe«, murmelte sie. »Das Archiv.«
Statt einer Antwort robbte Leonie ächzend ganz auf den Regalboden hinaus und setzte dazu an, sich umzudrehen und zu Theresa hinabzuklettern, aber die junge Frau winkte hastig ab. »Bleib da.«
Leonie blinzelte. »Wie meinst du das?« Täuschte sie sich oder war in ihrer eigenen Stimme plötzlich ein leiser, aber unüberhörbar hysterischer Unterton?
Theresa schnaubte. »Fragst du das im Ernst? Wahrscheinlich ruft er jetzt mit seinem Handy die Kavallerie. In spätestens einer Stunde wimmelt es hier von seinen Kollegen.« Sie schenkte der verschlossenen Tür einen giftigen Blick. »Und so lange wird er mich...«, sie verbesserte sich, »uns garantiert hier eingesperrt lassen.« Sie schüttelte resigniert den Kopf, riss sich mit sichtlicher Mühe vom Anblick der verschlossenen Tür los und begann direkt neben Leonie am Regal hinaufzuklettern. »Wir müssen hier raus.«
»Aber was... was ist mit dem Notausgang?«, fragte Leonie nervös.
Theresa schüttelte so heftig den Kopf, dass das gesamte Regal unter ihr zu beben begann, und zog sich mit einer entschlossenen Bewegung unmittelbar neben sie auf das oberste Brett hinauf. »Vergiss ihn. Der Schlüssel hängt im Sekretariat.«
»Ein tolles Versteck«, entfuhr es Leonie.
Theresas Blick verdüsterte sich für einen Moment. »So war das ja auch nicht geplant«, sagte sie patzig. »Ich hatte gehofft, dass er die Tür gar nicht findet.« Sie seufzte. »Anscheinend habe ich ihn unterschätzt. Es tut mir Leid.«
Leonie winkte ab. Ihr taten ihre eigenen Worte bereits wieder Leid. Sie waren ihr einfach so herausgerutscht und sie hatte Theresa gewiss keinen Vorwurf machen wollen. Dennoch ließ ihr allein die bloße Vorstellung, noch einmal ins Archiv zurückkehren zu müssen, einen eisigen Schauer über den Rücken laufen. Andererseits hatten sie ja nicht vor, zu einer Expedition durch die Tiefen des Archivs aufzubrechen. Mit ein bisschen Glück, dachte sie, während sie mit dem Fuß nach der unsichtbaren Öffnung in der Wand tastete, fanden sie auf der anderen Seite rasch einen Ausgang, der sie in die Wirklichkeit zurückbrachte.
Aber natürlich sollte es anders kommen.
Über den Styx
Obwohl Leonie sie gewarnt hatte, landete Theresa ebenso unsanft auf dem Boden der gemauerten Kammer wie sie selbst zehn Minuten zuvor. Allerdings benötigte sie nur wenige Sekunden, um die Benommenheit abzuschütteln und sich zu erheben.
»Wie behaglich«, murmelte sie, während sie missmutig abwechselnd ihre Hände und ihren - ehemals - schwarzen Rock musterte. Beides war mit einer hellgrünen, matt leuchtenden Pampe besudelt. »Nicht schon wieder!«, jammerte Theresa. »Ich dachte, das hätten wir ein für alle Mal hinter uns.«
Leonie versuchte schadenfroh zu grinsen, aber ganz wollte es ihr nicht gelingen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Nicht nur die schillernden grünen Pfützen waren zahlreicher geworden, auch der Geruch nach heißem Leim schien jetzt viel durchdringender als vorhin. Und es war ganz unbestreitbar wärmer...
»Was ist?«, fragte Theresa alarmiert. Leonies nachdenklicher Gesichtsausdruck war ihr offensichtlich nicht entgangen.
Leonie hob unbehaglich die Schultern. Spielten ihr die Nerven einen bösen Streich oder war da ein ganz leises, aber machtvolles Dröhnen und Rumpeln, das allmählich näher kam? »Ich weiß nicht«, sagte sie ausweichend. »Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns hier ganz schnell aus dem Staub machen sollten.«
»Keine Einwände«, erwiderte Theresa mit einem neuerlichen naserümpfenden Blick auf ihre Hände. »Wenn du mir sagst, wohin wir sollen.« Sie trat an die nächstbeste Wand und versuchte die hellgrüne Schmiere an den rauen Steinen abzuwischen, was ihr aber nicht so recht gelingen wollte; schließlich handelte es sich um nichts anderes als halb erkalteten Leim. Theresas Miene wurde noch verdrießlicher.
Leonie sah sich noch einen Moment lang unschlüssig um, danach tat sie das, was sie ebenso gut auch gleich hätte tun können: Sie ging bis zur Mitte des Raumes und ließ sich neben der vergitterten Öffnung im Boden in die Hocke sinken. An der Wand des Schachts, der unter dem rostigen Gitter lag und einen Durchmesser von gut anderthalb Metern hatte, führte eine schmale, ebenfalls verrostete Leiter in unbekannte Tiefen hinab. Es kostete Leonie einige Willenskraft, doch nachdem sie ihren Ekel einmal überwunden hatte, fiel es ihr nicht sonderlich schwer, das Gitter zu ergreifen und beiseite zu schieben.
Theresa, die sich neben sie gekniet hatte, ächzte: »O nein! Ich werde ganz bestimmt nicht dort hinuntergehen!«
»Es war doch deine Idee, hierher zu kommen, oder?«, fragte Leonie.
Streng genommen stimmte das nicht, dachte Leonie. Eigentlich war es Conan gewesen, der sie ins Archiv gelockt hatte. Vielleicht hatte die Maus dabei mehr im Sinn gehabt als Frank abzuschütteln. Wenn sie es genau bedachte, dann hatte Conan noch niemals etwas Sinnloses getan...
Dennoch hatte Theresa natürlich vollkommen Recht: Auch Leonie konnte sich Dinge vorstellen, die sie lieber getan hätte, als in diesen Schacht hinabzusteigen. Eine ganze Menge Dinge sogar...